{"id":4474,"date":"2020-10-15T10:18:00","date_gmt":"2020-10-15T08:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4474"},"modified":"2020-10-15T10:51:54","modified_gmt":"2020-10-15T08:51:54","slug":"pruegelnde-knaben-und-weiche-eier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4474","title":{"rendered":"Pr\u00fcgelnde Knaben und weiche Eier"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>M\u00e4nner sind Machos, manchmal Schweine, oft auch beides. Auf der anderen Seite des M\u00e4nnlichkeitsspektrums sind die Pr\u00fcgelknaben und Weicheier. Eine kleine Metaphernkunde.<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Ist ein Mann, der pr\u00fcgelt, ein Pr\u00fcgelknabe? Ein Mann, der dies nicht tut, ein Weichei? Ein Waschlappen, Warmduscher? Ehrlich und nebenbei gesagt, ich dusche lieber warm und ohne Lappen und Eier mag ich f\u00fcnf Minuten gekocht, also noch weich, zumindest das Gelbe. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man Eier hart kocht. Und dann kalt serviert. Darum: weich und warm. Doch zur\u00fcck zu den Pr\u00fcgelknaben. Nat\u00fcrlich sind M\u00e4nner, die (sich) pr\u00fcgeln, keine Pr\u00fcgelknaben. Wenn schon Pr\u00fcgelm\u00e4nner. Das ist das manchmal Seltsame an unserer deutschen Sprache: Es gibt Worte (W\u00f6rter?), die implizieren etwas ganz anderes als das, was auf den ersten Blick ersichtlich ist. Pr\u00fcgelknaben und Weicheier sind nicht das was ersichtlich ist, sie meinen etwas anderes. Man sagt dem Metapher. Metaphern stehen f\u00fcr etwas Symbolisches, also etwas was als Bedeutung f\u00fcr etwas steht, das eine Bedeutung hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Komplizierter Sachverhalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Metaphern eignen sich, einen komplizierten Sachverhalt relativ einfach darzustellen. Metaphern sind f\u00fcr LehrerInnen, PhilosophInnen und JournalistInnen (eher nicht f\u00fcr PolitikerInnen, da kommt nie etwas Gutes dabei raus). Zum Beispiel Weichei: Ein Weichei ist ein Mann, selten eine Frau, der keine Entscheidungskraft besitzt, keinen Mut hat, daf\u00fcr viel Angst, ein Softie, eine Memme, Lusche, Pfeife, ein Feigling also. In Metaphern gesagt: Ein Warmduscher, Schattenparker, Hasenfuss, Milchbubi. Im Deutschen ein Schisser, im \u00d6sterreichischen ein Seicherl (derb). Man sieht, wenn man den deutschen Thesaurus bem\u00fcht, erscheinen bei Metaphern wiederum Metaphern, und zwar gleich dutzendweise. Es ist also gar nicht so einfach, mit einem einzigen Begriff einen Begriff zu erkl\u00e4ren. Es braucht viele weitere Begriffe oder eine ganze Geschichte. Ein Narrativ. Ein Weichei ist also ein Mann, selten eine Frau, der sicht nicht traut (trotzdem aber verheiratet sein kann), der nie zuvorderst steht, nicht auffallen will. Krude gesagt, \u00abso einer hat keine Eier\u00bb, auch keine weichen. In einer Spanne von Alpha bis Omega ist er ein Zetatier. Wie die meisten, insofern ist ein Weichei eher keine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der mit der Arschkarte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders verh\u00e4lt es sich beim Pr\u00fcgelknaben. Der Begriff Pr\u00fcgelknabe ist ein Beispiel f\u00fcr eine missverstandene Metahpher. Peripher betrachtet k\u00f6nnte ein Pr\u00fcgelknabe (Knabenpr\u00fcgler?) ein pr\u00fcgelnder Knabe oder ein pr\u00fcgelnder Mann sein. Ein Bursche, der sich oder andere oder sich mit anderen pr\u00fcgelt, mit oder ohne Grund, ein Pr\u00fcgler also, u.U. ein Selbstpr\u00fcgler, ein Masochist zwecks sexueller Befriedigung oder Selbstkasteier um eines h\u00f6heren Gutes willen. Doch das w\u00e4re zu einfach und br\u00e4uchte ausserdem keine weitere Erkl\u00e4rung, weil selbsterkl\u00e4rend. Pr\u00fcgelknabe meint etwas ganz anderes, das exakte Gegenteil n\u00e4mlich: Ein Knabe, der gepr\u00fcgelt wird. In seiner einfachsten Form ist ein Pr\u00fcgelknabe ein Pechvogel, auf der anderen Seite der Skala ist er ein Opfer. Theoretisch k\u00f6nnte ein Pr\u00fcgelknabe auch ein Mann sein, der einmal oder st\u00e4ndig von seiner Frau verpr\u00fcgelt wird. Ein Pr\u00fcgelknabe ist ein Knabe (oder Mann), der f\u00fcr die Fehler anderer verantwortlich gemacht und daf\u00fcr ge- oder verpr\u00fcgelt wird, w\u00f6rtlich oder t\u00e4tlich oder auf Social Media. Der mit der Arschkarte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>S\u00f6hne verpr\u00fcgelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele Metaphern hat auch der Pr\u00fcgelknabe eine Vergangenheit, die sehr viel weiter zur\u00fcckreicht, als man anzunehmen geneigt ist. Der Begriff \u00abPr\u00fcgelknabe\u00bb entstand im sp\u00e4ten Mittelalter. Damals gab es Herren und Knechte und beider S\u00f6hne. Wenn ein Sohn oder mehrere S\u00f6hne von h\u00f6hergestellten Leuten, sog. Adligen, Mist baute (eine Missetat beging), wurde nicht ebendieser bestraft daf\u00fcr, sondern vor seinen Augen ein Sohn oder mehrere S\u00f6hne von Niedrigergestellten, sog. Knechten, verpr\u00fcgelt. Dies hat den Sinn oder Zweck oder beides, dem adligen Sohn zu zeigen, was ihm das n\u00e4chste Mal passieren kann (aber in der Regel nie passierte) und ausserdem half es den Adligen beim st\u00e4ndigen Bem\u00fchen, das niedrige Volk niedrig zu halten. Der Trick funktioniert immer noch. Noch heute gibt es diese Tendenz, bestimmte Menschen zu pr\u00fcgeln, nat\u00fcrlich nicht mehr physisch, aber auch, sondern viel mehr psychisch. Die Reihe der Pr\u00fcgelknaben ist lang: Julian Assange, Alexei Nawalny, Jacob Blake, die Fl\u00fcchtlinge von Moria.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1.10.2020 im Nebelspalter<\/em> &#8211; www.nebelspalter.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4nner sind Machos, manchmal Schweine, oft auch beides. Auf der anderen Seite des M\u00e4nnlichkeitsspektrums sind die Pr\u00fcgelknaben und Weicheier. Eine kleine Metaphernkunde. MICHAEL HUG Ist ein Mann, der pr\u00fcgelt, ein Pr\u00fcgelknabe? Ein Mann, der dies nicht tut, ein Weichei? Ein Waschlappen, Warmduscher? 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