Archiv des Autors: admin

Prypjat Gasmasken

Prypjat Geisterstadt Частина (Teil 4)

«Tschernobyl» (ukrainisch: «Chornobyl») ist das Synonym für das Atomkraftwerk, bzw. die Kernkarftwerksanlage am Dnjepr im Norden der Ukraine. Zurzeit der Planung und des Baubeginns gab es die Stadt Prypjat noch nicht. Es erhielt seinen Namen vom Fluss Prypjat, der in der Nähe fliesst.

Tschernobyl ist die nächste grössere Stadt (bzw. war, da heute fast unbewohnt), ca 20km südlich vom Standort der AKW’s entfernt. Die Anlage erhielt deshalb erst mal den Namen «Tschernobyl», dabei blieb es bis heute. Prypjat, nur 3 Kilometer von den AKW’s entfernt, wurde gleichzeitig mit dem Bau der Kraftwerke ab 1970 aus dem Boden gestampft. Es sind 6 Reaktorblöcke geplant gewesen, vier waren in Betrieb, als Block 4 explodierte. Block 5 und 6 waren zu 85% und 15% fertig. Block 1 bis 3 hat man auf Druck der EU nach und nach abgestellt, Block 3 als letzter im Jahr 2000, natürlich erst, als die EU einen Haufen Geld rübergeschoben hatte. Block 4 ist, wie man weiss, sarkophagiert. Es brüten dort unter mehreren Metern Beton noch immer vermutlich 80% des radiokativen Kernmaterials und das wird wohl auch die nächsten ca. 10 Milliarden Jahre so bleiben.

Um die AKW-Anlage wurde nach dem Unfall zwei «Exlusion Zone» gelegt. Innerhalb der 10-km-Zone darf nicht gewohnt, wohl aber sich aufgehalten, also gearbeitet oder besichtigt werden. Der Aufenthalt in dieser Zone ist auf 12 Stunden begrenzt. Prypjat, die Anlage selbst, ein paar (evakuierte) Dörfer und die Grenze zu Weissrussland liegen in dieser Zone. In der 30-km-Zone darf man sich 15 Tage lang aufhalten, also auch temporär, aber nicht dauerhaft wohnen. In dieser Zone liegt die Stadt Tschernobyl und die Radaranlage «Duga 1», die von der ehemaligen Sowetunion betrieben worden und am 26. April, am Tag des Unfalls, evakuiewrt worden ist. In Tschernobyl leben trotz des Verbots etwa 30 ältereMenschen, die ursprünhglich mit allen anderen evakuiert wurden aber im Lauf der Jahre wieder zurückgekehrt sind. Der Zugang in die Zonen wird restriktiv gehandhabt und kontrolliert.  Beim Verlassen muss jeder Besuchende einen Detektor passieren. Danach darf man makabre Souvenirs kaufen, z.B. Tschernobyl-Glacé oder T-Shirts.

Prypjat Gasmasken

Prypjat Geisterstadt Частина 3 (Teil 3)

Es gab alles in Prypjat. Schulen, Kino, Einkaufszentren, Naherholungsgebiet, Freizeitpark, Kulturzentrum, Sportzentrum, ein Stadion, ein Hallenbad, Bibliothek undsoweiter. Und einen See, darauf Ausflusboote, einen Bahnhof mit Zugverbindung zur Kraftwerksanlage. Denn etwas hatten sie nicht im Überfluss, die PrypjaterInnen: Autos.

Die zur Zeit des Unfalls im AKW erst 16 Jahre alte Stadt Prypjat (Punkt 7 auf der Karte rechts) hatte bereits an die 50’000 Einwohnende. 15’000 davon waren Kinder, womit der Altersdurchschnitt natürlich sehr tief war und die Ansprüche der Einwohnenden entsprechend. Gestorben wurde fast nicht, es gab deshalb auch keinen Friedhof, dafür waren die Gubrtsabteilung im Krankenhaus und die Schulen gut ausgebaut und rege besucht.

Das Foto zeigt einen Blick ins Auditorium an der Gesamtschule von Prypjat. Hier haben die Stalker, also die Diebstahltouristen, professionelle Plünderer und Nachtbuben ganz besonders gewütet. Gasmasken waren auch hier wie zuhause oder am Arbeitsplatz immer griffbereit  verstaut. Interessant für die Plünderer waren nur die Filter, sie dürften mittlerweile auf den Flohmärkten des Ostens ihre Käufer gefunden haben, die Masken in Kindergrösse sind wohl schlecht verkäuflich.
 Prypjat Gasmasken

Bei diesen Rechenkünsten verwunderts mich schon bitzli, wie die sowetischen Ingenieure ein AKW überhaupt zum Laufen gebracht haben.

Schule Prypjat Schulheft

Prypjat Supermarkt

Prypjat Geisterstadt Частина 2 (Teil 2)

Prypjat war keine Stadt, es war ein Projekt. Die den ganzen AKW-Komplex mit 6 Reaktoranlagen auf dem grünen Feld geplant hatten, bauten gleich auch die Stadt dazu. In Prypjat wohnte ausschliesslich das Personal des Kraftwerks, die Angehörigen sowie die Angestellten der subsidiären Dienste, insgesamt wohnten hier Ende April 86 knapp 50’000 Menschen.

Wir waren vorhin auf dem Dach eines 16-stöckigen Hochhauses. Hier haben die ArbeiterInnen mit ihren Familien gewohnt. Die Wohnungen sind etwas klein geraten, das war wohl Standard damals in der Sowjetunion. Alle Wohnungen sind exakt genau gleich ausgestattet. Alle Menschen waren ja gleich. Die etwas noch Gleicheren haben in einem anderen Stadtteil gehaust mit Blick auf den Prypiat-See. Wir sind mit der Kamera – eigentlich verbotenerweise – durch das 15. Stockwerk gegangen.

Heute kann man durch die Strassen gehen ohne nennenswert verstrahlt zu werden. In den Gebäuden ist man ebenso sicher (ist aber trotzdem verboten, eigentlich), da der verstrahlte Staub, bzw. Dreck, der vom Himmel fiel, nicht in die Gebäude gelangte. In der Folge wurde auch mehrmals versucht, die Gebäude aussen zu dekontaminieren, bzw. mit Wasser abzuspritzen. Es war geplant, dass die Bewohnenden irgendwann mal zurückkehren konnten. Doch die Hoffnung zerschlug sich, nachdem in den Monaten nach dem Unfall das tatsächliche Ausmass der Verheerung uberschaubar wurde.
Man sieht , wie die Natur sich ihr Terrain zurückholt. 32 Jahre liegen zwischen der Stadt von einst und der Ansicht hier auf dem Bild. Die Strassen wurden damals betoniert. Nach dem Fallout durch den Reaktorunfall wurden sie  mehrere Male gekärchert, dann wurde drüber asphaltiert.

Den Begriff «Supermarkt» kannte der reale Kommunismus in der Sowjetunion nicht. «Super» war nichts, alles war gleich teuer und gleicher Qualität. Deshalb ist dies hier ein (ehemaliger) Lebensmittelladen und nicht ein Supemarkt.

 Prypjat Supermarkt

Prypjat City

Prypjat Geisterstadt Частина 1 (Teil 1)

Prypjat, nicht Tschernobyl ist die Geisterstadt. Prypjat wurde am 27. April 1986 nach dem Unfall in Reaktor Nr. 4 des AKW Tschernobyl vollständig evakuiert. 49’360 Einwohnende, darunter 15’500 Kinder, wurden innert weniger Stunden an andere Orte der damaligen Sowjetunion gebracht. Keiner kehrte je zurück.

Ein Hochhaus eignet sich gut, um sich einen Überblick zu verschaffen, auch wenn man es eigentlich nicht betreten dürfte. Aber wie schon erwähnt, wenn man die Sachen nur von aussen sieht, sieht man nicht alles. Von oben sieht man da schon mehr.
Wir sind hier auf einem der sechs 16-stöckigen Hochhäuser der ehemaligen 50’000-Seelen-Stadt Prypjat am gleichnamigen Fluss, «the most beautyful atomic city of the world» (man müsste das hier jetzt auf russisch hinschreiben aber dann versteht es ja keine/r). Am Horizont in etwa 3km Entfernung sieht man den zweiten Sarkophag über dem Block 4 des AKW Tschernobyl. Im Vordergrund sieht man die Wohnsilos der Stadt Prypjat. Die Bäume in Räumen dazwischen sind erst in den letzten 32 Jahren dort gewachsen. Vorher war da Strassen, Fusswege, Blumenrabatten und Rasenflächen. Die Natur holt sich alles zurück, nur gegen den Beton kann sie nichts machen. Wenigstens vorläufig. In 100 Jahren werden wohl auch die Häuser zurückerobert, bzw. zusammengefallen sein.
Die natürliche Rückeroberung sagt aber auch, dass die Natur nicht allzuviel Schaden durch den Reaktorunfall davongetragen hat. Die Flora entwickelt sich relativ normal, und es gibt Vögel, Insekten, Schmetterlinge usw. Streunende Hunde oder Katzen gibt es keine. Sämtliche Haustiere in der 10km-Exclusion-Zone wurden nach der Evakuierung 1986 erschossen und vergraben. Es gibt hier noch leichte radioaktive Strahlung, aber unsere Dosimeter zeigen noch Werte unter der Schmerzgrenze. Deshalb darf man die Stadt betreten, jedoch nur tagsüber.

Zum Vergleich hier ein Pic aus dem Sommer 86 kurz nach dem Unfall:
https://www.aerztezeitung.de/ex…/bildergalerie/Default.aspx…

Prypjat City

Prypjat im September 2018, Sarkophag über Werk 4 des AKW Tschernobyl am Horizont

Prypjat Ortstafel

Checkpoint Nouadibou

Checkpoints

Fotografieren verboten – Checkpoints in Mauretanien un deren Regeln – Das Interesse gilt den Ausländern und dient deren Sicherheit – Man muss einfach nur genug Passkopien bei sich haben denn die Gendamerie hat keinen Kopierapparat

NOUAKCHOTT/NOUADIBOU. Man kennt langsam die Prozedur: Der Fahrer gibt dem Polizisten die Kopien unserer Pässe. Der Gendarm checkt sie mit einem flüchtigen Blick (ob er sie lesen kann, bleibt sein Geheimnis) und gibt dann mit einer Handbewegung die Weiterfahrt frei. Manchmal wechselt unser Guide Achmad ein paar Worte mit dem Gendarmen, oder er erklärt ihm wer wir sind, auch das kann ich, des Arabischen unmächtig, nicht nachvollziehen. Vielleicht erklärt er ihm auch, warum die Kopien so schlecht sind, dass eigentlich nichts darauf zu erkennen ist (weil der Kopierer im Hotel in Nouadibou wahrscheinlich aus dem Mittelalter stammt). Die Originalausweise will der Gendarm nicht sehen, der Polizist, auch die Ausweise von Adama und Achmad nicht. Meist schreibt er dann irgendwas auf die Rückseite der Kopien, vielleicht das heutige Datum, sofern er einen Kugelschreiber hat, wenn nicht, bettelt er uns um einen an, und ich schenke ihm einen von meinen.

Auf der Fahrt von Nouakchott nach Nouadibou, sechs Stunden in einem vollbesetzten Minibus, gibt es rund sechs oder sieben Checkpoints oder noch mehr, ich habe sie nicht gezählt. Manche sind mitten auf der Strecke im Niemandsland, manche kurz vor oder nach einer Stadt. Bei solchen Checkpoints, die erst aus der Nähe als solche zu erkennen sind, muss man eine Regel befolgen: der Fahrer muss an der Tafel etwa 50 Meter vor dem Checkpoint anhalten, auch wenn am Checkpoint gerade niemand gecheckt wird. Erst wenn der Gendarm, der dann aus seiner Hütte (Baracke, Verbau, Verschlag, sicher aber kein Haus) kommt, das Fahrzeug herwinkt, darf man weiterfahren und exakt genau beim Gendarmen anhalten.

Wenn diese Checkpoints in der Wüste sind, muss man wissen, wo sie sind. Meistens sind sie in einem Dorf, irgendwo, nicht zu erkennen, weil nicht angeschrieben, der oder die Gendarmen dösen in der Hütte. Kein Strom, kein Internet, eventuell Handynetz, kein Computer, keine Schreibmaschine. Man drückt dem Polizisten die Kopien in die Hand und das wars. Vielleicht verschwinden diese Zettel irgendwo in einer Schublade, oder jemand gibt sich die Mühe, die Angaben auf eine Liste zu schreiben und die Liste irgendwann einem Kurier oder der Ablösung mitzugeben. Vielleicht registriert die Authority oder das Tourismusministerium oder irgend sonst ein Amt, wo wir (Ausländer) gerade sind, bzw. waren.

Checkpoint Nouadibou

Gendarm an einem Checkpoint bei Nouadibou – Fotografieren verboten imfall!

So ist man in Mauretanien immer gut behütet. Diese Kontrollen dienen der Sicherheit der Touristen und nicht zu deren Schikane. Für die Einheimischen im Minibus interessieren sich die Gendarmen nicht wirklich. Es sind ja auch nur Frauen im Bus, ausser dem Fahrer und dem der neben ihm sitzt (Ersatzfahrer?). Ich fühle mich jederzeit gut aufgehoben. Weit und breit keine Gefahr. «In Mauretanien werden und wurden keine Ausländer entführt», sagt Idoumou, der Tourorganisator. Entführungen seien im Nordosten, da wo Mauretanien an Algerien und Mali grenzt, 1’000 Kilometer weit weg, vorgekommen. Die Terroristen und Banditen kümmern sich dabei nicht um Landesgrenzen, sie schnappen sich halt die, die grade durchfahren. Doch fährt dort niemand mehr durch ausser völlig Durchgeknallte oder MissionarInnen. Es ist längst bekannt, wo diese Banden operieren, und wer da noch ein Wüstenabenteuer sucht, ist selber schuld.

Aber die Schweiz (und Deutschland) schätzen die Gefahr ein Entführung in Muaretanien als hoch ein. Das Eidgenössische Amt des Äussern EDA führt den Mord auf einer Überlandstrasse (Nouakchott – Nouadibou, die Strasse, auf der wir gerade fahren) im Jahr 2016 als Beispiel an. Dieser Überfall stand jedoch in keinem Zusammenhang mit Auslaändern. Es  war ein gezielter Überfall auf Einheimsche, wobei es um eine Lastwagenladung ging. Und auch bei einem zweiten Beispiel, bei einer Auseinandersetzung mit politischem Hintergrund in Nouakchott im Jahr 2014 kam «nur» ein Einheimischer zu Tode. Seit etlichen Jahren ist kein Ausländer mehr in Mauretanien zu Schaden gekommen. Mauretanien liegt selbst viel daran, dass Touristen sicher sind – es will ja den Tourismus ankurbeln. Aber das EDA sieht das wider besseren Wissens anders. Mit seiner Einschätzung der Sicherheitslage und seinem grundsätzlichen Abraten von Reisen nach Mauretanien verhängt die Schweiz einen Reiseboykott gegen das friedliche Land. Somit vermittelt kein Reisebüro Reisen nach Mauretanien und der Status als gefährliches Land wird zementiert. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn als Selbstreisender hat man das ganze Land und die ganze Aufmerksamkeit der Menschen für sich. Keine lärmenden Pauschaltouris weit und breit – waischwiegeiley!

Sonne im Zenit

Gebet in der Wüste

Wenn der Fahrer plötzlich anhält, aussteigt und nicht Bisi macht – Dann ist es Zeit für das «Dhur» – Nicht um 12 Uhr sondern eine Stunde später – Weil Mauretanien in seiner Zeitzone etwas zu westlich liegt – Eine kleine Zeitzonenkunde

Eigentlich müsste das «Dhur», das Mittagsgebet, zur Mittagszeit gehalten werden. Mittagszeit ist gewöhnlich um 12 Uhr, jedenfalls für uns Alpenmitteleuropäer. Dann steht die Sonne in ihrem Zenit, das ist der Zeitpunkt des Mittagsgebets, so wie es der Prophet gewollt hatte. Mauretanien liegt in der Zeitzone «UTC±0» (Universal Coordinated Time), auch als «GMT» (Greenwich Mean Time), der Zeit, die in England, herrscht, geläufig. Doch liegt Mauretanien ziemlich am westlichen Rand der UTC-Zone, so dass die Sonne hier um 12 Uhr noch nicht im Zenit steht. Erst eine Stunde später ist das der Fall. Deshalb wird in Mauretanien das Dhur um 13 Uhr herum gehalten. Warum nicht exakt um 13 Uhr? Weil es drauf ankommt, in welcher Orstchaft man gerade ist. Die Sonne steht ja nicht an jedem Ort im selben Zeitpunkt im Zenit.

Sonne im Zenit

Die Sonne im Zenit – um uns herum nur Sand

Ob es unser Fahrer Adama so genau nimmt, glaube ich nicht. Er kan ja nicht überall sofort stoppen wenn die Zeit gekommen ist und ausserdem müsste er wissen, wann das mit dem Zenit so weit ist (variiert in Mauretanien zwischen 12h27 (Némia im Osten) und 13h06 (Nouadibou im Westen). Aber hier in der Wüste zwischen Chinguetti und Ouadame muss er auf keine anderen Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen. Er kann einfach halten, wo es ihm passt und das tut er auch. 12h57 ist es, Adama hält auf einer sanften Düne an, steigt aus und geht ein paar Meter nach Süden und betet. Ich pisse. Verena sucht Schatten. Achmad nimmt es nicht so genau mit Beten. Ich glaube er macht ein Kurzgebet und schaut dann nach der Ladung. Einer muss die Situation im Auge behalten wenn alle anderen ihren Sachgeschäften nachgehen. Doch es kommen Fragen auf: Wo ist Süden? Wo ist unser Schatten?

Wir haben keinen Schatten. Ich weiss nicht wo Süden ist. Ich, wäre ich der Fahrer, würde nun einfach in etwa die Richtung weiterfahren, wo ich hergekommen bin und würde wahrscheinlich irgendwann wieder hier ankommen, weil ich im Kreis gefahren bin. Man weiss, dass Leute im Nebel oder eben beim Fehlen des Schattens im Kreis gehen, auch wenn sie denken, die gehen geradeaus. Ich, wäre ich der Fahrer, würde uns ohne es zu wollen dem sinnlosen Tod im endlosen Sand entgegenfahren weil ich nicht mehr wüsste, wo ich bin (ein Navi hat unser Fahrzeug nicht und maps.google geht ohne Netz auch nicht). Ohne Schatten wäre ich entnetzter Alpenmitteleuropäer voll am Arsch hier, und es würde auch nichts bringen, die Nacht abzuwarten, weil ich mit Sternenbildern nicht auskenne.

Unterhalb des 36. Breitengrades, genauer: zwischen dem nördlichen 36. und dem südlichen 36. Breitengrad gibt es für jeden Punkt (Nadir) zwei Momente im Jahr, in dem die Sonne exakt senkrecht über diesem Punkt steht (Zenit). Ein Pfahl auf diesem Punkt wirft in diesem Moment keinen Schatten. Ohne Schatten keine Orientierung (diese Sache kann man auch in meinem Buch «Saharaoui» nachlesen imfall), also Arschkarte. Adama scheint sich um die Sonne und ihre Ekliptik nicht zu kümmern. Elektronische Orientierungshilfen braucht er auch nicht. Auch ohne Wegweiser oder gar so etwas kopmfortables wie eine Strasse treffen wir eine halbe Stunde später in Ouadane ein. Mitten im Zentrum des Dörfchens. Ein Navi hätte uns nicht besser führen können. Ein Phänomen, dieser Adama, spricht kein Wort die ganze Zeit und findet jedes Ziel ohne irgendeine Hilfe.

Später am Nachmittag, mit Schatten, aber gleich verloren:

l’œil de l'Afrique - Deserts eye

Das Auge der Wüste

Das Auge der Wüste sieht nichts – Astronauten sehen es aus dem Weltall – Wir sehen nur Hügelketten und Salz – Es ist heiss im Auge

GUELB ER RICHAT. Der Berg von Richat hat einige Namen: «deserts eye» wird er genannt von englichsprechenden Mauretaniern, «l’œil de l’Afrique» von den französischsprechenden, von der «Struktur von er Richat» sprechen die Wissenschaftler. Ich würde es am ehesten auch als Auge bezeichnen, denn, aus dem Weltall besehen, sieht es tatsächlich so aus. Nur, aus dem All sehen die meisten von uns nicht, man muss analoge oder digitale Landkarten zur Hand nehmen, um die bemerkenswerte Struktur von er Richat zu erkennen. Oder man fährt hin, schaut sich dieses Auge von Nahem an – und sieht  dennoch nichts. Man fährt durch zwei Ringhügel, dann geht es mit dem Auto nicht mehr weiter, weil einfach zuviel Gestein herumliegt, und man sieht statt eines Auges einfach nur den nächsten Ring der Struktur. Das Auge Afrikas ist, von Nahem besehen, völlig unspektakulär. Es sieht nichts und man sieht es nicht.

l’œil de l'Afrique - Deserts eye

Das Auge der Wüste sieht nichts und wir sehen das Auge nicht

45 Kilometer Durchmesser hat der Guelb er Richat und die höchsten Hügel der Ringe sind gerade mal 25 Meter hoch. Irgendwie habe ich mir das eindrücklicher vorgstellt. Und ziemlich heiss ist es hier auch. Mir fahren Szenen aus SF-Filmen durch den Kopf, Mad Max undso oder Star Trek. In dem da vor mir könnte auch eine ziemliche Bombe, vielleicht Wasserstoff, explodiert sein, hätte einen Kessel ins Gelände gesprengt. Oder ein Meteorit ist hier eingeschlagen irgendwann vor 1 Mio Jahren. Aber da sind sich die Wissenschaftler immer noch nicht einig. Keiner kann beweisen, wie oder warum diese Struktur entstanden ist. Ein Meteoritengeschwader seis gewesen (es gibt noch vier weitere, kleinere Strukturen in Mauretanien), sagen die einen, ein erloschener Vulkan seis, sagen die anderen. Das Auge der Wüste ist für mich ganz einfach eine gotteverlassene Gegend, in der überhaupt gar nichts mehr wächst und kein Mensch etwas verloren hat. Grenzwertig menschenunfreundlich, heiss, trocken. Und trotzdem latschen hier zwei Dromedare herum und schlecken den Boden – Salz!

Ouadane Atar

OUADANE

Datteln und Dörfer zeigen – Warum eine 1000 Jahre alte Stadt zerfällt – die UNESCO hält dagegen und die Bevölkerung verdient mit – Von Hosenknöpfen im Sandkasten

Skelett Wüste MauretanienOUADANE. Man muss sich Mauretanien wie ein Sandkasten vorstellen, in dem jemand ein paar Hosenknöpfe verloren hat. 1 Mio Quadratkilometer – 25x die Schweiz – und dabei gibt es fast nur Sand. Ein paar Felsen noch, keine Berge, wie wir sie kennen, keine Flüsse oder Seen, wie wir sie kennen. 4.3 Mio Einwohnende, d.h. dreieinhalb Einwohnende pro Quadratkilometer. Gut eine Mio wohnen in der Hauptstadt Nouakchott (der grösste Hosenknopf). Das heisst wiederum, die anderen 3 Millionen muss man in der Wüste suchen. Auch dort rotten sie sich in Dörfern und Kleinstädten zusammen, selbst die Nomaden sind nie alleine, sondern in Familienverbänden unterwegs. Das heisst, unter dem Strich, man kann durch die mauretanische Wüste fahren (mit einem Geländefahrzeug) und einen ganzen Tag lang keinem Menschen begegnen. Oder man könnte zu Fuss gehen und eine ganze Woche lang keinem Menschen begegnen. Man könnte in der mauretanischen Wüste (Sahara) verdorren und kein Mensch würde es jemals merken. Es bräuchte einen Gentest, um das übriggebliebene Gerippe von dem eines verreckten Esels zu unterscheiden.

Für die Nomaden Mauretaniens ist das Alltag. Wenn sie niemandem begegnen wollen, begegnen sie auch niemandem. Wenn sie Kontakt suchen zu anderen Nomadenclans, dann finden sie den auch. Ohne Handy und GPS. Etwa die Hälfte der Bevölkerung des Landes lebt nomadisch oder halbnomadisch. Ihr Interesse gilt den Tieren, der Zucht von Dromedaren und Ziegen sowie Eseln als Lasttiere. Mit ihren Tieren und ihrem Sack und Pack und Kind und Kegel ziehen sie dorthin wo es Futter hat. Ja, auch in der Wüste gibt es noch Futter, es gibt immer wieder auch mal Wasser, unterirdisches meist, in Brunnen kann man es sozusagen «ernten». Und weil ein paar Meter unter dem Sand (manchmal sind es auch nur ein paar Zentimeter) eben dieses Wasser ist, gibt es auch Pflanzen, die ihre Wurzeln so weit in die Tiefe schlagen und somit überleben können. Wo etwas mehr Wasser ist, bildeten sich seit Jahrtausenden schon Oasen. In den Oasen kamen dann die Leute zusammen, manche bauten ein kleines Dorf, andere zogen weiter. Die Dörfer wurden zu kleinen Städten, in denen Routen von Handelskarawanen zusammeliefen oder sich kreuzten. Es wurde Handel betrieben, unter den Nomaden, unter Nomaden und Städtern von der Atlantikküste oder, im 19. und 20. Jahrhundert, mit Kolonialisten. Wichtigstes Handelsgut war Salz, davon gibt es in der Wüste zuhauf, dann Fleisch (Kamele, Ziegen) und Gold.

Städte dieser Art (eigentlich sind es Dörfer) überlebten Jahrhunderte – und es gibt sie heute noch. Doch die Bedeutung hat geändert. Niemand kauft mehr Kamelfleisch oder Salz. Handelskarawanen gibt es nicht mehr (es sei denn für Touristen), das erledigen heute Pick-Ups oder Flugzeuge. Die Städte in der Wüste entvölkerten sich und der Sand überdeckte die Überreste. Die Häuser zerfielen und kurz bevor gar nichts mehr zu sehen war, kam die UNESCO und stellte sie unter Schutz. Da gruben Experten und Einheimische mit dem Geld der UNESCO die Ruinen wieder aus und erhalten sie für die Nachwelt. Das muss man sich dann vorstellen wie die Ruine Ramsenburg: Ein paar Grundmauern bis zur halben ehemaligen Höhe. Dazwischen führen einheimische Führer fremde Touristen durch die Labyrinthe und schlagen einheimische Frauen ihre Souvenirläden auf.

Ouadane ist so eine Kleinstadt. Der Ort wurde 1147 auf einem Felsen neben einer Oase gegründet. Bis zu seiner vollen Blüte lebten hier 1’000 Menschen. Doch die Beuteung als Handelsplatz schwand im 18. Jahrhundert, Ouadane entvölkerte sich und noch dazu frassen Thermiten das Holz der Hausdächer. Heute gibt es neben den geschützten Ruinen ein neues Dorf mit irgendwo 4’000 Einwohnenden. Sie leben vorwiegend vom Tourismus und dem Dattelhandel aus den Palmerien der Oase. Tasächlich gibt es in Mauretanien einen Tourismus, er steckt in den Kinderschuhen, doch die wenigen Tausend Touris – die meisten aus Frankreich – bringen schon mal etwas Geld ins Land. Und sie haben Geld, denn es sind nicht die Art der Pauschaltouristen, die glauben, mit einem im voraus einbezahlten Betrag sind dann alle Kosten des Urlaubs gedeckt. Es sind Individualtouristen, wissbegierig, interessiert, meistens einigermassen geländegängig, spendierfreudig. Sie bringen auch die Unsitte des Trinkgeldes ins Land. Etwas war der Mauretanier bis jetzt noch gar nicht kennt (die Mauretanierin hat in Mauretanien nicht allzu viel zu sagen).

Ouadane Atar

Die Oase Ouadane, im Vordergrund die zerfallende alte Stadt Ouadane

Monolith Ben Amera & Aisha

Ben Amera und Aisha

Durch die Wüste wo keine Strassen mehr sind – Ben Amera und die schönste Seite von Aisha – Die Gendamerie wird aus der Siesta geholt – Und in Choum gibts keine Glacé

CHOUM. Es ist manchmal gut, man weiss nicht alles. Und manchmal ist es sogar sehr gut, wenn man gar nichts weiss (frei nach der Prelude aus «Mediterranea» (verlag grippedbäg 2014)). Wüsste man stets, was auf einem zukommt, man hätte Angst davor und würde es ablehnen oder leiden. Würde ich wissen, dass wir die nächsten realen fünf Stunden durch die Wüste schaukeln, ich nähme es hin und würde die Schönheit des Weges trotzdem geniessen. Ich weiss es aber nicht und geneisse darum trotzdem jeden jeden Schaukler. Eher weniger geniessen tut es meine Reisebegleiterin Verena. Sie kotzt fünf Stunden lang (für sie wahrscheinlich gefühlte zehn Stunden). Mir altem Seefahrer aber macht das Schaukeln durch die Dünen nichts aus. Ich geniesse es, meistens. Zudem habe ich in die beiden A’s im Wagen (Adama und Achmad) tiefstes Vertrauen, dass wir dort hinkommen, wo wir wollen. Uns bleibt ja auch nichts anderes übrig. Ich habe gerade mal eine geringfügige Ahnung, wo ich bin, zumal in Mauretanien, und wir fahren nach Osten, dorthin wo noch mehr Sahara ist. Nur noch Sahara. Nur noch das sandige Nichts im gelbgrauen Nirgendwo.

Links von unserem Weg, was heisst Weg, einen solchen gibt es nicht, man muss das im übertragenen (philosophischen) Sinne verstehen (der Weg ist das Ziel), also links von uns nehme ich stets das Bahntrasse des train minéralier wahr. Dahinter ist die Grenze zur Westsahara, die nicht mehr markiert ist wie noch gestern. Geflissentlich sollten wir also besser nicht die Geleise überqueren, denn dann hat es in der Wüste nicht mehr nur Sand, sondern auch TNT. Und doch, beim nächsten Dorf mitten im Sand überquert Adama mit dem Pick Up die Schienen. Er muss rüber, denn auf der anderen Seite ist ein Gendamerieposten. Es ist der dritte auf unserem Weg und auch hier spielt sich die gleiche Szene wie schon vorher ab. Der diensthabende Soldat wird durch uns aus seiner Siesta geweckt (die wohl täglich 24 Stunden dauert) und schaut ziemlich schräg drein ob uns hellhäutiger Touristen. Achmad wechselt ein paar für uns unverständliche Worte mit ihm und Adama gibt ihm die Kopien unserer Reisepässe (Idoumou hat in Nouadibou vorsorglich ein Dutzend Kopien machen lassen). Der Soldat (oder Polizist, was auch immer) schreibt Tag und Uhrzeit drauf (sofern er grad einen Kugelschreiber bei sich hat, ansonsten schenke ich ihm einen) und das Dokument wandert in irgendeine Schublade und wird wohl nie mehr hervorgenommen.

Monolith Ben Amera & Aisha

Achmad: «Die schönste Seite von Aisha!»

Dann wagt sich unser Fahrer doch tatsächlich weiter nördlich der Bahnlinie in das Territorium hinein. Der Grund liegt vor uns: Ben Amera und seine Frau Aisha. Die beiden Felsblöcke sind die grössten eines guten Dutzends Monolithen hier in der Gegend. Ihre Namen erhielten sie von den hiesigen Einwohnenden.  Ben Amera ist der zweitgrösste auf der Erde, darauf sind sie stolz. Doch was es mit ihm und seiner etwas kleineren Aisha zu tun, hat, wissen unsere zwei Führer nicht. Da muss man das Internet bemühen – doch ein solches gibt es hier nicht. Sowenig wie ein Mobilfunknetz oder Strom. Oder Wasser. Wir sind nur voll am Arsch, pardon, in der Wüste. Als wir uns um die Mittagszeit gerade unseren Lunch gönnen (und Verena sich dir Resten ihres Mageninhalts aus ebendiesem kotzt), donnert der «desert train» vorbei. Zweieinhalb Kilometer rollender Stahl. Die Wüste (und wir) erstarren schier vor Ehrfurcht dieses staubaufwirbelnden Anblicks. Wir verharren einige Minuten vor dem eisernen Ungetüm, winken den Lokführern zu und fahren dann weiter. Zwei Stunden später machen wir in Choum eine kurze Pause. Der Zug, bzw. das Trassee dreht hier nach Norden. Wir nach Süden. Und es hat hier auch wieder eine Strasse, sogar eine asphaltierte. Nur Glacé haben die Läden hier keine. Dafür Melonensaft im Tatrakarton. Isch au fein. Noch eine Stunde bis Atar, dann auftanken und zwei Stunden Kiespiste bis Chinguetti. Dann zelten und Znacht. Und die Wüste hat uns wieder.Train Mineralier Mauretanie

Mauritania Desert Train

Riding the desert train

Desert Camp bei Kilometer 222 – Wechsel vom Zug aufs Pick-up – Fünf Stunden sitzen auf der Kühlbox macht auch nicht geschmeidiger – Nie wissen wo man eigentlich ist

AGUEIJIT. Bei Kilometer 222 hält unser Zug zum zweiten Mal. Endstation für uns, wir müssen raus aus dem Führerstand. Der Zug wird hier über Nacht stehen bleiben, wir auch. Doch wir übernachten nicht im Zug oder im Hotel (welches Hotel?), sondern im Zelt und mitten in der Wüste. Während es schon längst Nacht geworden ist (In Mauretanien ist es um dies Jahreszeit wegen der Zeitverschiebung und weil keine Sommerzeit um 20h15 dunkel) bereitet uns Achmad den Znacht zu. Es gibt im Reis gekochtes Kamel, Wasser und Pulverkaffee (uäähh!), Achmad und Chauffeur Adama haben den Zug mit dem Pick-Up die ganze Zeit bgeleitet bzw. sind vorausgefahren, ohne dass wir sie sahen. Der Toyota hat die 222 Kilometer seit Naouadhibou nur während der ersten 80 Kilometer auf einer Strasse hinter sich gebracht, dann war nichts mehr, keine Strasse, auch keine Piste, nur Wüste, öde, flache, meist graue Wüste. Dass es von nun an fast die ganzen vier noch folgenden Tage so sein wird, wissen wir noch nicht.

Mauritania Desert Train

Öde Wüste auf weiten Strecken, die befestigte und verminte Grenze zur Westsahara als ständige Begleiterin während der Fahrt und Sand auf der Kameralinse.

Dass der Zug hier hält, wussten wir auch nicht. Dasss er irgendwann halten und uns aussteigen lassen wird, wussten wir schon – nur wann? Die letzten Stunden auf einer Camping-Kühbox (der nicht kühl war und stets unter meinem Gewicht zusammenzubrechen drohte, aber immerhin konnte ich sitzen und nach vorne aus dem Fenster sehen, was der viert Mann im Führerstand (seine Rolle konnte ich nicht abschliessend klären, ich nenne ihn den Handlanger)) waren nicht sehr bequem. Wo wir uns befanden, war uns auch völlig unbekannt, dazu konnten der Zugführer und der Funker (plus der Mechaniker und eben der Handlanger) uns nichts sagen. Kein Ort – keine Ortsangaben. Kein Internet – kein maps. Keine Strasse – keine Strassenkarte. Nur die Kilometertäfelchen neben den Geleisen. Einmal hat der Zug angehalten, in Bou Lanuar, da wo die Strasse von Nouadhibou nach Nouakschott nach Süden dreht. Warum der Zug angehalten hat, wissen wir nicht. Es gab keine Kreuzung, nichts wurde zu- oder abgeladen. Ein paar Mitfahrwillige standen am Bahnhof, doch wir hatten keinen Platz mehr. Der Chefmechaniker machte eine Kontrollrunde um die Lok und die ersten Wagen, nach zehn Minuten fuhr der Zug weiter.

Irgendwann geht die Sonne unter. Der Funker macht sein Gebt in der Führerkabine. Nach ihm auch der Handlanger. Alle anderen beten nicht. Dann leitet der Lokführer ein Bremsmanöver ein, was beim Gewicht von etlichen Wassertankwagen und Baugeräten sowie neuen Schienen auf rund einem Dutzend Güterwagen zwei Minuten dauert, bis der Zug steht. Agueijit. Ein Kaff in der totalen Wüste. Ein paar armselige Häuschen, ein Gendamerieposten und die verminte Grenze zur Westsahara in Greifweite. Und eben der Bahnhof. Eine Kreuzungsstelle mit sogar einem dritten Gleis. Bei Sonnenaufgang morgen um kurz nach sechs Uhr werden sich hier zwei Erzzüge kreuzen während unser Servicezug auf dem dritten Gleis auf die Weiterfahrt wartet. Wir werden ihn ziehen lassen und mit dem Toyota die erste Wüstenetappe nach Chinguetti in Angriff nehmen.

Mauritania Desert Train

Fotografieren lassen will er sich nicht, unser Funker, die kunstvolle Teezeremonie im Lokführerstand darf aber schon aufs Bild.