{"id":4469,"date":"2020-10-31T10:12:00","date_gmt":"2020-10-31T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4469"},"modified":"2020-10-15T10:50:56","modified_gmt":"2020-10-15T08:50:56","slug":"die-ptolemaeische-influenzerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4469","title":{"rendered":"Die ptolem\u00e4ische Influenzerin"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kleopatra badete in Honig und Milch und influenzt 2000 Jahre sp\u00e4ter Generationen von sch\u00f6nen und nicht so sch\u00f6nen Menschen. Die Versch\u00f6nerungsbranche macht Milliardenums\u00e4tze mit Sch\u00f6nheitsidealen.<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine K\u00f6nigin. Sie war so wundersch\u00f6n, dass ihr ihr Hofstaat zu F\u00fcssen lag. Kleopatra, so hiess die sch\u00f6ne K\u00f6nigin, war so sch\u00f6n, dass ihre Sch\u00f6nheit weit \u00fcber ihr Land \u00c4gypten hinausstrahlte. Kleopatra war auch die erste Influenzerin der Welt, sie influenzte so sehr, dass ihre Influenz bis nach Rom drang. Dort bezirzte ihre Sch\u00f6nheit nicht nur einen Caesaren, sondern gleich zwei: Gaius Julius und Marcus Antonius. Ersterem gebar die sch\u00f6ne K\u00f6nigin einen sch\u00f6nen Sohn, der mit Ptolem\u00e4us Caesar zwar den Caesar im Namen trug, aber nie einer wurde, doch die K\u00f6nigin als letzter Pharao des ptolem\u00e4ischen Reichs hatte eh nicht allzu viel zu sagen, da ebendieses in den wichtigsten Belangen von Rom aus beherrscht wurde. Die Influenzerin ohne politischen Einfluss hinderte das aber nicht, sich die beiden Chefs in Rom nacheinander zu Geliebten zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stundenlange B\u00e4der in Honig und Milch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie das so ist bei Influenzerinnen und K\u00f6niginnen, wissen sie trotz fehlender ser\u00f6ser Besch\u00e4ftigung den Tag sinnstiftend zu verbringen. Kleopatra nahm stundenlange B\u00e4der in Bl\u00fctenhonig und Kamelmilch, schmierte sich allerlei Pasten ins Gesicht und ins D\u00e9collet\u00e9 und brachte damit ihre beiden Caesaren schier um den Verstand. Kosmetisch selbstbehandelt mit Cremes und Lotions &#8211; alles Bio imfall! &#8211; wurde die ptolem\u00e4ische K\u00f6nigin zum Sch\u00f6nheitsideal ihrer Zeit und zum Vorbild f\u00fcr amerikanische Schauspielerinnen, derer eine sogar, selbst schon sch\u00f6n geboren, das Ideal zu ihrer Rolle machte. Elizabeth hiess die Kinok\u00f6nigin, nicht von Windsor, sondern Taylor, sie verdiente mit dieser Rolle fast soviel wie ihr Ideal, n\u00e4mlich eine Million Dollar, was 1958 noch ziemlich viel Geld war f\u00fcr eine Filmstarin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Kosmetik war geboren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte Kleopatra gewusst, was sie da in ihrem Kamelmilchbad tat, sie h\u00e4tte es nicht Sch\u00f6nheitsbehandlung getauft, sondern nat\u00fcrliche Kosmetik. 1,8 Jahrtausende sp\u00e4ter wurde der Begriff Kosmetik von den Franz\u00f6sinnen der haute vol\u00e9e geboren. Der Begriff \u00abcosm\u00e9tique\u00bb ist griechischen Ursprungs, nicht etwa weil es die Griechinnen exzessiv betrieben, sondern weil es ziemlich genau das ausdr\u00fcckt, was es ist: Zierung, Schm\u00fcckung, im erweiterten Sinne gem\u00e4ss Duden \u00abnur vordergr\u00fcndig vorgenommene Korrektur eines Tatbestandes zum Zweck der Manipulation; manipulatives Verhalten, mit dem ein \u00e4u\u00dferlich g\u00fcnstiger, gew\u00fcnschter Eindruck erweckt werden soll\u00bb. Eine andere Begriffserkl\u00e4rung aus den Tiefen des weltweiten Netzes beschreibt es weniger krass, daf\u00fcr umfassend: Erhaltung, Wiederherstellung oder Verbesserung (entsprechend dem jeweiligen Sch\u00f6nheitsideal) der \u00e4usseren Erscheinung des menschlichen K\u00f6rpers.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kosmetik ist Verh\u00fcllung der Tatsachen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das heisst, Kosmetik ist stets Fake, also F\u00e4lschung, Verh\u00fcllung, Verdrehung der Tatsachen, aus dem Kontext gerissen, und die da die grossen Meister im Faken sind, heissen nicht unbedingt Florence Nightingale Graham (Elizabeth Arden), Eug\u00e8ne Schueller (L&#8217;\u00f4r\u00e9al\/weil wir es uns wert sind) oder Rudolf Steiner (Weleda), sondern Donald John Trump, Wladimir Wladimirowitsch Putin oder Recep Tayyip Erdo\u011fan. Wie die Politik bedient sich die Kosmetik nebst oberfl\u00e4chlicher Anwendungen auch ziemlich krasser Methoden, wobei die \u00e4usserliche Applikation (Zierung, Schm\u00fcckung) sich geradezu harmlos anh\u00f6rt gegen\u00fcber der innerlichen (Wiederherstellung, Verbesserung). Freiwillig unterziehen sich dabei Menschen Eingriffen, bei denen zuweilen massig Blut, Fett oder Silikon fliesst, Vorhandenes wegges\u00e4belt und Fehlendes hinzumontiert wird. Die Anwendungen sind dermassen grotesk, dass sich unsere wundersch\u00f6ne K\u00f6nigin, die wohlbemerkt schon vor der ersten Kamelmilchapplikation wundersch\u00f6n war, was man eben bei heutigen K\u00f6rpern nicht par tout behaupten kann, sich indigniert in ihrem Milchthalasso gedreht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kopfbehaarung, Krampfadern und Schamlippen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist dabei: Es wird stets an K\u00f6rperteilen gepinselt, geschnipselt, aufgespritzt und wegseziert, die man, also Mann, sieht, n\u00e4mlich Lippen, Augens\u00e4cke, Br\u00fcste, Hintern, H\u00fcften oder B\u00e4uche, zuweilen auch Kopf- und sonstige Behaarung, Krampfadern oder Schamlippen. Nie aber oder selten kommen Finger, Zehen, Zungen oder Innereien unters Messer, oder gar Gehirne, letzteres wohl auch wegen ganz oder teilweisem Fehlen ebensolchens (der Begriff \u00abGehirnw\u00e4sche\u00bb kommt aus einem anderen Bereich). Dereinst und wenn die Technik des 3D-Druckens wirklich ausgereift ist, wird man einem hohlen Kopf das Gesicht einer sch\u00f6nen Person \u00fcberziehen und fertig ist das WNTM (Welts nextes Top Model). Leider, und jetzt zeigt sich der Haken der Geschicht&#8216;: Gr\u00f6bere Eingriffe lassen sich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen oder nur mit viel Geld. Bl\u00f6d ist dann, wenn schon beim Aufblasen die ganze Kohle draufgegangen ist, so dass es dann zum Absaugen, so man dereinst doch zu schwer an Silikonbr\u00fcsten oder Arschgeweihen tr\u00e4gt, nicht mehr reicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zu teuer um darin zu baden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrde Kleopatra noch leben, wenn sie nicht gestorben w\u00e4r, bzw. sich selbst nicht vergiftet h\u00e4tte. Milch und Honig hatten zwar ihre Sch\u00f6nheit erhalten, aber ihren dritten M\u00f6chtegerngeliebten Gaius Octavius alias Octavian alias Kaiser Augustus, trotzdem nicht verf\u00fchren k\u00f6nnen. Die wundersch\u00f6ne ptolem\u00e4ische K\u00f6nigin im heissen Alexandria wurde ohne Chemie, Silikon und Skalpell nur 39 Jahre alt. Nach ihrem Tod wurde sie nekrokosmetisch behandelt (mumifiziert) und nie mehr gefunden. Doch Kleopatra influenzt Frauen und ein paar M\u00e4nner noch immer. Nur schade dabei ist, dass Milch viel zu teuer geworden ist, um darin zu baden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1.11.2020 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleopatra badete in Honig und Milch und influenzt 2000 Jahre sp\u00e4ter Generationen von sch\u00f6nen und nicht so sch\u00f6nen Menschen. Die Versch\u00f6nerungsbranche macht Milliardenums\u00e4tze mit Sch\u00f6nheitsidealen. MICHAEL HUG Es war einmal eine K\u00f6nigin. Sie war so wundersch\u00f6n, dass ihr ihr Hofstaat zu F\u00fcssen lag. 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