Montenegro

Der €-Klau Montenegros

PODGORICA 31/05/17. Nach dem Irrflug über Podgorica bin ich nun wieder auf dem Boden angekommen und ich stelle fest, dass ich alt werde oder der Routine verfallen bin oder beides. Steh‘ ich also da vor dem Passkontrolleglashäuschen und habe meinen Reisepass vergessen. Toll, aber: in den wirklich wichtigen Dingen im Leben ist der kluge alte Mann abgesichert und hat darum stets die ID im Portmonnee. Nächstes Problem: Geld. Ich habe voll verschwitzt, mich vorab nach der Währung von Montenegro zu erkundigen. Dafür habe ich jetzt keine schnelle Lösung. Mit den paar €-Münzen im Hosensack werde ich das Taxi in die Stadt nicht bezahlen können. Also ran an die Cash-Maschine. Hats im Flughafen, man muss sie allerdings bitzli suchen. Doch da gibt es ausser Euro nichts zu beziehen. Also beziehe ich Euro. Draussen am Taxistand frage ich den Fahrer vor dem Einsteigen, ob er Euro akzeptiere. Er sagt ja. Auf meine Frage, welche Währung hier üblich sei, sagt er: «Montenegro hat kein eigenes Geld, wir haben Euro.»

Montenegro hat keine eigene Währung. Als Jugoslawien 1992 zerfiel, entschloss sich die montenegrinische Bevölkerung, zusammen mit Serbien als Rumpf-Jugoslawien weiterzumachen. Es behielt damit auch den bis dahin gültigen Dinar als Landeswährung. Doch der Dinar verlor rasant an Wert, worauf man in Montenegro begann, seine Geschäfte in D-Mark abzuwickeln. Damit übernahm der Staat de fakto die deutsche Währung als seine Leitwährung (ab 2000 auch de jure) und alles war ok. Als 2002 in der EU der € eingeführt wurde, hängte sich auch Montenegro an die neue Währung, bzw. musste sich anhängen, ansonsten es den Dinar wieder einführen oder eine eigene Währung hätte schaffen müssen. 2006 wurde Montenegro unabhängig, womit sich das Problem Dinar von selbst löste. Doch das kleine Land (625’000 Einwohnende) zeigte keine Lust, sich eine eigene Währung zuzulegen. Es lief ja gut mit dem Euro (alle anderen Staaten Ex-Jugoslawiens (ausser Kosovo) schufen eigene Währungen, koppelten allerdings diese an den Euro, wie z.B. Bosnien und Herzegowina) – zumindest in Montenegro.

Der EU passte das natürlich nicht. Wenn sich ein EU-Land in die Währungsunion einklinkt, muss es bestimmte Regeln befolgen (Staatsdefizit, Steuern, etc.). Es gibt auch Nicht-EU-Länder (Monaco, Andorra, San Marino, der Vatikan und Kosovo), die den Euro haben, doch diese haben sich den Regeln verpflichtet. Montenegro hat keine diesbezüglichen Verträge mit der EU, aber dem Land den Gebrauch des Euro zu verbieten, will die EU auch nicht, oder kann nicht, weil der € ja nicht die offizielle Landeswährung ist (faktisch ist er es durch das Fehlen ebendieser Landeswährung dennoch). Ausserdem ist Montenegro seit Ende 2010 Beitrittskandidat. Da hat auch die EU eingesehen, dass es keinen Sinn macht, dem Land eine eigene Währung vorzuschreiben, die sie dann bald nach dem Beitritt wieder aufgeben würde.

€-Münzen und -Noten darf Montenegro nicht herstellen und es hat keinen Einfluss auf die Geldmenge (und damit der Inflation). Das ist dem Land und seinen Leuten wohl egal. Sie fühlen sich mit dem Euro der EU einen Schritt näher. Ausserdem erleichtert der Euro ausländische Investitionen und das ganze Geld der Gastarbeiter in der EU kommt auch in € auf die montenegrinischen Konten. Einzig negative Auswirkung ist, v.a. für uns Touristen, dass die Preise vom europäischen Niveau nicht mehr allzu weit entfernt sind.

Montenegro

Montenegro – kleines Land an der Adria