{"id":4487,"date":"2020-10-14T10:36:03","date_gmt":"2020-10-14T08:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4487"},"modified":"2020-10-14T10:36:03","modified_gmt":"2020-10-14T08:36:03","slug":"meine-expats-family","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4487","title":{"rendered":"Meine Expats-Family"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>EXVATERLAND. Es begann mit meiner Mutter. Sie ist \u00d6sterreicherin, Nieder\u00f6sterreicherin um genau zu sein (in der Region Wien muss man mit Herkunftsangaben sehr exakt umgehen). Nach dem Krieg, damals so um 1950, kam sie als nicht mehr ganz junge Frau in die Schweiz, als Haushalthilfe zu einem Pfarrer in der Innerschweiz. Sie war damit ein \u00abExpat\u00bb, den Begriff gab es damals aber noch nicht. Immigrantin, der immer \u00f6fter angewandte Begriff f\u00fcr ebensolche, stimmte bei meiner Mutter auch nicht wirklich, denn sie wollte ja eigentlich nicht auf ewig bleiben. Meine Mutter war schlicht und einfach eine Ausl\u00e4nderin. Eine jener Personen, die man im Rahmen der damals schon existierenden Freiz\u00fcgigkeit, allerdings saisonal begrenzten, aus dem Ausland holte, um in der Schweiz Jobs zu erledigen, die Schweizer oder Schweizerinnen nicht oder ungern erledigten. Saisonni\u00e8re war sie, meine Mutter, Arbeitsmigrantin oder eben \u00abExpat\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der ersten Sekunde Schweizer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zirka 10 Jahre sp\u00e4ter wurde ich geboren. Da mein Vater schweizerisch war, war ich von der ersten Sekunde an auch Schweizer. Wie mein Vater, der Handelreisender f\u00fcr Milchersatzprodukte f\u00fcr Jungvieh (eine Goldgrube damals wegen noch nicht existierender Milchkontigentierung) war, meine Mutter, die Angestellte eines Pfarrers war, traf, ist mir bis heute ein R\u00e4tsel. Ich werde sie wohl bald mal fragen, noch ist ja Zeit, sie ist erst 92. Mein Vater war Patriot, hatte aber \u00fcberhaupt keine Probleme, eine Ausl\u00e4nderin zu heiraten. Nicht allen Nachbarn und MitschweizerInnen in der Nachbarschaft gefiel das. Ausgerechnet eine \u00d6sterreicherin! Die, die mit Hitler! Nun bin ich also kein richtiger Eidgenosse, sondern nur halber, vom Gebl\u00fct her. Meine Schwester (eine von vieren) heiratete einen Deutschen, ein Expat (wie alle Expats in meiner Familie auch er kein Banker oder Pharmarieseverwaltungsrat). Der suchte in der Schweiz sein Gl\u00fcck und tr\u00e4umte sein Leben lang von einem \u00abrichtigen Auto\u00bb, einem Mercedes oder so oder einem SUV (diesen Begriff gab es zu jenen Zeiten auch noch nicht). Vermutlich tr\u00e4umt er noch immer, ist aber nicht mehr Mitglied unserer Familie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zu einem Viertel Schweizer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meiner Schwesters Erstgeborener (von vieren) ist somit vom Gebl\u00fct her nur zu einem Viertel Schweizer, 50 Prozent sind deutsch, 25 Prozent \u00f6sterreichisch. Er ist trotzdem Schweizer und ausserdem Mitglied einer rechtsgelagerten Partei im Kanton St.Gallen. Seine Tochter (die erstgeborene, weitere folgen vielleicht) ist Schweizerin, vom Gebl\u00fct her zu 75 Prozent (seine Frau ist Schweizerin, glaube ich), aber sonst Schweizerin von der ersten Sekunde an. Meine j\u00fcngste Schwester wiederum heiratete einen Schweizer, der Sohn eines Mannes aus Ex-Jugoslawien ist. Ein Expat. Aber, siehe oben, damals hiessen solche Leute eben noch nicht Expatrioten, sondern Saisonniers, eventuell sp\u00e4ter erhielten sie die Bezeichnung Niedergelassene, was soviel heisst wie Ausl\u00e4nder. Meine dritte Schwester hat einen Sohn von einem Sohn eines italienischen Einwanderers, wahrscheinlich war auch er Saisonnier (die genaueren Umst\u00e4nde sind mir nicht bekannt). Also ein Expat. Jedenfalls tr\u00e4gt dieser Sohn auch nur 25 Prozent Schweizer Blut in sich, ist aber trotzdem Schweizer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In die Familie integriert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine vierte Schwester, nebenbei erw\u00e4hnt, ist ausnahmsweise nicht mit einem Ausl\u00e4nder liiert, sondern mit einem Ex-Schwinger. Und auch die Lebensabschnittspartnerin meines Bruders ist Schweizerin. Meine Tochter (die erstgeborene) hat einen Mann aus Afrika geheiratet. Er ist jetzt noch nicht Schweizer, aber ein niedergelassener Ex-Fl\u00fcchtling, somit auch Expat. Mein Vater selig, der Patriot, h\u00e4tte alle diese Zugezogenen in seine wahrlich riesige Familie integriert, aber er h\u00e4tte sie wahrscheinlich lebensl\u00e4nglich Ausl\u00e4nder genannt. Heute darf man nicht mehr \u00abAusl\u00e4nder\u00bb sagen, politisch und gesellschaftlich ist das so unkorrekt wie \u00abZigeuner\u00bb oder \u00abNeger\u00bb. Wobei, warum eigentlich? Expat ist die heute gebr\u00e4uchliche Bezeichnung f\u00fcr Arbeitsmigranten, aber ausserhalb von Zug, Z\u00fcrich oder Genf kennt diesen Begriff niemand. Und mein Vater h\u00e4tte ihn sowiso falsch verstanden. F\u00fcr ihn gab es nur Patrioten, mit Expatrioten h\u00e4tte er nichts anzufangen gewusst. Und \u00abExpatriate\u00bb h\u00e4tte er schon gar nicht verstanden, er beherrschte keine Fremdsprachen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1. M\u00e4rz 2020 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MICHAEL HUG EXVATERLAND. Es begann mit meiner Mutter. 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