Sonne im Zenit

Gebet in der Wüste

Wenn der Fahrer plötzlich anhält, aussteigt und nicht Bisi macht – Dann ist es Zeit für das «Dhur» – Nicht um 12 Uhr sondern eine Stunde später – Weil Mauretanien in seiner Zeitzone etwas zu westlich liegt – Eine kleine Zeitzonenkunde

Eigentlich müsste das «Dhur», das Mittagsgebet, zur Mittagszeit gehalten werden. Mittagszeit ist gewöhnlich um 12 Uhr, jedenfalls für uns Alpenmitteleuropäer. Dann steht die Sonne in ihrem Zenit, das ist der Zeitpunkt des Mittagsgebets, so wie es der Prophet gewollt hatte. Mauretanien liegt in der Zeitzone «UTC±0» (Universal Coordinated Time), auch als «GMT» (Greenwich Mean Time), der Zeit, die in England, herrscht, geläufig. Doch liegt Mauretanien ziemlich am westlichen Rand der UTC-Zone, so dass die Sonne hier um 12 Uhr noch nicht im Zenit steht. Erst eine Stunde später ist das der Fall. Deshalb wird in Mauretanien das Dhur um 13 Uhr herum gehalten. Warum nicht exakt um 13 Uhr? Weil es drauf ankommt, in welcher Orstchaft man gerade ist. Die Sonne steht ja nicht an jedem Ort im selben Zeitpunkt im Zenit.

Sonne im Zenit

Die Sonne im Zenit – um uns herum nur Sand

Ob es unser Fahrer Adama so genau nimmt, glaube ich nicht. Er kan ja nicht überall sofort stoppen wenn die Zeit gekommen ist und ausserdem müsste er wissen, wann das mit dem Zenit so weit ist (variiert in Mauretanien zwischen 12h27 (Némia im Osten) und 13h06 (Nouadibou im Westen). Aber hier in der Wüste zwischen Chinguetti und Ouadame muss er auf keine anderen Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen. Er kann einfach halten, wo es ihm passt und das tut er auch. 12h57 ist es, Adama hält auf einer sanften Düne an, steigt aus und geht ein paar Meter nach Süden und betet. Ich pisse. Verena sucht Schatten. Achmad nimmt es nicht so genau mit Beten. Ich glaube er macht ein Kurzgebet und schaut dann nach der Ladung. Einer muss die Situation im Auge behalten wenn alle anderen ihren Sachgeschäften nachgehen. Doch es kommen Fragen auf: Wo ist Süden? Wo ist unser Schatten?

Wir haben keinen Schatten. Ich weiss nicht wo Süden ist. Ich, wäre ich der Fahrer, würde nun einfach in etwa die Richtung weiterfahren, wo ich hergekommen bin und würde wahrscheinlich irgendwann wieder hier ankommen, weil ich im Kreis gefahren bin. Man weiss, dass Leute im Nebel oder eben beim Fehlen des Schattens im Kreis gehen, auch wenn sie denken, die gehen geradeaus. Ich, wäre ich der Fahrer, würde uns ohne es zu wollen dem sinnlosen Tod im endlosen Sand entgegenfahren weil ich nicht mehr wüsste, wo ich bin (ein Navi hat unser Fahrzeug nicht und maps.google geht ohne Netz auch nicht). Ohne Schatten wäre ich entnetzter Alpenmitteleuropäer voll am Arsch hier, und es würde auch nichts bringen, die Nacht abzuwarten, weil ich mit Sternenbildern nicht auskenne.

Unterhalb des 36. Breitengrades, genauer: zwischen dem nördlichen 36. und dem südlichen 36. Breitengrad gibt es für jeden Punkt (Nadir) zwei Momente im Jahr, in dem die Sonne exakt senkrecht über diesem Punkt steht (Zenit). Ein Pfahl auf diesem Punkt wirft in diesem Moment keinen Schatten. Ohne Schatten keine Orientierung (diese Sache kann man auch in meinem Buch «Saharaoui» nachlesen imfall), also Arschkarte. Adama scheint sich um die Sonne und ihre Ekliptik nicht zu kümmern. Elektronische Orientierungshilfen braucht er auch nicht. Auch ohne Wegweiser oder gar so etwas kopmfortables wie eine Strasse treffen wir eine halbe Stunde später in Ouadane ein. Mitten im Zentrum des Dörfchens. Ein Navi hätte uns nicht besser führen können. Ein Phänomen, dieser Adama, spricht kein Wort die ganze Zeit und findet jedes Ziel ohne irgendeine Hilfe.

Später am Nachmittag, mit Schatten, aber gleich verloren:

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