{"id":4512,"date":"2021-02-10T15:35:00","date_gmt":"2021-02-10T14:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4512"},"modified":"2021-04-23T15:36:13","modified_gmt":"2021-04-23T13:36:13","slug":"migraenelos-durch-kybernetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/?p=4512","title":{"rendered":"Migr\u00e4nelos durch Kybernetik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Die Kyburg und der Cyborg &#8211; Auf den ersten Blick hat der Eine mit der Anderen wenig zu tun. Auf der Kyburg wurden schon im sp\u00e4ten Mittelalter Eisenteile in menschliche K\u00f6rper gepflanzt. \u00dcberlebt haben sie es aber leider nicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>MICHAEL HUG<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Auf Schloss Kyburg (bei Winterthur) steht in einer kalten Dachkammer die eiserne Jungfrau. Nat\u00fcrlich ist diese eiserne Lady kein Cyborg, vielmehr ein Man Killer, vielleicht auch ein Woman Killer. Sie war wahrscheinlich der (die?) erste Cyborg der Geschichte. Cyborg auf der Kyburg &#8211; nicht nur aussprachlich gar nicht so weit voeneinander entfernt. \u00abCyborg\u00bb wird in Englisch als \u00absaiborg\u00bb ausgesprochen, auf Deutsch meint das Ding jedoch \u00abKybOrg\u00bb, ausgesprochen als \u00abkiborg\u00bb. Wo ist nun die Parallele? Der Cyborg ist (auch in der weiblichen Form) ein kybernetischer Organismus (cyb-org &#8211; cybernetic organism). Die Kyburg ist ein Schloss, unbeweglich, kybernetisch h\u00f6chstens wenn mal ein Stein aus der Mauer f\u00e4llt (der Begriff \u00abkybernetisch\u00bb impliziert Beweglichkeit in Verbindung mit Energie). Die eiserne Jungfrau ist etwas Bewegliches (kybernetisch), mitunter auch Bewegendes (emotional). Die Jungfrau zu Kyburg ist also sozusagen ein Fr\u00fchmodell eines Cyborgs, eines Roboters, ein Ding das dem Menschen \u00e4hnelt bzw. ihn teilweise oder ganz ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Die Fantasien der Kreativen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Cyborgs sind keine Kinder der Digitalisierung. Menschen\u00e4hnliche Maschinen oder Menschen mit kybernetischen Prothesen entstanden in den Fantasien der Kreativen noch bevor ernstzunehmende Wissenschaftler an programmierbaren Robotern bastelten. Das predigitale Zeitalter war aber auch die Epoche, in dem nicht nicht alles anglifiziert wurde. Der Regisseur Fritz Lang nannte seinen Maschinenmenschen (bzw. -menschin) in \u00abMetropolis\u00bb (1927) einfach nur \u00abMaschinenmensch\u00bb. Maria, so hiess Langs eiserne Lady, war der perfekte Cyborg: \u00abSie ist das vollkommenste und gehorsamste Werkzeug, das je ein Mensch besass.\u00bb (Zitat aus \u00abMetropolis\u00bb) Maria, die Vermenschlichte, war aber nur eine blecherne Kopie eines menschlichen Originals. Ganz im Sinne der Definition des Cyborg: Ein Mischwesen aus Mensch und Maschine, Menschen, denen teilweise oder ganz mechanische bzw. k\u00fcnstliche Teile eingesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Sulzerh\u00fcftgelenktr\u00e4gerInnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Insofern sind Sulzerh\u00fcftgelenktr\u00e4gerInnen, Herzschrittmachertr\u00e4gerInnen oder Kontaktlinsentr\u00e4gerInnen klassische Cyborgs. Auch Silikonbrusttr\u00e4gerinnen sind Cyborgs oder Lippenunterspritzerinnen, wenn man die Definition arg streng nimmt. Kein Cyborg ist aber ein Mann, der Viagra schluckt &#8211; solange er an seinem Schniddel keine operative (mechanische) Ver\u00e4nderungen vornimmt. Doch der Fortschritt schreitet weiter: Bereits arbeiten Frankensteins Nachkommen unter den Wissenschaftlern an digitaler Gehirnuntert\u00fctzung bzw. -ersatz. In der EU l\u00e4uft dazu ein geheimes und umfangreiches Forschungsprogramm \u00abThe Intelligent Brain Project\u00bb (TIBP). Als Versuchskaninchen haben sich PolitikerInnen und Menschen aus der Showbranche freiwillig zu Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Schlaues Hirn &#8211; weniger Kopfschmerzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Nun berichten Quellen, dass man in der Hirnersatzforschung (\u00abBrain Improvement Research\u00bb BIR) immer noch im kybernetischen (also mechanischen) Stadium sei. Das bewegliche Hirn sei noch weit von den Zielen und Lichtjahre von k\u00fcnstlicher Intelligenz entfernt, berichten beteiligte Wissenschaftler ohne mit ihrem Namen genannt werden zu wollen. Insbesondere lasse die Geschwindigkeit bei Lern- und Entscheidungsprozessen doch noch sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Die Krankenkassen h\u00e4tten die \u00dcbernahme der Kosten trotzdem bereits zugesagt mit der Begr\u00fcndung, ein schlaues Hirn erzeuge weniger Kopfschmerzen. Millionen f\u00fcr Saridon und Aspirin liessen sich dadurch sparen. \u00abEin kybernetisches Hirn braucht regelm\u00e4ssig ein paar Tropfen \u00d6l und ist insofern ein sehr \u00f6konomisches Hirn\u00bb, l\u00e4sst sich ein Krankenkassenvertreter zitieren, selbstverst\u00e4ndlich auch er ohne seinen Namen ver\u00f6ffentlicht sehen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><strong>Cyborgs unter uns<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Geflissentlich vermeidet die Branche den Begriff \u00abCyborg\u00bb, spricht stattdessen lieber von \u00abVerbesserungen\u00bb, \u00abOptimierungen\u00bb oder \u00abgesteigerter Lebensqualit\u00e4t\u00bb des Menschen. Nichtsdestotrotz weilen Cyborgs schon l\u00e4ngst unter uns. Sie bem\u00e4chtigen sich unserer Fantasie und die der K\u00fcnstlerInnen. Beispiele: H.R.Gigers \u00abBiomechanoiden\u00bb in \u00abAlien\u00bb (1979), der Song \u00abSy Borg\u00bb aus dem ziemlich schl\u00fcpfrigen Album \u00abJoe\u2019s Garage\u00bb von Frank Zappa (1979), der Cyborg aller Cyborgs, Arnold Schwarzenegger als \u00abTerminator\u00bb (ab 1984), der im \u00dcbrigen, selben Ursprungs ist wie die Eiserne Jungfrau bei Winterthur, n\u00e4mlich \u00d6sterreich. Und wer weiss, vielleicht ist sogar Daniel Kalt ein Cyborg (er w\u00e4re mit seinem Nachnamen geradezu pr\u00e4destiniert daf\u00fcr) oder Magdalena Martullo. Auch die Jungfrau zu Kyburg ist ein Cyborg. Ihre innere Mechanik (Kybernetik) macht sie zwar nicht schlauer, daf\u00fcr aber effizienter. Von aussen ist sie die liebliche Lady, aber wer je in ihr war, ist meistens nicht mehr lebend wieder aus ihr gekommen. Sie ist, also war, schon vor 150 Jahren \u00abThe true Cyborg of the Kyburg\u00bb: anspruchs- und gef\u00fchlslos, gehorsam, rational und politisch neutral.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Erschienen am 1.03.2021 im Nebelspalter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kyburg und der Cyborg &#8211; Auf den ersten Blick hat der Eine mit der Anderen wenig zu tun. Auf der Kyburg wurden schon im sp\u00e4ten Mittelalter Eisenteile in menschliche K\u00f6rper gepflanzt. \u00dcberlebt haben sie es aber leider nicht. MICHAEL HUG Auf Schloss Kyburg (bei Winterthur) steht in einer kalten Dachkammer die eiserne Jungfrau. 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