{"id":4476,"date":"2020-10-14T10:23:38","date_gmt":"2020-10-14T08:23:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4476"},"modified":"2020-10-14T10:23:38","modified_gmt":"2020-10-14T08:23:38","slug":"vom-leben-im-zelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4476","title":{"rendered":"Vom Leben im Zelt"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Campieren ist keine Erfindung unseren Spassgesellschaft. Es ist ein Hohn gegen\u00fcber Nomaden und Fl\u00fcchtlingen. Und ausserdem heisst es zelten, nicht campieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>WELT. Nach der Lockerung des Lockdauns l\u00e4sst der Bundesrat jetzt nicht locker und besteht darauf, dass wir alle in der Schweiz Ferien machen. Wenn er das durchzieht, werden wir uns in diesem Sommer in den Schweizer Hotels auf den F\u00fcssen herumtreten. Wer aber zu sp\u00e4t kommt beim Buchen, den bestraft das Leben mit einem Pl\u00e4tzli auf dem Campingplatz. Scharenweise werden wir Hobby- und Wohnwagenm\u00e4rkte st\u00fcrmen, um Zelte, Wohnwagen und Mobilehomes zu kaufen. Nur, wenn er das so will, der Bundesrat, dann m\u00fcsste er gelegentlich auch die Campingpl\u00e4tze wieder \u00f6ffnen, also das Zelten und Campieren auf Zelt- und Campingpl\u00e4tzen hierzulande wieder erlauben. (Anm. des Autors: das Zelten war zum Zeitpunkt, als dieser Artikel an einem Sonntagabend entstand, wegen der C-Massnahmen nicht erlaubt.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man sagt \u00abc\u00e4mpen\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu den sehr vielf\u00e4ltigen Arten, wie man seinen Urlaub verbringen kann, geh\u00f6rt auch das Campieren, oder \u00abc\u00e4mpen\u00bb. Fr\u00fcher, als wir noch nicht alles und jedes verenglischten, sagte man ganz einfach: Wir gehen zelten. Als unser Vater sich stundenlang damit abm\u00fchte, unser Sechserfamilienzelt gem\u00e4ss Bedienungsanleitung oder Ged\u00e4chtnisprotokoll aufzustellen, hiess das immer \u00abzelten\u00bb. \u00abWir gehen dieses Jahr wieder zelten!\u00bb sagte unser Vater und dann war es so. Das Zelten war ausserdem die g\u00fcnstigste Art, Ferien ausser Haus zu verbringen und unser Vater war zeit seines Lebens stets bem\u00fcht, alles und jedes auf die g\u00fcnstigste Art zu verbringen oder gar nicht. Ferien im Hotel kamen ganz sicher nicht in Frage, da blieb man vorher zuhause. Das Zelten \u00e4nderte in unserem Tagesablauf nicht allzu viel, ausser dass unsere Mutter noch mehr zu tun hatte als sonst und unser Vater noch mehr Reklamationen wegen Bel\u00e4stigungen der Nachbarschaft oder sonstiger Unfl\u00e4tigkeiten durch uns (Kinder) entgegennehmen musste.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wildes Zelten erlaubt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, das gesittete Zelten ist zurzeit nicht erlaubt, weil C-Krise. Das wilde Zelten ist und war nie nicht erlaubt, aber es war zu kalt daf\u00fcr. Wenn man die Erlaubnis des Bauern hat, kann man, k\u00f6nnten wir schon morgen unser Zelt auf seinem Grund stellen und Ferien machen. Nur, wildes Zelten ist nichts f\u00fcr Familien, die nicht Fahrende sind. Wildes Zelten ist ohnehin nicht mehr angesagt. Wildes Zelten war etwas f\u00fcr damals Junge, heutige Junge gehen ins Alles-Saufen-inklusive-Hotel Urlaub machen oder nach Ischgl. Als ich noch jung war, war Zelten das Gr\u00f6sste. Ich erinnere mich an mein erstes Zelt, das ich zusammen mit meinem Bruder im Jelmoli gekauft habe, als es den noch gab in St.Gallen. Ich war 14, wir stellten dieses wundersch\u00f6ne blaue 2er-Zelt probehalber f\u00fcr eine Nacht auf die Wiese unseres Nachbarn, weil unsere Wiese voller Gartenzwerge war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Taschen mit Konservendosen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Probelauf fuhren wir im Juli mit unseren Mofas, damals \u00abSchn\u00e4pper\u00bb genannt, Zelt quer auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger, drei D\u00f6rfer weiter, wo es einen Zeltplatz gab. Wir f\u00fcllten unsere Taschen mit Konservendosen und Coca-Cola-Pulver aus dem Kolonialwarenladen unserer Mutter. Vier Paar Landj\u00e4ger nahmen wir auch noch mit aber kein Bier. Ein, zwei Jahre sp\u00e4ter, als das Zelt wieder zum Einsatz kam, war Bier der Hauptbestandteil des Inhalts der Tasche, bzw. es waren \u00fcberhaupt keine anderen Lebensmittel darin, als wir dieses wundersch\u00f6ne, aber etwas schwere, weil aus Baumwolle, Zelt dieses verdammt steile Waldbord hochschleppten, um schwarz aufs Gel\u00e4nde des Openair Abtwil zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeugung im Zelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jenes Zelt hat im Laufe der Jahre einiges erlebt, ev. auch die Zeugung eines meiner Kinder, es war mit mir auf einer Visionssuche im Schwarzwald, es hat die Rolling Stones in Frauenfeld gesehen und tags darauf Deep Purple. In jenen verrockten N\u00e4chten hat es dann sein Leben ausgehaucht, bzw. ich war es einfach leid, st\u00e4ndig Schn\u00fcre neu anzun\u00e4hen und die Kotzete Dritter rauszuwaschen. Aber: Mein Zelt hat sein Leben nicht in Frauenfeld oder im Sittertobel gelassen. Sein Zelt einfach liegenzulassen, das gab es damals nicht. Ein Zelt war noch richtig wertig, es kostete selbst f\u00fcr zwei Personen \u00fcber 100 Franken, sowas l\u00e4sst man nicht einfach liegen. Dieses Zelt, mein erstes, einziges und letztes, hat sein Leben auf dem Estrich ausgehaucht, erst mal, dann im Brockenhaus, dann vermutlich endg\u00fcltig in einer Kehrichtverbrennungsanlage.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verstreute Lebernsmittel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin eigentlich kein Zelt-Typ. In der Jugend, ok, da war es manchmal nicht zu umgehen, im Zelt zu hausen, aber wirklich geil war das nur mit Bier und\/oder M\u00e4dchen. Ich schlief immer schlecht, weil hart, das ganze Lebensmittelzeugs verteilte sich auf, unter und in den Schlafs\u00e4cken, und ausserdem diese Ameisen! Und man musste, wenn man ein M\u00e4dchen vernaschte, mitten w\u00e4hrend des Vernaschens davon ablassen um den Reisverschluss beim Eingang zu- und allenfalls den an der Hose aufzuziehen, damit man von Blicken ungest\u00f6rt weitermachen konnte. Andererseits ist unser b\u00fcrgerliches Freizeitzelten eigentlich ein Hohn gegen\u00fcber allen Nomaden und Fl\u00fcchtlingen. Was wir als Freizeitvergn\u00fcgen, als Flucht aus dem Hamsterrad, als \u00abRunterfahren\u00bb figurieren, ist f\u00fcr Fahrende, Sahara- und Gobinomaden oder B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge purer, harter und entbehrungsreicher Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vergn\u00fcgliches Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ziemlich zynisch, sich ein Zelt zu kaufen, um sich darin ein vergn\u00fcgliches Leben einzurichten, wenn Hundertausende der Not gehorchend ganze Leben in Zelten verbringen m\u00fcssen. Nicht zu Sechst in einem Sechserzelt, sondern zu Zw\u00f6lft. Wir SchweizerIinnen fahren diesen Sommer nach Tenero, oder an den Bielersee, und stellen nach dem Ankunftsprosecco gutgelaunt unser Zelt auf die uns zugeteilte Parzelle, fahren runter (wenigstens die V\u00e4ter, f\u00fcr die M\u00fctter geht\u2019s jetzt erst richtig los) und hoffen auf einen sch\u00f6nen warmen Sommer ohne Regen. Derweil wartet im Schatten eines UNHCR-Zelts im Fl\u00fcchtlingslager Tindouf in der algerischen Sahara ein halbe Million heimatlose Westsaharaouis auf ihre t\u00e4gliche Wasserration.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1. Juni 2020 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Campieren ist keine Erfindung unseren Spassgesellschaft. Es ist ein Hohn gegen\u00fcber Nomaden und Fl\u00fcchtlingen. Und ausserdem heisst es zelten, nicht campieren. MICHAEL HUG WELT. Nach der Lockerung des Lockdauns l\u00e4sst der Bundesrat jetzt nicht locker und besteht darauf, dass wir alle in der Schweiz Ferien machen. 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