{"id":4502,"date":"2020-12-17T10:31:07","date_gmt":"2020-12-17T09:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4502"},"modified":"2020-12-17T10:32:04","modified_gmt":"2020-12-17T09:32:04","slug":"das-streben-ist-das-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4502","title":{"rendered":"Das Streben ist das Ziel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Schwelgen im Luxus &#8211; wer wollte das nicht! Doch Luxus ist nicht des zuvielen Geldes letzter Schluss. Wahrer Luxus ist Verzicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>ALEXANDRIA. M\u00e4nner f\u00fchren Kriege, Frauen baden im Luxus. Manchmal h\u00e4ngen die beiden Dinge zusammen, manchmal aber auch nicht. Zu Kleopatras Zeiten scheint das so gewesen zu sein. Ihre Liebhaber, zwei Caesaren aus Rom, waren beide den gr\u00f6ssten Teil ihrer Arbeitszeit damit besch\u00e4ftigt, ein Weltreich zu f\u00fchren, es zu vergr\u00f6ssern, Handel und Profit auszubauen, Reichtum zu \u00e4ufnen und damit auch den Luxus. Kleopatra VII., die tragische K\u00f6nigin von Alexandria und auf dem Papier Herrscherin \u00fcber \u00c4gypten, verbrachte ihre Zeit damit, das Regieren den r\u00f6mischen Caesaren zu \u00fcberlassen um stattdessen im Luxus zu schwelgen. Sich den sch\u00f6nen Dingen zu widmen statt zu arbeiten, Goldschmuck herumzutragen, in Kamelmilch zu baden und Honig sowie dienstfertiges Personal in hoher Zahl zu besch\u00e4ftigen. Ebendas ist Luxus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Synonym f\u00fcr Verschwendung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4ss Duden, Wikipedia oder anderer un- oder vertrauensw\u00fcrdiger Quellen im weltweiten Netz ist Luxus das Synonym f\u00fcr Verschwendung, doch auch f\u00fcr Liederlichkeit (hat hierbei nichts mit Gesang zu tun) und Fruchtbarkeit. Woraus man schliessen k\u00f6nnte, dass es ein Luxus ist, sich fortzupflanzen, oder gar Verschwendung. Kinder sind demnach Luxus. Kleopatra leistete sich diese Art von Luxus vierfach und gebar Ptolem\u00e4us XV. Caesar, Miterzeuger war vermutlich Julius Caesar, sowie vom zweiten Miterzeuger Marcus Antonius Caesar drei Kinder, davon zwei gleiche, n\u00e4mlich die Zwillinge Kleopatra Selene II. bzw. Kleopatra VIII., sp\u00e4tere K\u00f6nigin von Mauretanien und Alexander Helios, dessen weiteres Schicksal nicht \u00fcberliefert ist, sowie den j\u00fcngsten Sohn Ptolemaios Philadelphos, der pro forma im Alter von zwei Jahren zum K\u00f6nig von Ph\u00f6nizien, Kilikien und Syrien ernannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nerzfelle aus d\u00e4nischer Zucht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Luxus \u00fcbersteigt den normalen Rahmen der Lebenshaltung, sei nicht notwendiger, nur zum Vergn\u00fcgen betriebener Aufwand, sei Pracht, verschwenderische F\u00fclle, mehr Schein als Sein, BlingBling und Ferrari. Luxus seien Badeferien im 6-Stern-Resort auf den Malediven, Privatjet, Butler, schweres Ohr- und Halsgeh\u00e4nge, Bettw\u00e4sche gef\u00fcllt mit Taubendaunen, Nerzpelze aus d\u00e4nischer Zucht, ein Flug aller-et-retour in der Concorde (fr\u00fcher). Luxusg\u00fcter sind Ausdruck von Zuvielhaben. Wenn man alles hat, beginnt der Luxus, die Verschwendung, die Liederlichkeit. Luxus steigert die Laune, hebt das Selbstwertgef\u00fchl bei denen, die noch keines haben, hilft bei Minderwertigeitskomplexen und befeuert Gr\u00f6ssenwahn. Wer st\u00e4ndig das Gef\u00fchl hat, zu kurz zu kommen, geht bei Dolce&amp;Gabbana einkaufen. \u00abWer eine Jogginghose tr\u00e4gt, hat die Kontrolle \u00fcber sein Leben verloren\u00bb, meinte Karl Lagerfeld selig, wobei der Modezar nat\u00fcrlich nicht Trainerhosen von Adidas meinte, sondern Modelle wie die \u00abIT40 Lammleder mit Jerseystreifen\u00bb von Gucci f\u00fcr 2&#8217;500\u20ac.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verschwendung ist relativ<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist Verschwendung frei nach Albert Einstein relativ. F\u00fcr einen Armen oder eine Arme ist alles Luxus. F\u00fcr jemanden, der ihn sich leisten kann (oder manchmal auch nicht und trotzdem so tut als &#8211; mehr Schein als Sein!) ist die Grenze nach oben offen. Der Eine sagt, dass es Verschwendung sei, den Anschnitt beim Brot wegzuschmeissen, der Andere meint, der Gupf sei \u00fcberhaupt das beste am Brot. Jemand, der schon zwei Gulfstream G650ER hat, sieht darin den Normalzustand, f\u00fcr ihn w\u00e4re eventuell eine Boeing 787-8 BBJ erstrebenswert (230 Mio \u20ac, Platz f\u00fcr nur 40 Passagiere). F\u00fcr einen Normalb\u00fcrger wie mich ist ein Gratisupgrade in die Business Class auf einem Flug nach Kairo bereits das absolute Nonplusultra, also Luxus. Dauert leider nur vier Stunden, doch daf\u00fcr bekommt man Drinks for free und dann nicht den billigen Drei-Sterne-Cognac imfall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sch\u00fctzt vor spontanen Neidanf\u00e4llen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Luxus ist der pers\u00f6nlichen, subjektiven Betrachtungsweise unterworfen. \u00abWas ich nicht weiss, macht mich nicht heiss\u00bb ist dabei ein gutes Rezept und sch\u00fctzt vor spontanen Neidanf\u00e4llen. Wenn ich aber nicht mal weiss, was Luxus ist, kann er f\u00fcr mich auch nicht erstrebenswert sein. Ich verliere nicht einen Gedanken daran. Ein Kind in der tiefen Sahara weiss nicht, ob Wasser ein Luxus ist. Erst recht nicht ob heisses Wasser zum Duschen besser w\u00e4re als kaltes. Es kennt den Unterschied zwischen hei\u00df und kalt nicht, f\u00fcr das Kind ist Wasser einfach Wasser und nichts Luxuri\u00f6ses. Wenns keins hat, dann holt man sich welches oder wartet bis es regnet. Es kommt niemals auf den Gedanken, ob ein E-Bike zum Wasserholen angebrachter w\u00e4re als ein Hummer H2, der mehr Hubraum hat als die Ziegen seines Vaters pro Tag Wasser trinken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Streben ist das Ziel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kind in Afrika weiss also nicht, was unn\u00f6tig ist, und wir wissen es auch nicht, doch uns bleibt die Option, es auszuprobieren. Daher ist das Streben nach Luxus ein zu bef\u00fcrwortendes Verlangen, sofern das Streben der Weg und der Luxus das Ziel ist. Sofern der Weg einer der Erkenntnis ist, der im besten Fall das Ziel aus den Augen verlieren l\u00e4sst. Denn auf dem Weg zum Luxus erreicht einen eventuell die Erkenntnis, dass es bestimmte Dinge gar nicht braucht, um gl\u00fccklich zu sein. Aber vielleicht erreicht einen die Erkenntnis erst am Ende des irdischen Daseins oder gar nicht. Kleoptatra, die Bedauernswerte, schaffte es jedenfalls nicht zeit ihres kurzen Lebens. Sie war wohl viel zu sehr besch\u00e4ftigt mit dem luxuri\u00f6sen Gedanken, sich einen Caesar nach dem anderen zu angeln und dabei zu \u00fcbersehen, das Leben wirklich zu geniessen. Denn wahrer Luxus ist der Verzicht auf ihn. Darauf muss man aber erst mal kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erschienen am 1.12.2020 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwelgen im Luxus &#8211; wer wollte das nicht! 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