Cinéma Rif Tanger

Le Cinéma Rif

Cinéma Rif Tanger

Das Cinéma Rif am Grand Socco (Place du 9 avril 1947) inTanger

Das hätte ich jetzt nicht erwartet: Ein Kino in Tanger! Und dann noch ein Arthouse-Kino, das jeden Tag fünf Filme abspielt, darunter auch viele im Land selbst gedrehte Dok- und Spielfilme. Dabei ist das «Cinéma Rif» erstaunlicherweise in gutem Zustand, nicht so abgesifft wie so vieles in dieser Stadt. Ein wunderschönes Kino, so im Art-Deco-Stil, mit viel Charme uns stets ein paar schwer rauchenden Intellektuellen (und solche die sich dazu zählen) in den Sesseln im Entrée («Lounge» sagt man dem heutzutags).

Das Cinéma Rif am Place du 9 Avril 1947 (der so heisst, weil der damalige Sultan von Marokko hier am 9. April 1947 eine massgebliche Rede auf dem Weg zur Unabhängigkeit hielt (die Marokko dennoch erst 1956 erlangte)) wurde 1948, also zu Zeiten, als Tanger kein Staat und keine Kolonie, sondern eine Freihandelszone unter internationaler Verwaltung war, gebaut. Der Grund dürfte wohl das wachsende Bedürfnis der internationalen Anässigen, Übersiedler und Diplomaten nach gepflegter cineastischer Unterhaltung gewesen sein. In den Jahren vor der Jahrtausendwende degenerierte das Programm des «Rif» zum Unterhaltungstempel mit seichter Setlist und Bollywood-Filmen, das seinen Saal mit 500 Plätzen nur noch mit Mühe nachhaltig füllen konnte.

2005 wurde das Cinéma Rif totalrenoviert, sein «Grande Salle» wurde in einem mit 380 und einen kleinen mit 60 Sitzplätzen umgebaut. Das Programm wechselte ab der Neueröffnung am 29. Mai 2006 radikal zu Studio- und Dokumentar-Filmen, und zunehmend wurden auch einheimische, bzw. Filme arabischer und ägyptischer Herkunft programmiert. Der Projektor des grossen Saals wurde so gebaut, dass er um 180 Grad gedreht werden und eine Leinwand auf dem Vorplatz des Kino’s bespielen konnte. Damit wurden Openair-Events wie das «Festival national du film de Tanger» (jeweils anfangs März) mit 4’000 Zuschauenden möglich. 2007 etablierten einehimsche und französische Produzenten und Filmenacher das Medienbibliothek und -Netzwerk «Cinémathèque de Tanger».

Place Petit Socco

Petit Socco, la suite

Ich beobachte, wie zwei junge Studenten-Touristen eine ziemlich komplizierte Bestellung beim Kellner aufgeben und ich sehe den Ladenbesitzer, der als Letzter auch noch den Rollladen seines Ladens hochrollt, in dem er Lederjacken für Männer feilbietet. Ich beobachte die Szene in der Türe eines Coiffeurs, wo ich den Kopf eines Kunden sehe, eingeschmiert mit Rasierschaum und zwei Hände, die daran herum fingern. Ich sehe einen alten Mann auf einem Stühlchen kauernd, vor sich eine Kartonschachtel, die, wäre sie nicht unendlich viele Male mit Klebeband umwickelt worden, wohl wegen ihres Alters und täglichen Gebrauchs in sich zusammenfallen würde. Der Mann verkauft Zigaretten, einzeln oder im Paket, den ganzen Tag wird er hier sitzen und am Abend zumindest so viel verdient haben, dass es ihm für einen Teller Suppe reicht oder sonst etwas Existenzielles. Ein etwas jüngerer Mann steht bei ihm, vielleicht der Lehrling, der eines Tages das Geschäft übernimmt, wenn der Alte nicht mehr auf dem Stühlchen sitzen kann. Daneben steht ein altes Auto, ein Alfa, der mal schwarz war oder dunkelblau, jetzt aber verstaubt und verbeult ist und anscheinend trotzdem noch in Betrieb, denn er steht mit laufendem Motor da. Die Karre scheint niemandem zu gehören, die ganze Zeit, die es braucht, um ein Kännchen zu drei Tassen Tee zu trinken, steht das Auto da und verstinkt die Luft, ohne dass irgendwer sich darum kümmert. Ein Alfa ist hier selten zu sehen, dieser da muss eine interessante Geschichte haben. Ein Schuhputzer möchte sich meine Schuhe vornehmen, ich möchte aber nicht, irgendwie ist mir das peinlich, einen Menschen vor mir kauern zu haben, der an meinen Schuhen rummacht. Doch dem Mann geht die Arbeit trotzdem nicht aus, einige der Sitzenden, die ausnahmslos Männer sind, mit Ausnahme des weiblichen Teils des Studenten-Touristen-Paares das seine Bestellung, etwas das aussieht wie ein Cappuccino, bekommen hat, nehmen seine Dienste in Anspruch und ich denke mir, dass Coiffeure und Schuhputzer die letzten wären, denen hier in Tanger oder Marokko die Arbeit ausginge, ginge in Tanger oder Marokko die Arbeit aus.

Place Petit Socco

Gewühl in der Medina: Traditioneller Junggesellenabschied in der Rue Siaghine

In diesem Moment kommen ein paar Touristen um die Ecke, ältere Touristen, italienische Touristen, und es werden immer mehr, da hat wohl oben auf dem Grand Socco ein Touristenbus seine Ladung über die Medina gekippt, und wie sie eben so sind, die Touristen, bleiben stets alle zusammen, auf dass man niemanden verliert, und überschwemmen die engen Gassen der Medina, als wärs ein hochwasserführender Gebirgsbach im Misox. So sind sie für die Nepper und Schlepper ein gefundenes Fressen, eine ganze Horde hat sich schon um die armen Opfer versammelt, auf zwei Touristen kommt ein Händler, der ihnen irgendwas mehr oder weniger Unnützes andrehen will: Türvorlegeteppiche, Ohrringe, Schals, Teekännchen, Armbänder und tausend Dinge mehr.

Für die Touristen wird es nun schwierig, etwas von der Medina und ihrer Stimmung mitzubekommen, denn ist einer endlich abgewimmelt, hängt schon der nächste am Rockzipfel. Ebenso schwierig wird es in so einer Gruppe, sich in ein Café zu setzen, bei einem wunderbaren Minztee den Rundblick zu geniessen, zum einen wäre das Café sogleich überfüllt und anderseits müssten ja auch die Nepper und Bauernfänger irgendwie abgeschüttelt werden können, denn vor der Terrasse des Cafés machen die nicht Halt, genauso wenig wie die Schuhputzer, nur sind die weniger aufdringlich. Doch daran sind Touristen gar nicht interessiert. Sie werden wie auf der ganzen Welt zu den Sehenswürdigkeiten gekarrt, auf dass sie sich betrachten, was sie im gedruckten Reiseführer eingehend studiert haben, oder sich die nie endenden Erklärungen des lebendigen Reiseführers anhören. Nach einer Stunde oder zwei werden sie wieder aufgelesen, in diesem Fall fährt der Busfahrer vermutlich um die Medina herum und nimmt seine Klienten unten im Hafen wieder auf. Das finde ich logistisch ziemlich durchdacht, muss man doch als Tourist nicht wieder die relativ steile Rue Siaghine hochgehen. Mein Tee ist getrunken, mein Zug nach Rabat fährt bald und ausserdem stecken sich die beiden Studenten-Touristen je eine Zigarette an und der ganze üble Gestank zieht zu mir herüber. Zeit, Tanger zu verlassen. Das Geheimnis Tangers glaube ich entdeckt zu haben: Es gibt keines. Es ist wie überall: Man lebt und versucht sich dabei irgendwie über Wasser zu halten.

Aus: «Tre Vulcani», 2015

Dacia in Tanger

Dacia zollfrei

Warum fahren eigentlich soviele Dacia-Taxis herum in Tanger (Kurzstrecken-Taxi’s erkennt man daran, dass sie blau sind)? Der Grund ist ein einfacher: Ein Dacia der günstigesten Ausführung kostet hier um die 7’500 Fr (74’500 Dirham für den Dacia Logan 1.2 MPI 75 Base, siehe Bild). Was natürlich nicht nur für die Taxifahrer ein Kaufargument ist, sondern auch für ganz normale Autofahrer. Der Preis ist heiss und günstig, trotzdem muss ein durchschnittlicher Arbeiter in Marokko 25 Monatslöhne für so einen Billg-Dacia aufwenden (unsereiner etwa 4).

Die Dacia’s, ob blau oder privat, prägen inflationär das Strassenbild in Tanger. Vor vier Jahren hat man, also ich, noch fast keinen gesehen. Nun schwirren diese ehemals aus Rumänien kommenden Autos überall herum. Ich komme nicht um die Vermutung herum, zu vermuten, dass die Taxihalter Dacia’s kaufen müssen, wenn sie ein neues Auto kaufen. Der Gedanke ist nicht so abwegig. Man weiss, dass Korruption und/oder sanfte bis dringendende Bürgerlenkung Instrumente der Regierung sind im Maghrebstaat.

Das Dacia-Aufkommen hat aber auch einen anderen Grund. Seit 2012 baut die Mutterfirma Renault in einem brandneuen Werk in der Nähe von Tanger mit 8’000 Mitarbeitenden Low-Cost-Dacia’s zusammen. 340’000 Dacia’s will man in dem 300 Hektaren grossen Industriepark «auf der grünen Wiese» jährlich ausstossen. Und tatsächlich lief im Juli dises Jahres, also nach fünfeinhalb Jahren der 1-millionste Dacia vom Band (2015 betrug die Produktion von Dacia in Marokko und Rumänien zusammen 550’000 Stück). Natürlich braucht Marokko nicht 240’000 neue Dacia’s pro Jahr, die Zahl der Neueinlösungen von Personenwagen betrug 2016 nur 147’000, der grösste Teil davon waren Importe (bei 35 Mio Einwohnenden etwas wenig, aber Autos werden hier viel länger im Verkehr gehalten als bei uns).

95 Prozent der in Tanger produzierten Dacia’s werden exportiert. Renault nutzt dazu den neuen Industriehafen Tanger Med ganz in der Nähe. Logistich ist das eine optimale Lösung (was auf Planung von langer Hand und von ganz oben auf beiden Seiten, Marokko und Frankreich, hindeutet). Die neuen Autos werden noch im Werk auf Güterzüge verladen, diese fahren die paar Kilometer zum Hafen, wo sie in Autoschiffe, sog. «Car Carriers», verladen werden. Von Tanger Med aus gehen die Dacia’s in zurzeit 73 Länder, unter anderem nach Europa (via Zeebrugge), Türkei, Ägypten, Naher und Mittlerer Osten. Die Regierung (der König) Marokko’s hat Renault die Ansiedlung des Werk’s (man spricht von einer Investitionssumme von 1 Mia €) gehörig versüsst: In den ersten fünf Jahren wurde das Unternehmen von der Unternehmenssteuer befreit, seit 2017 gilt für 20 Jahre ein ermäßigter Satz. Von der Mehrwertsteuer ist Renault/Dacia gleich ganz befreit.

Dacia in Tanger

Renault hat mit seinen Dacia’s die Taxibranche in Tanger im Griff

Petit Socco

Petit Socco

Doch ich verlasse Tanger nicht, ohne noch einmal den «Place Petit Socco» aufgesucht zu haben. Truman Capote hat hier seine Lieblingsecke gefunden und ich muss sagen, er hatte recht, der gute Truman, hier bekommt man den besten Einblick in die Welt der Tangerianerinnen und Tangerianer. Der Place Petit Socco ist, wie sein Name sagt, kein grosser Platz, keiner der Versammlungsplätze, die in den modernen Städten Marokkos üblich sind, wo man flaniert und sich trifft und schwatzt und die Jungens nach Girls Ausschau halten und umgekehrt. Der Petit Socco ist dennoch der grösste Platz in der Medina von Tanger. Er liegt im südlichen Drittel dieser Medina, exakt auf der Achse, die vom Hafen hinauf zum «Grand Socco» führt, dem Flanierplatz am südlichen Rand der Medina, mit Springbrunnen in der Mitte und chaotischem Autoverkehr drumherum. Autos haben in der Medina keine weitreichenden Bewegungsmöglichkeiten, deshalb erübrigt sich ein Fahrverbot. Der eine oder andere Ladenbesitzer fährt aber trotzdem rein ins Gewirr der Gassen und Gässchen, ob zur Sicherstellung des Nachschubs oder zur Zuschaustellung seines eben erst neu erworbenen Luxusschlittens. Ansonsten werden die Läden der Medina von eifrigen Laufburschen oder Lieferanten auf umgebauten Motorrädern bedient. Vorne hat dieses Trike einen originalen Motorradteil, meistens der Marke Suzuki, hinten eine Achse mit zwei Rädern und einer Ladebrücke drauf. Offensichtlich sorgt auch hier der Staat für die einheimische Spezialfahrzeugbauindustrie und verhindert mit exorbitant hohen Zöllen den Import von bereits Erfundenem und Bewährtem, den italienischen Apes zum Beispiel. Doch anzugsstärker und schlanker sind diese Trikes allemal und gar mancher der Fahrer hat sogar einen Helm auf. Würde ich auch machen, führe ich derart forsch durch die engen Gassen dieser Medina, wo die Rechte der Fussgänger genauso wie auf der sechsspurigen «Avenue Mohammed V» keinen Pfifferling wert sind.

Dass am Petit Socco überhaupt ein Ort entstand, der Platz genannt wird, ist wohl eher Zufall als gezielte Stadtplanung. Denn eigentlich ist er ja kein Platz, sondern eine Verbreiterung der «Rue Siaghine», die entstand, weil ein Haus etwas weiter zurück gebaut wurde als die anderen. An diesem Platz gibt es drei wunderbare Cafés, eine Spelunke, eine Snack-Bar, ein Hotel, die «Ancienne Poste Espagnole», eine Moschee und ein paar Läden. Mehrere Seitengassen und -gässchen, aus denen und in die Menschen mit exakten Zielvorstellungen vor ihren Augen strömen, zweigen von ihm ab. Jetzt im Februar scheint am Morgen die Sonne gerade so auf die Terrasse des «Café Tingis», dass man sich beim «The à la menthe» herrlich wunderbar wärmen kann. Capote hat über den Platz die folgenden Worte geschrieben: «Hier ist das Tätigkeitsfeld der Prostituierten, das Hauptquartier der Rauschgifthändler, ein Zentrum der Spionage, aber es ist auch der Platz, wo schlichtere Leute ihren Abend-Aperitif trinken.»

Mag sein, dass in den Fünfzigern (als Capote dies schrieb) hier sich die Spione des Westens wie des Ostens gewollt oder unabsichtlich über die Wege liefen und vielleicht ist das mit den Huren beiderlei Geschlechts noch heute so. Ich habe jedoch keine Agenten getroffen und auch keine Nutten gesehen, muss aber anführen, dass ich nie abends auf diesem Platz war, sondern, wie gesagt, an drei Vormittagen. Das mit dem Rauschgift jedoch kann ich bestätigen, da kennen die einschlägigen Dealer gar nichts, die versuchen dem Europäer auch morgens schon Haschisch anzudrehen. Die gleichen luscheren Typen versuchen auch mir «chocolat» zu verkaufen, ich denke jedoch nicht, dass sie wirklich Schokolade meinen, vielmehr wird es sich dabei um Mädchen oder Buben dunkler Hautfarbe handeln. Wie erwähnt, drei Mal bin ich am Morgen gegen halb zehn auf diesem Platz gewesen und habe mir einen Tee auf einem Silbertablett gegönnt. Für 10 Dirham, also 1.10 Fr. für eine Kännchen Tee, aus dem sich das Glas drei Mal füllen lässt. Wozu der Löffel ist, weiss ich nicht, denn der Zucker ist ja schon drin im Tee, und zwar reichlich, der Löffel, wollte ich damit den Glasinhalt umrühren, bleibt beinahe stecken darin. Und damit man sich nicht die Finger verbrennt, gibt es ein Serviettchen dazu, mit dem man das Kännchen halten kann. Denn einschenken muss man selber. Währenddem ich dieses wunderbare, aber ziemlich heiss servierte Gebräu etwas abkühlen lasse, schaue ich dem Treiben auf dem Petit Socco zu.

Petit Socco

Dem Metzger entwischt – Schafbock auf dem Place Petit Socco

Zehn Uhr vormittags, die Menschen der Medina beginnen zu erwachen, trinken in den Cafés ihre ersten «Café noirs», in den Fruchtsaftbuden ihre Fruchtsäfte oder brauen sich neben der Kasse in ihrem Laden ihren Morgentee. Noch ist kein Tourist zu sehen, was ich ebenfalls als sehr angenehm empfinde. Mein Blick fällt, weil blickfeldfüllend, auf einen weissen, brandneuen und ziemlich arrogant parkierten Geländewagen des Typs BMW X6. 90‘000 netto kostet das Geschirr bei uns in seiner günstigsten Ausführung. 831‘500 Dirham bedeutet das hier in Marokko, plus 70 Prozent Zoll, was dann 1‘413‘550 Dirham, also eineinhalb Millionen, macht. Muss ein ganz potenter Zeitgenosse sein, denke ich, vielleicht hat er sich ja den Zoll mit einem netten Geschenk an den zuständigen Sachbearbeiter im Zollministerium gespart. Doch das ist eine ziemlich freche Unterstellung meinerseits, ich mag‘s dem Mann doch gönnen, wenn er Erfolg hat bei seinen Geschäften, die krumm sein mögen oder legal. Er gibt sich im Übrigen gerade zu erkennen, weil er einen Mann mit der Fernbedienung zum Auto schickt, um die Türschliessung zu testen, denn anscheinend funktioniert sie auf die zehn Meter, die zwischen der Karre und seinem Besitzer, der auf der Veranda des «Café Central» sitzt, liegen, nicht. Plötzlich kommt mir dieser Capote in den Sinn, der Grund dafür sind zwei Jungs, die den Eindruck wecken, als seien sie vom selben Ufer, aber auch das ist eine freche Unterstellung, deren Wahrheitsgehalt ich lieber nicht weiter untersuchen möchte. Als nächstes fährt mir der Gedanke ins Hirn, wie oft all die Leute, die fleissigen Schreiber und faulen Lebeleute, die hier eine gewisse Zeit verbracht haben, heute im Internet erwähnt werden, wegen eines ausführlichen Romans oder eines warmen Furzes, den sie gelassen, oder weil sie eine Party gefeiert haben, siehe weiter vorne bei «Hutton». Mir fährts ins Hirn, dass wohl auch jegliche Textstellen dieses Elaborats dereinst auf dem Internet wiedererscheinen werden und damit auch mein Name, und ich frage mich, ob ich wohl in einem Zug genannt werde mit diesen schwulen Schriftstellern, die sich hier der schönen jungen braungebrannten Berbersöhne bedient haben.

Aus: «Tre Vulcani», 2015

Petit Socco

Körperpflege am Place Potit Socco – guter Barbier, schlechter Fotograf

L'americaine - Dar Lidam

Casablanca

Nein, «Casablanca» wurde nicht in Casablanca gedreht. Auch nicht in Tanger, ja überhaupt gar nicht in Marokko, sondern in einem Studio der Warner Bros. in Hollywood. Wissen wir alle längst. «Rick’s Café Américaine» ist reine Studio-Fiktion, Kulisse. Dennoch keine Kulisse, die einfach so aus der Luft (dem Hirn eines BühnenbildnersIn) gegriffen wurde. Dem Rick (Humphrey Bogart) sein Café ist eine Kopie des Restaurant «El Erz» im Luxushotel «El Minzah» in Tanger.

Gestern war ich da und hab‘ mir das angesehen. Das El Minzah ist ein Obermittelklassehotel im Zentrum der Stadt unweit des Hafens und der Medina. Die Nacht im günstigesten Zimmer mit Fenster in die Stadt kostet da um die 80€, eine Suite mit Sicht auf den Hafen etwa das Dreifache. Das Restaurant (als eines von sechs Bars und Restaurants) wird als Frühstückssaal benutzt. Der Bühnenbildner oder die -in in Casablanca hat ausser den Gewölbebögen nicht viel übernommen. Weder die riesige Fensterfront hat ihn/sie interessiert noch die üppigen Vorhänge noch die Bar gleich daneben. Er/sie hat die Bögen etwas in die Länge gezogen und alles in Weiss gehalten. Was dann herausgekommen ist, könnte eine Spelunke überall in Marokko sein oder eben doch aus der Luft gegriffen.

Dennoch wurde Rick’s Café berühmt. So berühmt, dass Massen von Touristen es in der Stadt Casablanca suchten und nicht fanden. Bis eine US-amerikanische Diplomatin es nachbauen liess. Rick’s unechte Spelunke gibt es nun in Casablanca zu sehen am 248 Boulevard Sour Jdid / Place Du Jardin Public. Wie man hört, halten es die Leute tatsächlich für den Drehort von 1942.

Restaurant «El Erz» im Hotel El Minzah in Tanger- das Original von Rick's Café Americaine

Restaurant «El Erz» im Hotel El Minzah in Tanger – das Original von Rick’s Café Américaine

Wahrscheinlich war dieses Restaurant El Erz in Tanger der erste Schauplatz (wenn auch ein kopierter) für den Dreh eines westichen Kinofilms. Im Jahr 2015 wurde mit «Spectre» einer der letzten Filme in Tanger gedreht (bzw. Sequenzen daraus). Man erinnert sich: James Bond trifft sich in Tanger mit Madeieine Swann (Léa Seydoux) im Hotel «L’Américain» (was für eine Parallele!) und verbringt mit ihr eine Nacht bevor sie am nächsten Tag den Firmensitz des Bösewichts (Christoph Waltz) ausräuchern. Auch dieser Drehort war totaler Beschiss am Volk. Das L’Américain gab und gibt es nicht. Die Dreharbeiten haben in einem privaten Riad in der Medina namens «Dar Lidam» stattgefunden. Doch auch das haben Filmfans rausgefunden. Nur hier zeigt sich der Besitzer nicht so gästefreundlich wie der Hotelier im El Minzah. Er, so er denn überhaupt mal da ist (es ist sein Ferienhaus), lässt keine wildfremden Touristen in sein Haus. Was ja nachzuvollziehen ist.

Bei Casablanca, der eigentlich als Anti-Nazi-Propagandafilm gedacht war, musste gespart werden. Für die Kulisse des Cafés wurden 5000$ budgetiert (am Schluss kostete sie das Doppelte), der ganze Film kostete eine knappe Million Dollar. Gedreht wurde fast nur im Studio. Für Spectre betrug das Budget 245 Mio $, für die wenigen Sekunden, die der Film aus Tanger zeigt, reisten 100 Leute für zwei Wochen nach Tanger und belegten 1500 Hotelnächte. Das Quartier in der Medina, in dem die Dar-Lidam-Szenen gedreht wurden, wurde für zwei Tage komplett abgesperrt.

 

Grab von Ibn Battouta in Tanger

Ibn Battouta’s Grab

Wenn man also tief in Tangers Medina eintaucht, wenn man immer weiter geht und alle Strassenkarten auf dem Internet vergessen muss, weil sie einach nicht mehr stimmen, wenn man also denkt, jetzt geht es dann wirklich nicht mehr weiter, genau dann, dann geht es nicht mehr weiter. Sackgasse. In einer dieser Sackgassen, die sogar einen Namen hat (alle Gassen in der Medina von Tanger haben Namen), nämlich «Rue Ibn Battouta», liegt am Ende, bzw. steht das Grabhaus von Ibn Battouta («Le tambeau Ibn Battouta»). Und wenn man jetzt glaubt, dieses Tambeau sei derart unauffindbar tief drin in dieser Medina, dann glaubt man unrichtig, denn es sind schon zwei Touristen auch da.

Offensichtlich ist die Grabstätte in den gedruckten und geonlineten Reiseführern nicht unerwähnt. Das ist auch richtig so, denn dieser Ibn Battouta ist ein recht berühmter Sohn der Stadt. Wahrscheinlich der berühmteste, obwohl er keine wirklich grossen Heldentaten vollbracht hat. Aber das haben andere aus Tanger wohl auch nicht, und darum ist Ibn Battouta der berühmteste Tangerer. Andererseits, weil er eben nicht wirklich heldenhaftes vollbracht hat, hat es nur für eine kleine Inschrift an seinem Grabhaus gereicht und nicht zu einem Riesendenkmal auf einem zentralen Platz in der City. Immerhin aber hat man den Flughafen der Stadt nach ihm benannt: «Aéroport Tanger Ibn Battouta» (wobei sich die Verantwortlichen erst 2008 dazu bewegen liessen, den Flughafen gibt es schon seit 1958 und er hiess vorher anders).

Tambeau de Ibn Battouta

Das Grabhaus des berühmtesten Tangerers Ibn Battouta am Ende der nach ihm benannten Gasse in der Medina von Tanger

Wer ist dieser Mann, der kein Held und doch berühmt war? Er ist einer wie ich, bzw. er war einer wie ich bin. Ein schreibender Reisender bzw. reisender Schreiber. Er ging schon als 21-Jähriger (wie ich) in die weite Welt. Er wurde 1304 in Tanger geboren (ich nicht) und sah sich, kaum erwachsen geworden, verplichtet, den «Hadsch» nach Mekka anzutreten. Von dieser Pilgerfahrt kehrte er erst 1346, also 21 Jahre nachdem er aufbrach, in seine Geburtsstadt zurück. Er blieb nicht in Mekka, sondern bereiste fast alle bis dahin islamisierten Länder im Osten und dazu noch ein paar nicht islamisierte. Es verschlug ihn nach Indien und China und als er sich zur Rückreise besann, machte er noch einen Abstecher nach Tansania.

Doch er wäre wahrscheinlich nicht nach Marokko zurückgekehrt, wenn in der ganzen Region des Nahen Ostens nicht die Pest ausgebrochen und noch dazu zuhause sein Vater nicht gestorben wäre. Also ging er nach Tanger zurück, wo er vergewärtigen musste, dass inzwischen auch seine Mutter hingeschieden war. Ganze drei Jahre hielt es Battouta in Tanger aus, dann reiste er erst nach Norden, nach Andalusien (das damals eben auch islamisiert war), dann in den Süden, nach Mauretanien, Mali und Niger. Ende 1353 kehrte er endgültig nach Tanger zurück. 1368 verstarb er dort. Von seinen 64 Jahren war er 26 unterwegs gewesen. Wissenschaftler, die seine Reisen nachrecherchierten, summierten seine zurückgelegten Wege auf 120’000 Kilometer. Ibn Battouta reiste drei Mal um die Welt, sozusagen. Das war seine Heldentat und machte ihm berühmt. Dabei, und das ist die letzte Parallele zum mir noch unberühmten Reisenden, schrieb Battouta alles auf, was er sah und erlebte. Auch Erlebnisse, die sich später als erfunden herausstellten (was ihn von mir wiederum unterscheidet). Seine Aufzeichnungen liess er unter dem Titel «rihla» (Reise) zurück. Sie wurden in der Zwischenzeit mehrmals übersetzt und auf deutsch unter «Reisen ans Ende der Welt» veröffentlicht. Darin nicht enthalten ist die Episode, in der Battouta schreibt (behauptet), das frisch geborene Kalb seines Kamels gegessen zu haben, weil es ihn an der Weiterreise gehindert hätte.

Hotel Contnental Tanger

Bogart’s Schemel

Doch der Ruf der relativen Freizügigkeit und Nonchalence wirkte nach. In den 60er- und 70er-Jahren erlebte Tanger eine zweite literarische Blüte als Mekka von Schriftstellern der neu entstandenen Popliteratur. Paul Bowles, Jane Bowles, Tennessee Williams, Jack Kerouac, Muhammad Asad, Truman Capote und William S. Burroughs sind die bekanntesten unter denen, die Tanger als neuen Lebens- und Wirkensort gewählt hatten.

Woolworth-Erbin Barbara Hutton, eine der reichsten und unglücklichsten Frauen der Welt, feierte in ihrem Palais «Sidi Hosni» am «Place Petit Socco» in der Medina glamouröse Feste. Truman Capote nannte Tanger «Die Stadt der Lumpen». Er war wie Tennessee Williams und William S. Burroughs, so sagt man, selten unbekifft anzutreffen. Burroughs «Naked Lunch», ein Klassiker der modernen amerikanischen Literaturgeschichte und Kultbuch der Hippie-Bewegung aus dem Jahr 1959, wurde hier geschrieben. Auch das reale Vorbild für den fiktiven Handlungsort in Burroughs Kurzgeschichtensammlung «Interzone» war Tanger. Zu den bekanntesten Werken aus Tanger gehört auch die Autobiografie «Das nackte Brot» von Marokkos bekanntestem Schriftsteller Mohamed Choukri. Bei der Übersetzung dieses Klassikers ins Englische stand Paul Bowles Pate, der 1949 seinen Marokko-Roman «Himmel über der Wüste» (orig. «The Sheltering Sky», 1990 verfilmt von Bernardo Bertolucci mit John Malkovich und Debra Winger) hier schreib und 1999 hier starb.

Hotel Contnental Tanger

Hotel Contnental Tanger

Und dann kommt einer her wie ich, ein ganz kleiner, und schreibt ein Tagebuch seiner Erlebnisse in Tanger. Ich erstarre in Ehrfurcht vor meiner bekifften Vorgängerschaft und werde wohl morgen unwiderruflich diesen Ort der Sünde und des Lasters verlassen. Auch ohne mir das «Hotel Minzah», dessen Bar in «Casablanca» als Vorlage für Ricks «Café Américaine» gedient hatte, angeschaut zu haben. Aus dem schon einst recht pompösen Palast auf einem Hügel über der Küste ist eine 5*-Nächtigungsstätte geworden. «Casablanca» (erschienen 1942) war ohnehin ein Fake. Keine einzige Minute wurde in Marokko, in Casablanca oder in diesem Hotel El Minzah in Tanger gedreht. Ricks Café stand im Studio der Warner Bros. in Kalifornien und Humphrey Bogart die meiste Zeit auf einem Schemel.

(Aus: «Tre Vulcani», 2015)

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Der abendliche Hafen von Tanger

Tanger

Nun also Tanger. Oder Tangiers. Oder Tangere. Oder wie auch immer. Gemäss Legende ist Tanger von Antaios, dem Sohn von Poseidon und Gaia, gegründet worden. In der Realität waren es aber die Karthager im 5. Jahrhundert v. Chr., die Tanger als Tingis gebaut haben. Wie so manche Siedlung im mediterranen Raum kannte der Ort im Laufe der Jahrhunderte mehrere Herrscher. Erst kamen die Römer und nannten es Mauretania Tingitana, dann im Jahre 702 die Araber, dann hielten 1471 die Portugiesen Einzug, 1580 die Spanier, 1661 die Briten, 1684 die marokkanischen Alawiden. 1912 verlor Marokko seine Unabhängigkeit an Frankreich und Spanien, wobei Spanien den wesentlich kleineren Teil im Norden erhielt und diesen gleich militärisch besetzte. Frankreich hielt sich vornehm zurück und schloss mit dem Sultan von Marokko einen Vertrag, der Marokko zum Protektorat machte. Der Status von Tanger aber blieb vorläufig ungeklärt. Erst 1923 wurde eine Lösung gefunden, indem die Stadt zur Internationalen Zone erklärt wurde. Für Tanger bedeutete dies eine Stadtverwaltung unter den Generalkonsuln von acht europäischen Staaten, ausserdem die Zollfreiheit gegenüber Europa. Tanger wurde zur Freihandelszone, damit auch ein Eldorado für Schmuggler und Anziehungspunkt für Sinnsucher, Reiche, Schwule, Exzentriker, Aussteiger und Aussenseiter jeglicher Herkunft und Einteilung, auch für eine ganze Reihe Schriftsteller aus Europa und den USA. Hier fanden sich Spione jeglicher Couleur ein, Kriminelle, denen in ihren Heimatländern Gefängnis drohte, verfolgte Juden, Franco-Gegner aus Spanien, später Beatniks und Hipster aus San Francisco und eben auch viele Intellektuelle aus Europa.


1942 hatte Tanger 13 Moscheen, 15 Synagogen, sechs katholische und drei protestantische Kirchen. Es gab ein Dutzend europäische und fünfzehn muslimische Bordelle mit zusammen mehr als 300 Prostituierten. Homosexualität war geduldet und einige Knabenbordelle machten Tanger zu einem der beliebtesten Reiseziele für global denkende Pädophile. Die Stadt war (und ist es immer noch) berüchtigt wegen der Unmengen von Haschisch, die in den Gassen der Medina feilgeboten wurden. Es gab weder Einkommens- noch Vermögenssteuern, dafür 81 Banken und 5‘000 Briefkastenfirmen. Dieser Zustand blieb, mit Ausnahme der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Tanger unter alleiniger spanischer Verwaltung stand, bis zum 29. Oktober 1956. In diesem Jahr hatte Marokko seine Unabhängigkeit erhalten und erhielt mit diesem Schritt auch die Stadt Tanger mit 150‘000 Einwohnenden, davon zwei Fünftel Europäer, zurück. Damit war dann mit gewissen Freizügigkeiten, was Freihandel, Steuern, Nacht- und Untergrundleben betraf, Schluss.

(Aus: «Tre Vulcani», 2015)

Und jetzt bin ich also wieder da. Mal sehen, was sich getan hat in letzter Zeit.

Der abendliche Hafen von Tanger

Der abendliche Hafen von Tanger

Gutes Wasser

Der Strand von Dobra Voda Ende Mai 17 (Bild: Michael Hug)

Der Ort heisst Dobra Voda – «Gutes Wasser». Solches gibt es im tschechischen Dobrá Voda und im Dobrá Voda in der Slowakei auch. Aber dort gibt es kein Meerwasser. Das gibt es nur im Dobra Voda von Montenegro (Punkt 4 auf der tripline-Karte im nächsten Abschnitt). Ausser Wasser gibt es hier noch eines: Touristen. Aber nur während sechs Wochen im Sommer. Ansonsten herrscht in Dobra Voda gähnende Leere. Auch jetzt anfangs Juni ist nicht viel los hier, und ich kann mir gut vorstellen, wie es im Winter sein muss. Dann ist hier unten an der Küste tote Hose, dass es toter gar nicht geht. Das Leben der Einheimischen spielt sich oben im Dorf ab, etwa 300 Meter oberhalb der Küste an der Durchgangsstrasse von Bar nach Ulcinj. Dort oben ist aber wiederum für Touristen nichts los. Ein paar Nachtbuden, zwei, drei Restaurants, eine Tankstelle, ein Kleinsupermarkt namens «Market».

Also bleiben die Touristen, die die jetzt schon hier sind, inklusive mir, und wohl auch die im Sommer, hier unten am Strand. Wie das dann aussieht, sieht man am Bild unten. Es gibt ein paar Hotels hier, ein paar Restaurants und eine ganze Menge Appartmenthäuser. Ein schöner Teil der hier Aufgezählten ist jetzt noch leer, es gibt mehr geschlossene Läden als offene, und zum Essen hat man in den 3 Qualitätslevels sehr gut, gut, schlecht, exakt 3 Möglichkeiten. Im Winter wird hier wohl alles geschlossen sein. Und vielleicht herrscht hier dann Stille. Die herrscht zurzeit ganz und gar nicht. Obwohl, gefühlt, Hotels und Ferienwohnungen vielleicht zu 20 Prozent belegt sind, ist nicht Ruhe. Allerorten wird gewerkelt und gebaut, gebohrt und gefräst. Und es bellen streunende Hunde, mit Vorliebe nachts, wenn sie von den Autos von der Strasse gehupt werden. Erst Hupen, dann Bellen. Da kannstu Gift drauf nehmen.

Und dann die Musik. Den ganzen Tag rieselt Musik über einen. Nicht am Strand, dort kreischen die wenigen Kinder, nein im Hotel. Vorab im Hotelrestaurant, das auch im Aussenbereich beschallt wird, was dann wiederum auf den Terrassen der Zimmer zu hören ist. Wenn einer wie ich, der sich vorwiegend nicht am Strand (und dabei schon gar nicht im Wasser) aufhält, wird er berieselt. Gnadenlos. Da kannstu an einem Tag am Empfang unten vermelden, dass man bitte please doch die Musik etwas leiser drehen könnte, dann tun sie dass. Aber dann hat am nächsten Morgen jemand anders Dienst am Desk, und der/die dreht die Musik wieder auf den am ersten Tag der Existenz dieses Hotels eingestellten, bzw. vom Direktor bestimmten Level.

Und dann der Lift. Ein sprechender Lift, man muss sich das mal vorstellen. Ein Lift, der sich meldet, wenn die Türe schliesst. Das Stockwerk durchgibt, wenn die Türen sich öffnen. Ein Lift für Bline, würde man meinen, doch Tasten für Blinde hat dieser Lift nicht. Also nur ein blödes Feature das dem Konstrukteur in seinem Büro irgendwo in Japan eingefallen ist. Einen Lift sprechen zu lassen, isch doch vollgeil. Vor allen für den Gast, der grad vis à vis des Lifts seine Nachtruhe sucht. Der bis Mitternacht gewartet hat, bis die Musik im Restaurant unter ihm ausgemacht wird und er endlich das Licht löschen und den Fernseher ausmachen kann. Und dann kommt irgend so ein stockbesoffener Gast aus dem Lift und lässt sich von einer künstlichen Stimme vordiktieren, dass der Aufzug jetzt sein gewünschtes Niveau, also das Niveau, auf dem sein Zimmer liegt, erreicht hat: «First floor!»

Toll so ein Hotel. Ein neues übrigens, erst Mitte April eröffnet. Vier Sterne, 75€ die Nacht. Günstig für uns Mitteleuropäer, eher teuer für die Gäste hier, die zum grossen Teil aus Montenegro, Serbien und dem Kosovo kommen. Es wurde «Kalamper» nach seinem Erbauer und Besitzer Emin Kalamperovic genannt. Auch der Strand wurde nach ihm benannt: «Kalamper Beach». Ein grosser Gönner des Orts, dieser Kalaperovic. Ein Bau- und Immobilientycoon, hat hier noch weitere Hotels und ein Resort oben auf dem Hügel über der Küste (auf den Bildern ganz hinten zu sehen). Man sagt, das Resort und wohl auch die meisten Hotels seien illegal gebaut worden. Das geht problemloser bei einem, der der Bruder des ehemaligen Innenministers ist. Mein Kellner sagt, dieser Kalamperovic sei ein guter Mensch, einer der die Küste hier entwickelt und Arbeitsplätze schafft. Und wohl einfach nicht auf jede hinterletzte Baubewilligung warten will. Das sagt der Kellner aber nicht.

Toll so ein Hotel. Ein neues übrigens, erst Mitte April eröffnet. Vier Sterne, 75€ die Nacht. Günstig für uns Mitteleuropäer, eher teuer für die Gäste hier, die zum grossen Teil aus Montenegro, Serbien und dem Kosovo kommen. Es wurde «Kalamper» nach seinem Erbauer und Besitzer Emin Kalamperovic genannt. Auch der Strand wurde nach ihm benannt: «Kalamper Beach». Ein grosser Gönner des Orts, dieser Kalaperovic. Ein Bau- und Immobilientycoon, er hat hier noch weitere Hotels und ein Resort oben auf dem Hügel über der Küste (auf den Bildern ganz hinten zu sehen). Man sagt, das Resort und wohl auch die meisten Hotels seien illegal gebaut worden. Das geht problemloser bei einem, der der Bruder des ehemaligen Innenministers ist. Mein Kellner sagt, dieser Kalamperovic sei ein guter Mensch, einer der die Küste hier entwickelt und Arbeitsplätze schafft. Und wohl einfach nicht auf jede hinterletzte Baubewilligung warten will. Das sagt der Kellner aber nicht.

Der Strand von Dobra Voda im Sommer 15 (Bild: Hotel Kalamper)

Saline Ulcinj

Golf statt Salz in Ulcinj

ULCINJ 04/06/17. Ich habe mir sagen lassen: «Die Salinen von Ulcinj musst du dir ansehen, die wollen da einen Golfplatz bauen.» Die Recherchen im Netz über die Sache mit der Saline liess meinen Atem stocken, also fuhr ich hin, gestern. Die Saline liegt an der Lagune beim Städtchen Ulcinj, dem südlichsten noch besiedelten Ort an der Küste Montenegros. Die Lagune mündet ins Meer, wie das so üblich ist bei Lagunen, daneben beginnt der Strand von Ulcinj, der «grosse», es gibt auch noch einen kleinen, näher bei der Stadt, dazwischen liegt ein felsiger Hügel. Wenn man also an den Strand fährt, bzw. sich fahren lässt, wird der Taxifahrer fragen: «Der grosse oder der kleine?» Er fragt das auf montenegrinisch («velika» und «mala»), weil er keine Englisch kann (man kann ihm deshalb auch nicht den Auftrag «beach» geben, sondern muss «plaža» von sich geben (was auszusprechen ist wie das französische «plage»)).

Man, also ich, sagt also «velika plaža», und der Fahrer bringt mich an die grosse Beach. 10 Kilometer Sand. Ich stelle fest, dass die Beach hier, am dem der Stadt näheren Ende, eigentlich gar nicht öffentlich zugänglich ist. Man muss durch das Gelände des Hotels «Otrant Beach Resort» gehen (dabei stelle ich fest, dass ich es bezgl. meines Hotels noch schlimmer hätte treffen können). Doch es hält mich niemand auf. Gleich daneben befindet sich das Gelände eines «Datschenparks», also ein privates Ressort im Pinienwäldchen mit Ferienhäuschen für Russen und dergl. Die Bungalows sind alle am Zerfallen, der Park von Abfall übersät und von Hunden verschissen. Die einst als Wochenend- oder Ferienresort gebaute Anlage wird heute offensichtlich von motorisierten Badegästen für Picknicks am Strand missbraucht. Das Eingangstor ist sperrangelweit offen (bzw. überhaupt nicht vorhanden), das Wächterhäuschen am Verwesen, das Restaurant ebenso. Hier hat offenbar eine Idee nicht mehr rentiert, den Kriegswirren in den Neunzigern zum Opfer gefallen oder wurde behördlich geschlossen. Es sei scheint vieles hier in Ulcinj (und anderswo an der Küste) illegal gebaut worden, liest man im Netz.

Nun denn. Ich stelle fest, dass ich am falschen Ort aus dem Taxi gestiegen bin. Zur Saline sind es gefühlte 10 Kilometer (gemäss maps 1.5 Kilometer, aber es ist gefühlte 50 Grad heiss, tatsächlich 33). Klar ist jetzt grad kein Taxi da und den Weg dahin kenne ich nicht wirklich. Ich gehe also aufs Geratewohl (was das für Einwirkungen auf meine Füsse hat – ich trage Adiletten – erläutere ich hier nicht näher) in Richtung Osten, wo ich die Saline (bzw. das Lagergebäude für das Salz) dann bald mal sehe. Leider ist die Strasse, die jetzt ein Feldweg ist, hier zu Ende, dabei sehe das Zeil fast in Armlänge vor mir. Ich balanciere (mit meinen Adiletten!) auf der Mauer des Zuleitungskanals die letzten Meter bis ins Gelände der Saline. Vor mir steht eine zerfallende Lagerhalle, daneben ein zerfallendes Verwaltungsbeäude. Dahinter zerfallende Betriebsgebäude, zerfallende Transportfahrzeuge auf zerfallenden Schienen, ein zerfallender Bagger und ein zerfallender Traktor mit Anhänger.

Die Saline ist seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in Betrieb. Einst gehörte sie dem Staat (wie alles damals in Jugoslawien) und wurde nach der Wende einem privaten Investor verkauft. Der liess die Saline schliessen und zerfallen, angeblich, weil das Produzieren von Salz nicht mehr rentiert. Ja wozu hat er sie denn gekauft? Um das Gelände in ein Resort für reiche Leute mit grossem Entspannungsbedarf umzuwandeln. Geplant sind eine Marina, ein Golfplatz, Ferienhäuser, Pärke und Freizeitsporteinrichtungen. Und damit die Öffenlichkeit auch noch etwas davon hat, soll ein Teil davon als Vogeslchutzgebiet ausgesondert werden.

Die 15 Quadratkilomter grosse Saline von Ulcinj hatte fast 90 Jahre lang Salz produziert. Die Lagune gleich daneben, aus der die Salzgärten ein- bis zwei Mal jährlich geflutet wurden, war schon von Alters her ein Rastplatz für Zugvögel. Experten sagten, die Saline von Ulcinj sei einer der grössten Erholungsplätze für Zugvögel in Mittelsüdeuropa überhaupt gewesen. Eben – gewesen. Seit die Saline nicht mehr in Betrieb ist, werden die Salzgärten nicht mehr regelmässig geflutet. Das bedeutet, dass die Wasservögel unter den Zugvögeln keine Nahrung mehr finden und wohl irgendwann nicht mehr kommen. Europäische Vogel- und Naturschutzorganisationen kämpfen für eine Naturschutzgebiet und die Flutung der künstlichen Seen. Die Gemeinde kann (oder will) sich nicht festlegen, der Staat tut nichts. Es liegt der Verdacht auf Korruption vor. Auf das Grundstück sind bereits Hypotheken gewährt worden, schreibt die Badische Zeitung. Was ja eigentlich gar nicht geht, solange keine Baubewilligung vorliegt. In Montenegro geht das.

Saline Ulcinj

Die asugetrockneten Salzfelder der ehemaligen Saline von Ulcinj