Archiv des Autors: admin

Luxor Kutschenfahrt

Kutsche im Souk

Sightseeing à la faule Touristen – mit Kutsche im Souk von Luxor und niemand reklamiert – gelebte Toleranz!

LUXOR – Voll durchgeknallter Ritt mit Mohammed durch den Souk von Luxor. Dazu sage ich eigentlich nichts ausser dass auch das eine prägende Erfahrung sein kann 🙂

 

Nun gut, es würde der schönen Stadt Luxor mit all seinen Zeitzeugen nicht gerecht, hier nichts darüber zu sagen. Nach den Abenteuern mit Mohammed, den gebüssten Taxifahrer und dem jungen Kutscher Mohammed (heissen eigentlich alle ägyptischen Männer Mohammed?) lasse ich es mir im «Achti Resort» (nöd nüni, imfall) gutgehen. Ich nusche ein wenig in den Informationen, die das Internet über Luxor hergibt, herum.

Da wär‘ zum Beispiel der Obelisk vorne am Luxor-Tempel. Bitzli unscheinbar steht er da  mit seinen 23.5 Metern und 230 Tonnen in all den Bauwerken, den halb- und ganz zerfallenen der ziemlich weitläufigen Tempelanlage. Vor 3’300 Jahren wurde er hier auf Anordnung des  Pharao Ramses II aufgestellt und hat bis anfangs 1832 mit seinem Zwilling den Einganz des Tempels flankiert. Dann kam es dem gerade regierenden Muhammad Ali Pascha (schon wieder ein Mohammed) in den Sinn, sich beim Franzosen Jean-François Champollion, der den Stein von Rosetta erstmals entschlüsselt hatte, zu bedanken. Da der Schriftgelehrte nun aber ein wenig zu niedrigen Ranges war, schenkte Ali Pascha den Obelisken dem König von Frankreich, Louis Philippe. Dieser Obelisk steht nun seit 1836 auf dem Place de la Concorde in Paris. Champoillon erlebte die Ankunft des Steines in Paris nicht mehr, er starb zu dem Zeitpunkt, als der Obelisk in Luxor gerade verschifft wurde.

Totentempel Hatschepsut Luxor

Hatschepsut

Hatschepsut hätte Freude gehabt an mir – die Tempelwächter weniger – Wie man ein verbotenes Foto schiesst, andere die Busse bezahlen lässt und sich dann davonmacht

LUXOR – «Das ist die Westbank», meint mein Fahrer, «das ist ganz etwas anderes!» In Luxor unterscheidet man streng zwischen Ost- und Westufer, der «Eastbank» und der «Westbank». Luxor liegt auf der Eastbank, nichts von Luxor befindet sich auf dem westlichen Ufer, darauf legt Mohammed, mein Taxifahrer, Wert. Er wohnt am Ostufer, also in Luxor. Im Gegensatz zu Luxor, das eine Stadt (ca. 500’000 Einw.) ist, gibt es auf der Westbank nur ein paar kleinere Dörfer. Die meisten Einwohnenden dort sind Bauern, beschäftigt mit der Produktion von Zuckerrohr.

Die beiden Haupt-Hotspots von Luxor findet der Tourist auf der Westbank, also gar nicht in Luxor: Das Tal der Könige und der Totentempel von Hatschepsut. Da rennen sie alle hin, die Touris, die in den Hotels von Luxor für eine Nacht bleiben, das Hotspot-Besichtigungsprogramm innerhalb des einen Tages abspulen und dann wieder verschwinden. Zum Flughafen, nach Assuan und Abu Simbel, oder per Bus durch die Nacht den Nil runter nach Kairo. Zu Hatschepsut und den Königen fahren sie alle über die einzige Brücke in Luxor, die zudem noch etwa 4 Kilometer flussaufwärts steht (?) über den Nil, sie alle müssen hier durch, es gibt kein Hotels auf der Westbank und keine Alternative zu dieser Brücke. Von meinem Zimmer im «Achti Resort» kann ich den Berg, in den Hatschepsut’s Tempel gebaut wurde, von blossem Auge sehen, aber der Weg dahin misst 15km und deshalb braucht man ein Taxi.

Dass alle dann durch dies selbe Strasse fahren, ist gut für die Handwerker und Händler auf der Westbank, die hier Vasen und Skulpturen aus Alabaster und/oder Basalt verdealen und sonst noch Dinge, die man nicht unbedingt braucht, aber einen an den schönen Sightseeing-Urlaub am Nil erinnern. Auch ich werde vor so einem Bildhauerladen abgeladen, wo mir der Meister zeigt, wie fleissig sein Sklave (Mitarbeiter) an einem Alabastertopf kratzt, den er dann irgendwann, wenn er den fertig ist (der Topf, nicht der Sklave), an eine Chinesin verkauft. Überhaupt, die Chinesen seien seine Konkurrenz, exakt genau die gleichen Dinge stellen sie her, aber aus viel billigerem Material, Kunststoff, Beton oder Gips. Lieber habe er die Chinesen als Kunden, aber meistens verstehen sie ihn nicht, da Chinesen nicht Englisch sprechen, es sei denn der oder die GuidIn. Die dann alle Hände voll zu tun haben, ihrer Reisegruppe die Obersuperspezialangebote des wortgewandten Händler’s zu verklieckern.

Das Geschäft laufe schlecht zurzeit, meint er, früher wären viel mehr Leute gekommen, ich sei der erste Kunde heute (um 11 Uhr) und die Chinesen kaufen sehr zurückhaltend. An seinem Verkaufstalent jedenfalls kann es nicht liegen. Das beweist er mir und will mir das und dieses und beides zusammen für 125$ verkaufen, oder die kleine Figur für 80$, was natürlich masslos zuviel ist, meine ich. Und die Figur ohne linken Arm, das müsse so sein, früher habe man Dieben den Arm abgehackt, und das sei eben so einer, sagt der vife Händler. Wobei, meiner Meinung nach, der Arm abgebrochen ist, vielleicht von einer unvorsichtiige Chinesin vom Regal geschupft.

Die Zeiten sind schlecht in Luxor (in ganz Ägypten) und so müssen halt die, die noch kommen, gehörig abgezockt werden. Manchmal triffts aber auch die Eigenen. Als wir auf dem Parkplatz vor dem Hatschepsuttempel vorfahren, steige ich aus und mache gleich mal ein Foto vom Ganzen. Schon rennen zwei Parkwächter daher und stauchen meinen armen Mohammed zusammen. Ich habe keine Ahnung worum es geht, es wird mir aber bald klar, die Beiden weisen auf das Schild (das man jetzt wirklich nicht grad auf Anhieb sieht), worauf steht, dass das Fotografieren der Anlage, ohne dass man eine Ticket gekauft hat, verboten ist. Der wie gesagt arme Mohammed hat das nicht gewusst, und deshalb muss er wohl eine Busse bezahlen, denn der Eine der Beiden beginnt zu telefonieren.

Totentempel Hatschepsut Luxor

Hatschepsut’s Totentempel für 425 ägyptische Pfund

Ich fühle mich ziemlich unschuldig, meine aber dennoch, dass dies hier reine Abzockerei sei, und meine im weiteren zu Mohammed, dass wir gehen sollten, ohne Besuch des Tempels, also ohne ein Ticket zu kaufen, da dies ein ungastlichr Ort ist. Es vergeht keine Stunde, klingelt Mohammed’s Handy, sein Chef staucht ihn zusammen dass ich es noch auf dem Beifahrersitz höre. Die Polizei habe sich gemeldet, die Busse betrage 425 EGP, morgen Samstag zu bezahlen auf dem Polizeiposten. 23 Fr., horrend, würde ich meinen, das meint mein Mohammed natürlich auch und er will, dass ich das übernehme, zumindest mich beteilige. Ich meine, es wäre nicht meine Schuld, ich sei völlig nichtsahnend und von ihm müsse man erwarten, dass er über die Gepflogenheiten an seinem Arbeitsort Bescheid weiss. Natürlich tut er mir auch ein wenig leid, aber Mitleid ist nicht das was man zeigen sollte in Ägypten, denn schon 5 Minuten später zockt einen der Nächste ab hier, ohne Wimpernzucken. Wenn man nicht aufpasst.

Ausserdem, meine ich, wäre etwas Pietät angebracht, denn exakt hier an dieser Stelle sind vor fast genau 20 Jahren (17.11.97) bei einem Attentat 62 Personen getötet worden, 36 davon waren SchweizerInnen. Diesen Fakt erwähne ich in unserer heftigen Diskussion nicht, es wird ihm, Mohammed, ohnehin egal sein, bzw. er wird es bei seinen (geschätzt) 30 Jahren wahrscheinlich gar nicht bewusst sein.

Hatschepsut war eine altägyptische Königin (Pharaonin) der 18. Dynastie. Nach ägyptischer Chronologie regierte sie etwa von 1479 bis 1458 v. Chr. Ihr Totentempel bei (und nicht in!) Luxor ist über 3’550 Jahre alt.

 

Dorudon atrox

Im Tal der Wale, Teil 3

Wie die Wale nach Ägypten kamen und nicht wieder gehen konnten – wie aus Skiliftspuren ein Waschbrett wird – die Wüste lebt nicht mehr oder doch?

Wadi al-Hitan – Die letzten 30 Kilometer ist die Strasse keine, sondern eine Kies-/Sand-Piste. Und auch der Begriff «Piste» ist eigentlich nicht der richtige, besser wäre: quergestelltes Wellblech (Waschbrett). Wie wenn man mit einem Velo über ein  solches führe fühlt es sich an. Bei jeder Durchfahrt werden die Wellen noch etwas welliger, was den nächsten Drüberfahrer noch mehr schüttelt. Man kennt das Phänomen vom Skilift: Erst zieht die Maschine eine wunderschöne Spur in den Schnee, dann entstehen aus unerfindlichen Gründen kleine Wellen. Immer wenn zwei Skis (oder ein Snowboard) über eine Welle gleiten, bildet sich dahinter ein kleines Wellental, das durch die Schwere des Gleitenden immer tiefer wird. Der weggedrückte Schnee wird zu nächsten Welle undsoweiter. Genaus geht das bei Wüstenstrassen: es entsteht mit der Zeit ein Waschbrett.

Langsam darüber zu fahren bringt’s nicht und ausserdem kommt man so nie an. Die Lösung wäre, mit richtig Tempo darüber zu donnern. Das wiederum tut dem Auto nicht gut. «Viele Leute machen das, aber sie glauben es einfach nicht, irgendwann ist das Auto nämlich kaputt und sie fragen sich warum.» Sagt Raffad, mein Fahrer mit seinem 24-jährigen und 449’889 Kilometern gefahrenen Toyota Landcruiser. Also fährt Raffad neben der Piste. Viele machen das, man sieht es an den Radspuren. Das ist nur ein wenig komfortabler, schont die Mechanik aber fordert meine Grobmotorik. Das Fahren neben der Strasse in der Wüste ist wie eine Atlantiküberquerung im Fischkutter – man braucht Steh- (oder Sitz-)vermögen und einen guten Magen. Nach einer Stunde erheben sich die Felsformationen, die ich schon die ganze Zeit am Horizont sehe, in Lebensgrösse vor uns. Wir sind im Wadi al-Hitan, im Tal der Wale.

Im Tal der Wale gibt es Wale, bzw. deren Überreste, weil hier einst (vor 40 Mio Jahren) ein Meer war, das «Thetys». Dieses Meer (eigentlich eine Meereszunge) trennte den Kontinent Afrika («Gontwana») von Asien/Europa («Laurasia»). Die beiden Kontinente waren nur über eine Landbrücke zwischen dem heutigen Algerien und der Türkei zum Superkontinent «Pangaea» vereint. Über die Jahre drehte sich Gontwana im Gegenuhrzeigersinn näher an Lauraisa heran, riss die Landbrücke auf, schuf das heutige Mittelmeer und schloss schliesslich die Lücke zwischen Agypten und der Levante. Führ lange Zeit blieb ein eingeschlossenes Meer dazwischen – die Thetys. Im Thetysmeer verblieben u.a. ebendiese Wale. Doch die Drehung von Gontwana hob die Erdkruste unter der Thetys immer mehr an, womit das Meer austrocknete und die Wale sowie andere Meeresbewohnende zu Grunde gingen.

Entdeckt wurden die Überreste der Wale, die in Millionen von Jahren im Sand und Sandstein konserviert und später von der Erosion freigelegt wurden, erst im letzten Jahrhundert. Bis heute sind rund 250 fossile Skelette (Basilosaurus und Dorudon atrox) registriert worden. Seit 2005 ist das Wadi al-Hitan Naturschutzgebiet und UNO-Weltkulturerbe.

Zur Eröffnung des begehbaren Fossilienparks wurde ein kleines Museum und ein Helikopterlandeplatz gebaut. Letzterer diente dem damaligen Präsidenten Ägyptens Hosni Mubarak als Landplatz. Es kam aber nur seine Frau. Die dreistündige Anfahrt durch die Wüste mit dem Wellblechfinale war ihr wohl nicht zuzumuten (wobei die Piste da noch brandneu und ungewellt war). Der Landeplatz wurde seither nie mehr benützt. Alle Besuchenden fahren auf dem 30 Kilometer langen Waschbrett zum Tal der Wale. Oder eben daneben.

Dorudon atrox

Ein recht gut erhaltener Dorudon atrox im Wadi al-Hitan

waterfall wadi rayan

Im Tal der Wale, Teil 2

Das Fayoum-Becken ist eine Depression – der Qarunsee ist eigentlich ein künstlich angelegter See, sieht aber aus wie echt – Ägyptens einziger Wasserfall

Al-FAYYOUM – Ja er ist keine Fata Morgana, der Qarunsee, der ist echt und wahrhaftig – und total versalzen. Zur Echtheit des Qarunsees gehört dass er künstlich ist. Das Becken – eine Depression entstanden vor wahrscheinlich 30 Mio Jahren durch die Verschiebung der Kontinentalplatten – ist echt. Schon vor 3’800 Jahren hat Pharao Sesostris III. entdeckt, dass die Gegend dort tiefer liegt als der Nil (bzw. der Meerespiegel) und hat den Bahr Yusuf («Josefskanal») in Auftrag gegeben. Damit hat er Wasser aus dem Nil ins Becken gebracht und so landwirtschaftlich nutzbare Fläche gewonnen. Heute ist der See, mangels Abfluss, komplett übersalzt (über 10%) und zu nichts mehr nütze ausser einem wunderschönen Anblick. Er ist auch der grösste See in Ägypten und ein Naturschutzgebiet. Der Kanal besteht noch und bewässert die Acker und Plantagen rund um die Stadt Fayoum.

Erst vor etwa 45 Jahren wurde vom Josefskanal eine unterirdische Verbindung ins Wadi el-Rayan, ein noch tieferliegendes kleineres Becken (60 m.u.M.) gabaut, wodurch die Fayunseen entstanden. Die beiden Seen bilden ein Reservoir für die Bewässerung der Kulturen im Tal («Wadi») westlich der Seen. Weil aus diesen beiden Seen ständig Wasser entnommen wird, steigt der Salzgehalt nicht und es gibt darum eine reiche Fischfauna im See, was wiederum Nahrung und Arbeit für die Bewohnenden der Region bedeutet. Zwischen den beiden Seen gibt es ein Gefälle von 10 Metern, was bedeutet, dass sich der obere See in den unteren entleeren würde. Um dem vorzubeugen, wurde eine künstliche Geländetreppe angelegt, womit ein etwa 6 Meter hoher Wasserfall entstand. Er ist Ägyptens einziger und damit auch höchster Wasserfall.

waterfall wadi rayan

Der höchste Wasserfall in Ägypten

Birket Qarun/Qarunsee/Lake Qarun

Im Tal der Wale

Die Wüste lebt – eine fast verbotene Alternative zur obligaten Piramidenbesichtigung und ein magischer See – ein künstlicher Wasserfall der echt ist und das Wadi al-Hitan war einst ein Meer

GIZEH – Etwas lerne ich schnell in Ägypten: Als Tourist muss man immer sehr früh unterwegs sein. Gnadenlos holen einen die Tour Operators um Sieben vor dem Hotel ab, und wenn der Trip auch nur zu den Pyramiden geht (die von jedem Hotel in Gizeh in max. 15 Minuten erreichbar sind). Das führt dann zu Menschenaufläufen schon morgens um Acht, man glaubt es kaum. Das kommt davon, dass es im Sommer bei den Pyramiden und auch sonst überall ziemlich heiss wird im Laufe des Tages. Wer im Sommer nach Ägypten fahren muss, der wird das frühe Aufstehen um etwas zu erleben bestimmt schätzen. Ich aber nicht, und überhaupt, es ist Winter, es wird mittags gerade mal 20 Grad warm, also eigentlich kein Grund für morgendliche Hetze.

Aber bei den Guides und Operators ist das nun mal so drin im Biorhythmus. Eine Tour beginnt um Sieben, ganz gleich wohin sie führt. Ich füge mich also und stehe um Sieben in der Lobby. Einer hält ein Schild, auf dem «Michael Hug» steht, vor seiner Brust. Achmed, mein Führer. Wir fahren ins «Wadi al-Hitan», ins Tal der Wale («valley of whales»). Eigentlich sei die Tour verboten, teilte mir Nesma, die Dame bei «Maestro Tours» bei der Buchung mit. Aber es werde schon keine Probleme geben, meinte sie, das Schlimmste («most whorst») was passieren könnte, wäre, dass die Polizei uns zurückweisen würde. Doch jetzt offenbart mir Achmed, dass das Verbot schon vor zwei Monaten aufgehoben worden sei, Nesma sei nicht auf dem neuesten Stand. Das Verbot, im Übrigen, hätte die ganze Wüste westlich und östlich von Kairo betroffen (teilweise besteht das Verbot immer noch, vorab auf der Sinaihalbinsel), und sei wegen der Aktivitäten diverser Terroristen und/oder Jihadisten im Grenzgebiet zu Libyen ausgesprochen worden.

Doch Libyen ist weit weg (600km) und wir wollen ja nur ins Wadi al-Hitan, 175 Kilometer südwestlich von Kairo. Dafür brauche man gute drei Stunden, meint Fahrer Raffad. Es sei nicht geplant, das Ganze in einem Stück zu fahren. Man werde einen Tempel betrachten gehen, einen See, einen Wasserfall (echt jetzt!) und dann eben dieses Wadi. Auf dem Rückweg gäb’s dann nochmals einen See zu sehen, einen magischen sogar («magic lake») und einen Panoramaberg. Ausserdem werde man im Wadi einen Lunch bei den «locals» einnehmen. Ein beladenes Programm also, das braucht Zeit, mit ein Grund, dass man, also ich, um halb Sieben aufstehen musste (was zuhause zurzeit halb Sechs entsprechen täte). Und tatsächlich, wir werden die Zeit brauchen, denn auch ohne gross Abhängen unterwegs kommen wir erst zur Dämmerungszeit zurück.

Auf dem Weg ins Wadi fällt als erstes der grösste aller Friedhöfe weltweit (nun ja), auf. Turkish Coffe at Lake QarunAls zweites, dass wir uns dabei bereits in der Wüste befinden. Die Wüste beginnt schon kurz nach den Pyramiden bei Gizeh und endet irgendwo in Marokko, sagt Achmed. Dies ist die Sahara, doch nennt man sie hier einfach «desert». Nicht dass diese Wüste unbewohnt wäre, es hat schon das eine und andere Dorf oder Oase, gar einen See (siehe oben), doch nach Gizeh ist nichts mehr grün, sondern alles nur noch beige, Sand eben. Man muss sich vorbereiten und deshalb fragt mich Raffad nach einer halben Stunde, ob ich noch zur Toilette («bathroom») müsse, weil jetzt käme dann nur noch Wüste (als ob mann in der Wüste nicht scheissen könnte). Ich muss nicht, «go ahead» sage ich, lass es rocken. Bald fährt Raffad von der «Regional Ring Road» (die eine dreispurige Autobahn ist) runter und wir sind jetzt 80 km südwestlich von Kairo und endgültig im ägyptischen Outback.

In der Folge kämpfen wir uns, also Raffad’s Toyota Landcruiser, 20 Minuten lang durch die Sandverwehungen auf der Strasse. Dann blitzt am Horizont der blaue Qarunsee und ich rufe «Stop – let’s take pictures!». Kaffeepause. Raffad entzündet seinen Gasbrenner im Kofferraum (!) und macht mir einen guten türkischen Kaffee. Die Sonne scheint (nicht brennt, was ja vorkommen soll in der Wüste), der Tag ist jung, das Panorama fantastisch, mein Leben in Ordnung.

Letzteres geht im nächsten Post weiter.

Birket Qarun/Qarunsee/Lake Qarun

Januarmorgen am Birket Qarun (Qarunsee/Lake Qarun)

 

Alexandria Main Station

Zug nach Cairo

Zugtickets löst man in Ägypten besser früh genug – Touristen müssen den Nachtzug nehmen – Infrastruktur ist im katastophalen Zustand – aber die Züge sind pünktlich – man kann auch billig fliegen

ALEXANDRIA – Ich hätte eben doch besser gestern schon das Ticket nach Kairo gekauft. Nun steh‘ ich da, bzw. sitz‘ und wart‘ auf den 14-Uhr-Zug. Dabei bin ich heute morgen extra früh genug aufgestanden, hab‘ mir ein Taxi zum Hauptbahnhof geschnappt und bin eine Stunde früher als mein ausgewählter Zug losgefahren wäre, am Ticketschalter angestanden. Das heisst, ich bin an drei Schaltern angestanden, an den ersten beiden hat man mich weitergewinkt, warum auch immer. Offensichtlich sind die vier Schalter, wovon einer unbesetzt ist, für verschiedenen Züge da oder für verschiedene Klassen oder verschiedenen Leute. Vielleicht steht das alles auf den vielen Zetteln, die rund um die Schalterfenster angeschlagen sind. Lesen müsste man sie können.

Der Zug um Zehn nach Gizeh ist schon voll, sagt die freundliche Schalterfrau. Der nächste, der in Frage kommen würde, ist der Zug nach Kairo, der fährt um 14 Uhr, aber der fährt eben nur bis Cairo Ramsess Station. Ein Zug von da nach Gizeh fährt dann aber nicht mehr, sagt die Frau. Vom Ramsess Bahnhof ist es mit dem Taxi eine gute halbe Stunde nach Gizeh, soviel weiss ich (was ich nicht weiss, ist, wie lange es in der Rush-Hour um 16:30 Uhr dauert, zu der ich ankommen werde). Also löse ich ein Ticket nach Cairo, was mich das Sümmchen von 100 EGP (ägyptische £) kostet (5.50Fr. (distanzmässig St.Gallen – Bern)). Soweit so gut, nur – was mach‘ ich nun bis zur Abfahrt? Mit zwei Gepäckstücken in den Händen die Stadt erkunden? Mich in eine Ecke legen und abdösen? Ein oder zwei Bier zwitschern, Zeitung lesen, im Internet rumhängen, Zmittag essen? Geht natürlich alles nicht. Es hat keine Gepäckfächer. Es hat keine ruhigen, bequemen Ecken (vom ganzen Bahnhof ist in etwa ein Viertel zugänglich, der Rest ist abgesperrt, verfallen, under construction oder unappetitlich. Bier gibt es im einzigen Café innerhalb des Bahhofs nicht. Free Public WiFi ebenso nicht. Für Zmittag ist es noch zu früh.

Also hänge ich im einzigen Café innerhalb des Bahnhofs ab, löse für superteure 49.90Fr. 2 GB Datenroaming bei der Swisscom (womit man 9x nach Kairo fahren könnte), check‘ dies und das im Internet und schick‘ halbfertige Blogposts auf meine Website, trink‘ 2 Kaffee’s turkish style, ess‘ 1 Chicken-Sandwich und schau‘ den herrenlosen Katzen zu (welche wiederum auf mein Sandwich schielen). Die zweieinhalbstündige Fahrt von Alexandria nach Kairo verläuft wenig spektakulär. Endlich, nach etlichen verkehrten Fahrten auf meinen vergangenen Reisen habe ich einen Stuhl der in die richtige Richtung steht und erst noch am Fenster. Ich kann also die Gegend betrachten. Bis zum Moment, wo der Zug eine leichte Richtungsänderung macht und die Sonne ins Abteil scheint. Das passt meinem Sitznachbarn nicht, worauf er mich bittet, die Vorhänge zuzuziehen. Worauf ich natürlich nichts mehr sehe von seinem schönen Land, was ich ihm auch zu verstehen gebe, aber er versteht glaubi‘ nicht.

Zwei Tage später und nach einer Exkursion ins Tal der Wale (echt imfall, siehe nächster Blogpost) möchte ich im Bahnhof von Gizeh ein Ticket nach Luxor lösen. Wieder winkt man mich 2x weiter, wieder braucht das natürlich seine Zeit, denn vor jedem Schalter stehen 10 Leute (wobei Frauen in Agypten immer Vortritt haben und die Männer deshalb links überholen dürfen, was Hoffungen auf baldiges Drankommen überraschend zerbröseln lassen kann (auch bei der Handgepäckkontrolle im Flughafen, wobei sich vor zwei Scannern automatisch zwei Kolonnen bilden (dumm nur, wenn man spät bemerkt, dass mann in der falschen steht))). Als ich endlich dran bin an dem mir zugewiesenen Schalter meint der Mann dahinter, dass «Ausländer» (und er sagt das Wort tatäschlich auf Deutsch, wobei ich erschrecke, denn als Ausländer wird man im Ausland eigentlich selten als Ausländer angesprochen) hier nicht bedient werden, sondern am Spezialschalter für Nachtzüge anstehen müssen (wobei mir nun klar wird, dass schon die beiden Schalterleute vorher mit ihrem Winken nach rechts den speziellen Ausländerschalter noch weiter rechts neben der Schalteranlage meinten).

Nachdem ich mir die Preisliste der Nachtzüge betrachtet habe, lasse ich Raffad, meinem Tour-Driver, auf den Schaltermann von vorhin los um in Erfahrung zu bringen, wie das gemeint sei mit der Ausländerabweisung. Ausländer können keine Fernzüge lösen, klärt er mich dann auf, für die 10-stündige Fahrt nach Luxor muss man, also ich, den Nachtzug nehmen. Der aber kostet je nach Komfort und Privatsphäre zwischen 40 und 120 US$ – dafür sei er aber bestens bewacht. Nur ist dieser Zug zum Schlafen da und nicht zum Betrachten der Landschaft, was zwar Sinn macht aber mir keinen gibt. Ausserdem kann oder darf ich ja noch eine bezahlte Nacht im Hotel Mercure Le Sphinx in Gizeh abschlafen. Man könne auch einen ägyptischen Strohmann das Ticket kaufen lassen, lese ich später im Hotel im Internet (es hat im Bahnhof von Gizeh kein WiFi), man bekomme keine Probleme im Zug, meint da Einer, der es ausprobiert hat. Ich habe jedoch keine Lust, morgen nochmal zum Bahnhof reinzufahren, bzw. mich von einem Taxi reinfahren zu lassen (würde auch ausserhalb der Rush Hour 1 Stunde dauern), um dann womöglich zu vergewärtigen, dass der Zug schon voll ist (der einzige Zug von Kairo nach Luxor, der nicht zu nachtschlafener Zeit ankommt, fährt morgens um 08h30).

Auch die Egyptian National Railways im 21. Jahrhundert angekommen (was man angesichts der katastrophalen Gleisanlagen nicht gleich glauben würde) und man kann Tickets auch online kaufen. Dieser Sache aber traue ich nicht wirklich, denn angesichts der vielen falschen Fahrplanangaben kann ich mir schon vorstellen, dass ich dann mit einem (ausgedruckten) Ticket dastehe, das aus irgendwelchen Gründen nicht gültig ist. Also mache ich kurzen Prozess, kaufe in der last minute einen Flug bei der Nile Air nach Luxor und gut ist. Kostet mich 79Fr. für eine Stunde Flug was etwas mehr als der Hälfte des Preises für eine Pritsche in einem 2er-Abteil im Nachtzug entspricht. Das Problem dabei ist nur, dass ich dazu um 04h45 (in Worten: Viertel vor Fünf) aufstehen und mich dann diagonal durch Kairo fahren lassen muss, was schliesslich dennoch nur 40 Minuten statt der erwarteten 90 dauert. Morgens um Fünf sind die Strassen in Kairo noch frei.

Warum es die Schikane mit dem Nachtzug für Touristen überhaupt gibt, nimmt mich dann noch wunder. Im Internet erfahre ich, dass sie zu unserem Schutz eingeführt worden sei. Aber warum kostet’s dann 12x mehr? Diese Frage beantwortet mir Raffad: «Die wollen halt die Dollars!» Und irgendjemand verdient dabei kräftig mit.

Alexandria Main Station

Bahnhof Alexandria – links Zug nach Kairo, rechts Zug nach Nirgendwo – zurzeit in Renovation

Alexandria BBQ

Alexandria und Kleopatra

Wie Alexandria Alexandria wurde und was es mit Kleopatra zu tun hat (nämlich fast nichts) – das siebte Weltwunder – Barbeque am letzten Tag des Jahres

ALEXANDRIA – Immer schon hat mich die Frage beschäftigt, warum Alexandria Alexandria heisst. Vielleicht hatte ich damals in der Schule gerade einen Fensterplatz, als es um Ägypten ging oder um die längsten Flüsse der Welt oder um einen der grössten Eroberer der Welt. Es hätte also mindestens drei Gründe gegeben, auf Alexandria aufmerksam zu werden – aber ich wurde es aus mir nicht mehr rekonstruierbaren Gründen nicht. Zeit, dies nachzuholen. Deshalb, aber nicht nur, bin ich hier, wenn auch nur kurz, nämlich gerade mal 36 Stunden. Dann hat mich der wärmere Süden gerufen, Kairo nämlich und dann Assuan (und bald folgt der Sudan). Und tatsächlich, das Wetter wurde immer besser und angenehmer desto süder. Ich bin also zu der Zeit, in der ich das hier schreibe, schon weit weg von Alexandria, in Luxor nämlich.

Stets stand und steht Alexandria im Schatten der Hauptstadt Kairo. Dabei hat die Stadt an der Mündung des Nils viel mehr Geschichte und war zu ihren besten Zeiten richtig wichtig. Alexandria wurde 331 v.Chr. von Alexander dem Grossen (356 bis 323 v.Chr.) gegründet. Der König von Makedonien hatte zu jener Zeit einen richtig guten Lauf und eroberte ganz Kleinasien. Aber die Herrschaft Alexanders über sein Reich endete schon bald wieder, kaum dass er gestorben war bzw. sich zu Tode soff. Als Alexander der Alkoholiker an den Nil kam, wurde er wie ein neuer Pharao empfangen. Als er mit 33 Jahren ging, wurde Alexandria Hauptstadt des Ptolemäischen Reich’s und es gab fortan nur noch Könige (und Königinnen) statt Pharaonen. Auch Kleopatra (69 v.Chr bis 30 n.Chr.) war «nur» eine Königin und zudem hatte sie nicht mehr allzuviel zu sagen, denn das Königreich Ägypten wurde schon eine ganze Weile von Rom aus gesteuert (und geplündert).

Im Jahr 69 n.Chr. fiel Alexandria endgültig an Rom, später Ostrom (bzw. des byzanthinischen Reich’s). Das Land am Nil blieb römische Provinz und wichtigster Weizenacker bis 642, als die Araber in Ägypten und später über ganz Nordafrika herfielen. Stets war Alexandria die Hauptstadt und die Gründung Kairo’s lag noch über 300 Jahre weit weg. Vor dem natürlichen Hafen von Alexandria stand einst das siebte Weltwunder der Antike, der Leuchtturm «Pharos». Er stand dort nach zwanzigjähriger Bauzeit ab dem Jahr 279 v.Chr. bis mindestens 365 n.Chr., also fast 650 Jahre und fiel dann einem Erdbeben zum Opfer. Wobei man nicht genau weiss, welches Erdbeben, das von 365 oder das von 769. Ebensowenig genau weiss man, wie hoch Pharos war: 300 Ellen stand in den Bauunterlagen. Doch weiss man nicht, ob man die kleine (0,449m) oder die königliche Elle (0.5236m) als Mass nahm. Somit war das siebte Weltwunder mindestens 135 Meter, höchstens aber 157 Meter hoch. Wäre es letzteres, wäre es zusätzlich zum Wunder auch das höchste Gebäude der damaligen Welt gewesen (so war es es halt die Cheops-Pyramide in Gizeh (ursprünglich 146.6m)).

Alexandria BBQ

Silvester-Barbeque bei Anwar Masoud B.B.Q. – natürlich kein Schwein und kein Alkohol

 

Biblioteca Alexandrina

Es raucht in den Köpfen von Alexandria’s StudentInnen – Besuch in der Biblioteca Alexandrina – wenn überall Polizeiabsperrungen sind und wie man sich eine Zitrone ausdrücken lässt.

ALEXANDRIA – Man kann ja vieles tun an einem Nachmittag des Jahres letzten Tag’s. Zum Beispiel vor dem TV rumhängen, sich vorbetrinken (oder beides zusammen), oder Skifahren fahren, oder man kann sich etwas ansehen gehen (Museum/Einkaufszentrum/Spengler Cup). Nicht alles vom Genannten birgt nachhaltig Vorteile (gerade höre ich in den Nachrichten auf Rock Antenne, dass in Frankreich ein Skifahrer von einem Baum erschlagen wurde (Sport ist Mord (meine Rede))). Da ich grad in Alexandria bin, fällt das Eine und Andere ausser Betracht, Essen aber fällt nie ausser Betracht. So also begebe ich mich zwecks Mittagessens in eine vom googel empfohlene Beiz namens «Cap d’Or».

Aus Gold ist da natürlich nichts, aber es gibt Bier, was nicht selbstverständlich ist in dieser Stadt, und nach Bier dürstet mich jetzt. Der Wirt, ein kleiner Mann ohne substantielle Englischkenntnisse (was ich ihm nicht im Geringsten zum Vorwurf mache, da ich ja ebensowenig substantielle Arabischkenntnisse habe), meint gleich zu Beginn des Bestellungsgesprächs, dass es nur Fisch gibt. Womit die Frage nach der Karte sich soeben selbst erledingt hat. Er macht ein paar Vorschläge in gebrochenem Englisch/Italienisch/sonst irgendwas, woraus ich den einen und anderen Begriff heruaszuhören glaube.  Ich bestelle also und erhalte dann frittierte Tintenfischringe (kennt man) sowie eine Handvoll gebratene Crevetten (kennt man enad auch). Plus Salat und Fladenbrot und ein Tellerchen mit einer Creme, die sich wie Omelettenteig anfühlt und auch so schmeckt.

Wie ich in der Folge so richtig reinhauen möchte, kommt der Wirt nochmal daher und presst eigenhändig und faustdick eine Zitrone über meinen Früchten des Meeres aus. Ich lasse es geschehen, auch im Wissen, dass dies einer der ganz grossen Reisefehler ist, den man begehen kann und bin optimistisch. Inschallah würden sie hier sagen, wobei hier wohl eher mein antibakterielles Abwehrsystem gefragt sein wird statt der liebe Gott. Ansonsten lässt er mich dann essen und diskutiert mit einem älteren Gast am Stock am Nebentisch, wobei mich beide nicht aus den Augen lassen. Dann und wann rennt eine Dame, von der ich annehme, dass es die Köchin ist, mit dem Handy am Ohr durchs Lokal auf die Strasse. Von diesem Moment an weiss ich, warum die Frauen hier Kopftücher tragen: Mann kann damit das Handy ans Ohr klemmen und hat beide Hände frei zum Kochen/Putzen/Kinderfüttern usw. Dumm nur, wenn man in der Küche keinen Empfang hat.

Mein nächster Plan ist die Bibliothek. Die berühmte Biblioteca Alexandrina, scheint’s die grösste Bibliothek im arabischen Raum. Da das Internet hier überall ein wenig bis sehr viel harzt, habe ich mir den Strassenplan der Innenstadt dieser Stadt vorab eingeprägt (bzw. versucht einzuprägen, wobei der situationsbedingte Schlafentzug in der letzten Nacht dabei eher hinderlich war). Nun macht mir die Polizei einen Strich durch die Rechnung, indem sie eine Strasse einfach sperrt und meinen sauberen Plan im Kopf zerbröseln lässt. Klar, die machen ja nur ihren Job und der ist delikat genug in diesen Zeiten in Ägypten, ich muss mich neu orientieren, bzw. teures Datenroaming beanspruchen. Doch allzu schwierig ist die Wegfindung zu dieser Bibliothek auch auf Umwegen nicht, steht sie doch am Meer und fast ist mir als hörte ich es schon rauschen (in Tat und Wahrheit ist es der rege Strassenverkehr). Schliesslich finde ich das Ding und auch den Ticketschalter, der nicht gleich beim Eingang ist, sondern etwas weiter davor und so bschriftet, dass man, also ich, nicht erkennt, dass es der Ticketschalter der Biblioteca Alexandrina ist, da in arabischer Schrift, derer ich nicht mächtig bin, beschriftet. Doch der freundliche Ticketvorkontrolleur – auch hier gibts Eingangs-, Sicherheits- und Ticketkontrolle inkl. Metalldetektor à la Flughafen (kein Scherz imfall – drei Kontrollen!) – weist mich auch die Begebenheiten hin.

Die Biblioteca Alexandrina wurde in den Nullerjahren anstelle (nicht an der Stelle) der ehemaligen antiken Bibliothek von Alexandria gebaut. Jene war über min. 600 Jahre (300 v.Chr. bis 300 n.Chr.) die grösste Bibliothek von Afrika und soll über 700’000 Schriftrollen besessen haben. Davon ist nichts mehr erhalten, nicht einmal irgendwelche schriftlichen Zeugnisse über den Untergang, der, vermutet man, im Zuge der Islamisierung Ägyptens vonstatten ging. Es lag also nahe, in Alexandria eine neue Bibliothek zu bauen, was ab 1985 unter gütiger Mithilfe des Staatspräsidenten Hosni Mubarak dann auch geschah. 2002 ging der 218-Mio-$-Bau zweier norwegischer und eines österreichischen Architekten in Betrieb. Bezahlt hat die neue Biblioteca Alexandrina gut zur Hälfte der ägyptische Staat, den Rest einige arabische und europäische Geberländer sowie die UNO.

Mit dem Platz von bis zu 8 Mio Büchern könnte die BA die grösste Bibliothek des Kontinents sein. Doch zurzeit umfasst die Sammlung von zugänglichen und unzugänglichen Medien nur rund 550’000 (wobei sämtliche Bände des Verlags grippedbäg aus mir unverständlichen Gründen fehlen). Die Bibliothek hat wohl zurzeit im Finanzhaushalt Ägyptens nicht erste Priorität. Nichtsdestotrotz ist sie bei den alexandrinischen StudentInnen ein heissgeliebter Ort für Recherchen und/oder rauchende Köpfe. 2’000 Arbeitsplätze gibt es Lesesaal und rund 600 Computer. Die Inneneinrichtung wurde vorwiegend in Holz gehalten, was eine warme, sanfte Atmosphäre erzeugt. Wobei ich gerne auch erfahren hätte, woher dieses Holz kam, ebenso wie der Granit der Südfassade (die auch eine Sonnenuhr ist). Beides gibt es in Ägypten nicht.

Biblioteca Alexandrina

Bibliotheca Alexandrina – man sieht’s aus den Köpfen der Studenten rauchen (oder auch nicht, siehe Dame im Vordergrund)

 

Silvester Alexandria

Erst spät oder schon früh

Mühe mit dem Aufzug – schlecht und kurz geschlafen – Suche nach Kaffee – Alexandria scheint nicht auf mich gewartet zu haben

ALEXANDRIA – Hab‘ mich heute morgen in aller Herrgotsfrühe um 10 Uhr mit dem Hotellift abgemüht. Steh‘ da in der Kabine und das Ding macht keinen Wank, obwohl er doch grad auf meinen Tastendruck hin hochgefahren kam. Ich untersuch‘ die Türen, ob sie sauber geschlossen sind, schliess sie sauber, aber der Lift steht da wie der Esel am Berg im 13. Stock und rührt sich nicht. Ich denk‘, drückst‘ halt «1» statt «G», gehst‘ das letzte Stockwerk zu Fuss. Aber nichts geschieht. Und weil eben nichts geschieht, denk‘ ich mir, der Aufzug ist grad jetzt in diesem Moment ausgestiegen, kann ja vorkommen, und ich will ja jetzt kein Risiko eingehen, dass er dann doch noch losfährt aber irgendwo im Nirgendwo steckenbleibt und niemand findet mich. Stundenlang womöglich. Also geh ich die 13 Stockwerke zu Fuss runter, stolpere zwei Mal weil das Treppenhauslicht nur alle zwei, drei Stockwerke brennt, und freue mich, dass ich mir dabei nichts breche.

Als ich zurückkomme von der erfolgreichen Suche nach Kaffee in dieser Stadt (im Hotel «Alexander der Grosse» gibt’s Kaffee nur aus dem Automaten und da ist Néscafé (oder ein noch grauslicheres Plagiat) drin), hol‘ den Aufzug runter («CALL») und drücke «13». Es geschieht wieder nichts. Da fährt das Ding plötzlich los und hält in der siebten Etage. Eine Frau tritt in die Kabine, hält den blauben Chip an die dafür vorgesehene und nicht markierte Fläche oberhalb der Tastatur und drückt «G» («Ground Floor»). Jetzt bin ich also wieder da wo ich eingestiegen bin – aber trotzdem etwas weiter.

Alles klar, Murmeltier. Den Chip habe ich nämlich auch (am Zimmerschlüssel), aber total vergessen. Als ich heute morgen um halb Sechs ankam, hat es mir der Nachtportier erklärt: «Blaues Ding an die Fläche halten!» Aber heute morgen, also eigentlich noch bevor Morgen war, war ich nicht mehr wirklich aufnahmefähig, sondern auf Abschalten (Schlafen) fixiert. Endlich in die Pfanne, weiche, weisse Kissen, schwere Decke über mir, und die Hölle kann wüten und morgen scheint eh die Sonne und es gibt den besten Kaffee der Welt. Hoffetli.

Aber weit gefehlt. Nach der Landung erst mal anstehen bei der Bank, die Geld wechselt und auch gleich die Visas verkauft, die Ägypten jedem Tourist für 25 US$ abknöpft. Dann anstehen bei der Passkontrolle, wo man als Visakäufer sowieso der Letzte in der Reihe ist (da die meisten mit mir Einreisenden ÄgypterInnen oder Residents sind und kein Visa brauchen). Dann anstehen bei der Zollkontrolle (wobei man, also ich, wenigstens bei der Gepäckausgabe nicht anstehen muss, weil das Gepäck schon längst wartend seine Runden auf dem Band dreht). Wobei die Ägypter es hier ganz besonders genau nehmen, gar so manchen Einreisenden richtiggehend filzen, wobei dann mancher Einreisender Schreikrämpfe bekommt, weil sie ihm etwas Illegales wegnehmen (z.B. Alkohol). Ausserdem muss sämtliches Gepäck durch den Scanner, wobei dann natürlich auch hier einiges zur Kontrolle anfällt, aber, wenigstens im Moment, grad keine Waffen oder Sprengstoffbausätze gefunden werden.

Eineinhalb Stunden hat das Einreiseprozedere gedauert. Eine Stunde dauerte die Fahrt mit dem Taxi zum Hotel (wobei eine Viertelstunde dafür draufging, eine Strasse zum Hotel zu finden, die nicht durch schwerbewaffnete Sicherheitskräfte gesperrt ist (das Hotel steht gleich neben einer Kirche (christliche Kirchen geniessen zurzeit in Ägypten grad erhöhte Aufmerksamkeit durchgeknallter Moslembrüder und demzufolge eben auch der Polizei). Es war halb sechs, als ich in den weichen, weissen Kissen und der schweren Decke im unterkühlten Hotelzimmer auf der 13. Etage des Alexander dem Grossen lag. Und es war neun Uhr, als der Zimmerboy an die Türe klopfte und das Zimmer machen wollte. Wobei ich dann freundlich Nein sagte, aber trotzdem nicht mehr schlafen konnte, was mich dazu veranlasste, siehe oben, einen Ort zu suchen, wo es einen anständigen Kaffee gibt.

Aber ich war heute morgen, als ich dem Tag bereits zum zweiten Mal begegnete, ganz einfach noch nicht gebacken genug für grössere technische Aufgaben.

Silvester Alexandria

Silvestermorgen in Alexandria – vorne die schwerbewachte griechisch-orthodoxe Kirche

 

Casablanca

Tanger, Rabat, Casablanca

250 Kilometer oder knapp vier Stunden Fahrt mit dem Zug (plus vierzig Minuten Verspätung aufgrund diverser nicht eruierbarer Verzögerungen) sind es von Tanger nach Rabat. Diesmal habe ich die 2 am Rücken beziehungsweise das zweitschlimmste Zimmer im wunderbaren Riad «Dar Alia» bekommen. Das schlimmste wäre auch noch zu haben gewesen, doch das habe ich nach einem kurzen Einblick abgelehnt. Mein Zimmer ist gelb gestrichen, hat aber kein Fenster nach aussen, sondern nur eins zum Patio. Ausserdem ist es gleich beim Eingang, was bedeutet, dass man, also ich, alles mitbekommt, was im Riad ein- und ausgeht. Und sie gehen nicht leise aus und ein, sondern mit viel Geschwätz, mit Türenzuschlagen und laut rollenden Rollkoffern, auch früh am Morgen und spät in der Nacht. Bei aller Schönheit dieser Riads, schallschluckend sind sie nicht, im Gegenteil. So richtig für sich ist man auch nicht, eben wegen dem Fenster zum Hof, durch das die anderen Gäste ins Zimmer schauen und schauen, was man da so treibt, auch wenn man nichts treibt. Man, also ich, muss die Vorhänge ziehen, womit es sogleich dunkel wird im Zimmer. Item, es ist ja nur für eine Nacht. Sonst ist es ein schönes und günstiges Hotel, es hat sogar einen Fernseher im Zimmer und ein funktionierendes Wifi.

Rabat ist keine schöne Stadt. Wäre hier nicht die mauretanische Botschaft, wäre ich nicht hier. Die Stadt hat gespürt, dass ich sie nicht mag und spielt mir einen zünftigen Streich. Ich suche also diese Botschaft auf und, weil hier alles ein bisschen mehr Zeit braucht, komme zu spät. Mit dem Kopf immer noch in der Ersten Welt, haben sich die Umstände während der Überfahrt aber verschoben. Alles braucht seine Zeit, manchmal so viel, dass sie gar keine Rolle mehr innezuhaben scheint. Der Zug braucht mehr Zeit als vorgesehen. Die Orientierung braucht mehr Zeit, das Mittagessen braucht mehr Zeit, der Weg zur mauretanischen Botschaft braucht mehr Zeit. Die liegt sehr weit draussen in einem noblen Vorort, den zu Fuss zu erreichen aussichtslos ist. ÖV gibt es dort nicht mehr, also muss ich ein Taxi nehmen. Taxis sind hier kein Problem, es hat genug, man steht an die Strasse, hebt die Hand und schon ist eines da. Wie im Film. Das nächste Problem ist, dass die Öffnungszeiten dieser Botschaft überall, wo ich darüber etwas finde, im Internet, auf Formularen, anders angegeben sind. Jedenfalls bin ich zu spät. Das ist eine mittlere Katastrophe, denn so muss ich morgen wiederkommen, was aber bedeutet, dass ich das Visum nicht mehr vor dem Wochenende erhalte, da man sich 24 Stunden für die Bearbeitung ausbedingt.

So ist es denn auch. Ich suche am nächsten Morgen erst mal den Bahnhof auf, da es dort angeblich einen Kopierapparat gibt. Im Hotel, diesem kleinen wunderbaren fensterlosen Riad, gibt es keinen Kopierapparat. Im Kiosk am Bahnhof, den mir Madame vom Hotel empfiehlt, ist der Kopierapparat defekt. Nach einer Viertelstunde des Herumirrens finde ich ein Geschäft mit einem funktionierenden Kopiergerät. Alsdann mache ich mich per Taxi zur Botschaft von Mauretanien auf. Dort komme ich um halb zehn schon an und habe Glück. Zweimal sogar, denn erstens gibt es keine Warteschlange vor dem Schalter (aus besagten Gründen beantragt niemand am Freitag ein Visum), und zweitens habe ich die Passkopien schon gemacht, denn man, also der Mann am Schalter, verfügt über keinen Kopierapparat. Hier wird erwartet, dass man alles bereit hat: Drei Passkopien, Pass, zwei Passfotos sowie 350 Dirham (was auf der anderen Seite des Mittelmeers 35€ sind). Ich fülle das Antragsformular aus, zahle und gehe. Ich bin guter Laune.

Casablanca

Casablanca

Ich fahre ins Hotel zurück, buche im Internet ein Hotelzimmer in Casablanca, zahle und gehe. Ich löse ein Erstklassbillett und bin in einer Stunde da. Die junge Dame an der Reception des Hotel «Moroccan House» möchte meinen Pass sehen, den habe ich aber nicht bei mir, denn der liegt auf der mauretanischen Botschaft in Rabat zwecks Visumsantrags. Die junge Dame lässt mich unter keinen Umständen ohne Pass einchecken, also stehe ich da wie der Depp. Ich versuche es ungebucht im Hotel «Ibis» beim Hauptbahnhof. Der Pass sei nicht das Problem, sagt der Concierge da, er brauche eigentlich nur die Nummer – «la numéro d’entrée en maroc» ­ die mir bei der Einreise in den Pass gestempelt wurde . Diese Nummer habe ich natürlich nicht notiert. Ich rufe Madame im Dar Alia in Rabat an. Madame gesteht, dass sie mich nicht registriert habe, man sei désolée, sie hätte sich diese Nummer nicht notiert. Ich war also ein «schwarzer Gast», einer, von dem das Steueramt nichts erfährt. Da hätte ich eigentlich auch einen besseren Preis aushandeln können. Item, ich habe die Quittung der mauretanischen Botschaft bei mir, da steht eine Telefonnummer drauf, die rufe ich nun hoffnungsvoll als nächstes an. Dort aber sagt man mir herzlich, aber aussichtslos, dass die Botschaft geschlossen sei. Es ist Freitagnachmittag halb drei. Ich bin jetzt in einer unangenehmen Lage, weil ohne Hotel, rufe nochmals Madame an, schildere ihr die ungünstigen Umstände, worauf sie zu verstehen gibt, dass ich problemlos zurückkommen könne. Mit dem Gefühl eines Pechvogels im Bauch fahre ich nach Rabat zurück, betrachte mir eine Stunde lang die linke Seite der Bahnstrecke (die Küste) und sinniere dabei: «Rabat, du magst mich nicht, ich mag dich nicht, aber du hast anscheinend noch nicht genug von mir.»

Aus: «Tre Vulcani», 2015