{"id":4489,"date":"2020-10-14T10:37:33","date_gmt":"2020-10-14T08:37:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4489"},"modified":"2020-10-14T10:37:33","modified_gmt":"2020-10-14T08:37:33","slug":"kaffee-aus-dem-katzenklo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4489","title":{"rendered":"Kaffee aus dem Katzenklo"},"content":{"rendered":"\n<p>Der teuerste aller Kaffees kommt aus Osttimor. Ist der Kaffee, der schon mal verdaut wurde, auch der beste?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man weiss: Kaffee ist nicht gleich Kaffee. Grunds\u00e4tzlich gibt es guten Kaffee und l\u00f6slichen Kaffee. Dann gibt es noch den so genannten Kaffee beim Burgerbrater am Kreisel und den im R\u00f6ssli am Dorfplatz. Der im R\u00f6ssli ist der schlimmste, daf\u00fcr aber weit und breit der teuerste. Vier Franken Neunzig f\u00fcr eine Tasse. Das \u00ab\u00e4xg\u00fcsi-unser-Kaffee-ist-so-schlecht-da-schenken-wir-Ihnen-ein-amuse-bouche-dazu\u00bb ist ein furztrockenes Chr\u00f6\u00f6mli aus Italien. In Z\u00fcrich, k\u00f6nnte auch Genf sein, gibt es den landesweit teuersten aber meistens nicht den besten Kaffee. Z\u00fcrich-Flughafen ist die H\u00f6lle: Sechs Franken wollen sie da f\u00fcr einen Espresso. Und sagen dazu noch \u00abexpresso\u00bb. Das \u00abexpresso\u00bb haben viele Beizer falsch verstanden: sie pressen die H\u00e4lfte siedendes Wasser durch die selbe Menge Kaffeepulver in eine eiskalte d\u00fcnne Tasse und legen ein Sch\u00f6ggeli von vorgestern dazu. Sauf&#8216; Gast, zahl&#8216; und mach&#8216; dem N\u00e4chsten Platz!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Katze friss oder stirb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Katze friss oder stirb heisst es beim Luwak Kaffee. Der s\u00fcdostasiatische Fleckenmusang (<em>Paradoxurus hermaphroditus<\/em>) liebt Kaffee. Vielmehr das was um die Kaffeebohne herum ist, das Fruchtfleisch. Eine Kaffeebohne ist n\u00e4mlich wie eine Kirsche, von der wir Menschen ja das lieben, was um den Kern herum ist. Den spucken wieder aus oder, Kind, verschlucken ihn. Der Kern, Stein, kommt hinten wieder raus, irgendwann, unverdaut. Bei der Kaffeebohne und dem Fleckenmusang ist das genauso: Der Musang, auch Schleichkatze genannt, frisst die Kaffeekirsche und scheidet den Kern, die Kaffeebohne, mehr oder weniger unverdaut wieder aus. Kaffee aus dem Katzenklo sozusagen. Menschen gehen hin und sammeln die Schleichkatzenscheisse ein. Daraus wird dann Kaffee auf dem ordin\u00e4ren Weg: r\u00f6sten, mahlen, heisses Wasser dr\u00fcber. Klar, man muss die Bohnen aus der Kloake auch noch etwas reinigen, sonst riechts und schmeckts \u00fcbel, was aber eigentlich auch kein grosses Problem w\u00e4re, denn es gibt ja auch auf dem normalen Weg \u00fcbelriechenden und -schmeckenden Kaffee, der ohne Wimpernzucken getrunken wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kaffee aus Katzenscheisse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaffee aus Katzenscheisse stammt vorwiegend aus Osttimor und Vietnam. Denn dort lebt der Fleckenmusang. Fr\u00fcher, als die ausgeschiedene Bohne f\u00fcr den Genuss entdeckt wurde, gingen die Menschen in den Busch und suchten sich den Dung der Schleichkatzen zusammen. Die so praktizierte Art der Kaffeebohnenextraktion hat n\u00e4mlich auch eine verfahrensoptimierte Seite: Man muss das Fruchtfleisch der Kirsche nicht mehr von der Bohne trennen, das besorgen die M\u00e4gen der Katzen. Die Buschm\u00e4nner und -frauen, wahrscheinlich in der Mehrheit -kinder, machen gutes Geld damit, denn der \u00abLuwak\u00bb l\u00e4sst sich in der ersten Welt gut verkaufen. 250 Franken kostet ein Kilogramm Kopi Luwak (Luwak-Kaffee). Aber wozu in den Dschungel schweifen, sieh&#8216; das Gute liegt in der Kafigbatterie. Also z\u00fcchtet man Schleichkatzen im Hinterhof wie bei uns Kaninchen. Aber so richtig en gros. Jetzt gibt es in S\u00fcdostasien Hundertausende Musangs in Kafigbatterien, die f\u00fcr die westliche Welt Kaffee scheissen. Auf Futterbeigaben aus dem Dschungel, Vogel- und Echseneier, frisch geschl\u00fcpfte K\u00fcken und Insekten, M\u00e4use und sonstiges Kleingetier m\u00fcssen die Musangs da verzichten. Es gibt nur Kaffee als Hauptspeise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geschmack durch Nassfermentation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsistenz- und Geschmacksver\u00e4nderungen der Kaffeebohne Luwak-Style w\u00e4hrend des Verdauungsvorgans sind h\u00f6chst interessant. Grunds\u00e4tzlich findet im Magen der Katzen statt, was in allen M\u00e4gen dieser Welt stattfindet, eine Nassfermentation. Dabei wird das Fruchtfleisch der Kaffeefrucht zur Verdauung aufbereitet, gleichzeitig wird aber auch die Kaffeebohne angegriffen. An der \u00e4usseren Schicht der Bohne werden Kerben freigelegt, die es den Magens\u00e4ften erlauben, in die Bohne zu dringen. Die Enzyme des Magens richten keinen Schaden an, im Gegenteil, der Geschmack der Bohne wird durch Proteinspaltung ver\u00e4ndert, scheints verbessert. Das Aroma dieser Bohnen werde, so die Behauptung, besser, gehaltvoller, mundiger. Wer genau hinsieht, also hinschmeckt, sagt auch: erdiger, muffiger, modriger. Seis drum. Luwak schmeckt auf jeden Fall anders und wie so vieles auf dieser Welt, das selten und deshalb teuer ist, ver\u00e4ndert es seine Reputation erst im Hirn des Essenden zur Delikatesse. Man denke da an Kalbszunge, Andouille, Kaviar. Alles grausliches Zeugs, das schon mal durch Maul oder Magen ging.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1. September 2020 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der teuerste aller Kaffees kommt aus Osttimor. Ist der Kaffee, der schon mal verdaut wurde, auch der beste? MICHAEL HUG Man weiss: Kaffee ist nicht gleich Kaffee. Grunds\u00e4tzlich gibt es guten Kaffee und l\u00f6slichen Kaffee. Dann gibt es noch den so genannten Kaffee beim Burgerbrater am Kreisel und den im R\u00f6ssli am Dorfplatz. 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