{"id":1552,"date":"2017-10-28T11:31:53","date_gmt":"2017-10-28T09:31:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/?p=1552"},"modified":"2017-10-28T11:34:13","modified_gmt":"2017-10-28T09:34:13","slug":"petit-socco-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/index.php\/2017\/10\/28\/petit-socco-2\/","title":{"rendered":"Petit Socco, la suite"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Ich beobachte, wie zwei junge Studenten-Touristen eine ziemlich komplizierte Bestellung beim Kellner aufgeben und ich sehe den Ladenbesitzer, der als Letzter auch noch den Rollladen seines Ladens hochrollt, in dem er Lederjacken f\u00fcr M\u00e4nner feilbietet. Ich beobachte die Szene in der T\u00fcre eines Coiffeurs, wo ich den Kopf eines Kunden sehe, eingeschmiert mit Rasierschaum und zwei H\u00e4nde, die daran herum fingern. Ich sehe einen alten Mann auf einem St\u00fchlchen kauernd, vor sich eine Kartonschachtel, die, w\u00e4re sie nicht unendlich viele Male mit Klebeband umwickelt worden, wohl wegen ihres Alters und t\u00e4glichen Gebrauchs in sich zusammenfallen w\u00fcrde. Der Mann verkauft Zigaretten, einzeln oder im Paket, den ganzen Tag wird er hier sitzen und am Abend zumindest so viel verdient haben, dass es ihm f\u00fcr einen Teller Suppe reicht oder sonst etwas Existenzielles. Ein etwas j\u00fcngerer Mann steht bei ihm, vielleicht der Lehrling, der eines Tages das Gesch\u00e4ft \u00fcbernimmt, wenn der Alte nicht mehr auf dem St\u00fchlchen sitzen kann. Daneben steht ein altes Auto, ein Alfa, der mal schwarz war oder dunkelblau, jetzt aber verstaubt und verbeult ist und anscheinend trotzdem noch in Betrieb, denn er steht mit laufendem Motor da. Die Karre scheint niemandem zu geh\u00f6ren, die ganze Zeit, die es braucht, um ein K\u00e4nnchen zu drei Tassen Tee zu trinken, steht das Auto da und verstinkt die Luft, ohne dass irgendwer sich darum k\u00fcmmert. Ein Alfa ist hier selten zu sehen, dieser da muss eine interessante Geschichte haben. Ein Schuhputzer m\u00f6chte sich meine Schuhe vornehmen, ich m\u00f6chte aber nicht, irgendwie ist mir das peinlich, einen Menschen vor mir kauern zu haben, der an meinen Schuhen rummacht. Doch dem Mann geht die Arbeit trotzdem nicht aus, einige der Sitzenden, die ausnahmslos M\u00e4nner sind, mit Ausnahme des weiblichen Teils des Studenten-Touristen-Paares das seine Bestellung, etwas das aussieht wie ein Cappuccino, bekommen hat, nehmen seine Dienste in Anspruch und ich denke mir, dass Coiffeure und Schuhputzer die letzten w\u00e4ren, denen hier in Tanger oder Marokko die Arbeit ausginge, ginge in Tanger oder Marokko die Arbeit aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1553\" aria-describedby=\"caption-attachment-1553\" style=\"width: 1600px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1553\" src=\"http:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog.jpg\" alt=\"Place Petit Socco\" width=\"1600\" height=\"1067\" srcset=\"https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog.jpg 1600w, https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.michlmichl.ch\/wordpress_2\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/grippedbag_PA200066_tanger_petitsocco_blog-100x67.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1553\" class=\"wp-caption-text\">Gew\u00fchl in der Medina: Traditioneller Junggesellenabschied in der Rue Siaghine<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"justify\">In diesem Moment kommen ein paar Touristen um die Ecke, \u00e4ltere Touristen, italienische Touristen, und es werden immer mehr, da hat wohl oben auf dem Grand Socco ein Touristenbus seine Ladung \u00fcber die Medina gekippt, und wie sie eben so sind, die Touristen, bleiben stets alle zusammen, auf dass man niemanden verliert, und \u00fcberschwemmen die engen Gassen der Medina, als w\u00e4rs ein hochwasserf\u00fchrender Gebirgsbach im Misox. So sind sie f\u00fcr die Nepper und Schlepper ein gefundenes Fressen, eine ganze Horde hat sich schon um die armen Opfer versammelt, auf zwei Touristen kommt ein H\u00e4ndler, der ihnen irgendwas mehr oder weniger Unn\u00fctzes andrehen will: T\u00fcrvorlegeteppiche, Ohrringe, Schals, Teek\u00e4nnchen, Armb\u00e4nder und tausend Dinge mehr.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr die Touristen wird es nun schwierig, etwas von der Medina und ihrer Stimmung mitzubekommen, denn ist einer endlich abgewimmelt, h\u00e4ngt schon der n\u00e4chste am Rockzipfel. Ebenso schwierig wird es in so einer Gruppe, sich in ein Caf\u00e9 zu setzen, bei einem wunderbaren Minztee den Rundblick zu geniessen, zum einen w\u00e4re das Caf\u00e9 sogleich \u00fcberf\u00fcllt und anderseits m\u00fcssten ja auch die Nepper und Bauernf\u00e4nger irgendwie abgesch\u00fcttelt werden k\u00f6nnen, denn vor der Terrasse des Caf\u00e9s machen die nicht Halt, genauso wenig wie die Schuhputzer, nur sind die weniger aufdringlich. Doch daran sind Touristen gar nicht interessiert. Sie werden wie auf der ganzen Welt zu den Sehensw\u00fcrdigkeiten gekarrt, auf dass sie sich betrachten, was sie im gedruckten Reisef\u00fchrer eingehend studiert haben, oder sich die nie endenden Erkl\u00e4rungen des lebendigen Reisef\u00fchrers anh\u00f6ren. Nach einer Stunde oder zwei werden sie wieder aufgelesen, in diesem Fall f\u00e4hrt der Busfahrer vermutlich um die Medina herum und nimmt seine Klienten unten im Hafen wieder auf. Das finde ich logistisch ziemlich durchdacht, muss man doch als Tourist nicht wieder die relativ steile Rue Siaghine hochgehen. Mein Tee ist getrunken, mein Zug nach Rabat f\u00e4hrt bald und ausserdem stecken sich die beiden Studenten-Touristen je eine Zigarette an und der ganze \u00fcble Gestank zieht zu mir her\u00fcber. Zeit, Tanger zu verlassen. Das Geheimnis Tangers glaube ich entdeckt zu haben: Es gibt keines. Es ist wie \u00fcberall: Man lebt und versucht sich dabei irgendwie \u00fcber Wasser zu halten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aus: \u00abTre Vulcani\u00bb, 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich beobachte, wie zwei junge Studenten-Touristen eine ziemlich komplizierte Bestellung beim Kellner aufgeben und ich sehe den Ladenbesitzer, der als Letzter auch noch den Rollladen seines Ladens hochrollt, in dem er Lederjacken f\u00fcr M\u00e4nner feilbietet. 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