Beirut Holiday Inn

Beirut Downtown

Beirut’s Central District ist voller Gegensätze – Nach dem Bürgerkrieg wurde wiederaufgebaut – Oder gentrifiziert, wie mans nimmt – Und das ehemalige «Holiday Inn» ist noch immer nicht renoviert

Beirut Holiday Inn

Nach dem letzten Schuss ist das Hotel Holiday Inn in Beirut immer noch unberührt

Es ist das Erste was ich sehe, als ich am Morgen das Licht der Welt erblicke und zur Zaituna Bay hinunterschlendere: Mitten unter den Edelskysrapern steht ein Hochaus ohne Fenster, dafür mit Einschusslöchern. Rundherum sind alle Häsuser renoviert, ja neu gebaut, glänzen in edlem Glas und weissen Beton. Architektonische Jahrhundertentwürfe. Durch den Bürgerkrieg initiierte Gentrifizierung (*zynisch*). Sie sehen alle teuer aus und sind es wohl auch. Abends sehe ich nur in den wenigsten Fenstern Licht. Hier wohnt niemand, hier hat man Wohnungen, damit man sie hat. Vielleicht um mal ein Wochenend darin zu verbringen. Oder vielleicht auch nur, um zu wissen, dass man ein Wochenende darin verbringen könnte. Vielleicht gibt es aber auch eine ganz einfache Erklärung: Sie sind noch nicht verkauft. Zu teuer, oder es hat zu viele davon, auch möglich, sehr gut möglich sogar, es hat nämlich ziemlich viele dieser Edelhäuser.

Nur eben dieses eine ist nicht edel. Es besteht nur noch aus Rohbau, es fehlen jegliche Inneinrichtungen, jegliches Möbiliar, die Liftschächte sind leer, die Lobby ebenso, noch nicht einmal die Vertäferungen der Wände haben die Diebe drangelassen und auch alle elektrischen Leitungen in den Hohldecken sind weg. Kupfer bringt gute Preise auf dem Markt. Doch jetzt gibt es hier nichts mehr zu holen. Vielmehr aber zu bringen. Die ersten drei, vier Meter der Eingangshalle sind voller Schutt, abeglagert von Leuten, die sich die Kehrichtsackgebühr sparen wollten. Natürlich besteht ein massiver Zaun um das Haus – doch der hat etliche Schlupflöcher.

Das Hotel Holiday Inn wurde 1974 eröffnet und 1975 wegen des aufflammenden Bürgerkriegs im Libanon bereits wieder geschlossen. Exakt durch dieses Quartier – der «Central District» – verlief die Front der Kriegsparteien zwischen Ost- und West-Beirut, «Green Line» genannt. Die Hochhäuser, darunter auch das 26 Stockwerke hohe Holiday Inn wurden bei Kriegsausbruch umgehend von Scharfschützen in Beschlag genommen. Die Schützenstellungen zogen logischerweise den Beschuss der Gegenpartei auf sich. Nicht nur mit scharfen Gewehren, auch mit Granaten und Raketen wurde aufeinander geschossen, aber meistens nur Mauern getroffen. Daher die Einschusslöcher am Gebäude, so gross, dass problemlos ein Erwachsenenkopf durchgehen würde. Fünf Mal hat es im Hotel gebrannt, fünf Mal konnten die Feuer gelöscht werden. Die Bilder des brennenden Hotels gingen um die Welt und das Holiday Inn wurde zum Symbol des Bürgerkriegs.

Nach dem Krieg (ab 1990) wurde der Central District fast komplett neu gebaut. Die Reste der zerbombten und zerschossenen Häuser wurden niedergerissen, die einigermassen intakten Häuser an den Rändern der Grünen Linie renoviert. Nur die Wenigsten, die hier vorher gelebt haben, so sie denn den Krieg überlebten, konnte ihre Wohungen und Häuser behalten. Sie standen der Gentrifizierung im Weg und wurden kurzerhand enteigent. Für ihre Grundstücke erhielten sie Aktien der neuen Immoblienfirma «Solidere» (Société libanaise pour le développement et la reconstruction de Beyrouth), die die Baurechte für den ganzen Central District erhielt. Gründer der Solidere und Besitzer war der amtierende Ministerpräsident des Libanons, Monsieur Rafiq al-Hariri. So ein Zufall.

  Nur das Holiday Inn sah bis heute weder Handwerker noch Abrissbirne. Es gibt mehrere Besitzer(-Gesellschaften) des Hauses, die Verhältnisse sind kompliziert, man ist sich über die Nutzung des Grundstücks/des Gebäudes nicht einig. So steht es also immer noch da wie es vor 28 Jahren von den Scharfschützen verlassen wurde. Nur dass mittlerweile sich die Ratten über alles, was irgendwie wiederverwendbar/verwertbar war, hergemacht haben. Es steht da (siehe Bild) auch als Mahnmal für die Sinnlosigkeit jedes Kriegs. Dumm nur, wenn man sich im Glamourtempel gleich daneben für 2, 3 oder gar 10 Mio $ eine Loft gekauft und nun das Mahnmal grad vor der Aussicht hat.

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