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Mount Entoto

Der Mount Entoto muss erkämpft werden. 850 Meter Höhendifferenz sind es von Addis bis zum Gipfel. Mit dem Landcruiser natürlich kein Problem. Mühsamer ist der Aufstieg für die Esel und ihre Begleiter#innen, die im Wald auf dem Berg Brennholz zusammenklauen, also -suchen. Irgendwann wird es hier keinen Wald mehr geben, wenn die Plünderei weitergeht. Offensichtlich gibt es hier keine Förster, offensichtlich gehört der Wald niemandem, offensichtlich wird in der Stadt am Fuss des Berges immer noch mit Holz nicht geheizt, aber gekocht (siehe auch «Coffee Ceremony») .

Der Mount Entoto (Amha: እንጦጦ) ist auch ein historischer, religöser und wissenschaftlicher Hot Spot. Auf dem fast höchsten Punkt auf seiner Südflanke steht die «Entoto Maryam Church», die wie jede Kirche in Äthiopien achteckig und leider heute gerade geschlossen ist. Etwas abgesetzt von der Church steht das ehemalige Ferienhäuschen Menelik II, Kaiser von Äthiopien von 1889 bis 1913. Die «Palace of Menelik II» genannte Gebäudegruppe wurde nach Meneliks Tod zum Alterswohnsitz seiner Frau. Heute ist es ein Museum, allerdings gibt es nicht allzuviel zu sehen, was auf die früheren Bewohner hinweist. Aber es wird ein Eintritt verlangt und ein (ev. freiwilliger) Torwächter schaut zum Rechten (und hält auch schon artig die Rechte hin wenn man geht).

Menelik II war der zweitletzte Kaiser von Äthiopien. Seine Frau Taytu Betul gilt als Gründerin der Stadt Addis Abeba im Jahr 1886. Später erhob der Kaiser Addis zur Hauptstadt Äthiopiens. Auf dem Mount Entoto liessen die beiden die Entoto Maryam Church bauen und unweit davon ihr Maiensäss. Von hier hatten die beiden einen prächtigen Blick auf die Stadt, den sie sich verbauten, indem sie in der ganzen Umgebung aus Australien importierte Eukalyptusbäume pflanzen liessen. Exakt der Baum, der vor dem «Palast» steht, wird heute immer noch als der allererste Eukalyptisbaum Afrikas betrachtet. 130 Jahre alt soll er sein.  Mittlerweile haben sich die Bäume derart vermehrt, dass sie den ganzen Berg mit einem Wald bedecken. Unterdessen wurde eine Stiftung gegründet, die den ganzen Berg in ein Naturreservat umwandeln will. Dann wärs dann vorbei mit Holz sammeln für den Kaffee.

Im Jahr 2015 baute die «Ethiopian Space Science Society» ein Observatorium mit zwei 1-Meter-Teleskopen auf dem Mount Entoto.

merkato

Ketema Market

Jede Stadt hat ihren Markt. Auch Addis Abeba. Der grösste der Stadt ist der arabische Markt im Stadtteil Ketema. Sein Name hat sich gehalten, obwohl hier längst nicht mehr die arabischen Händler ihr Waren anbieten. Gehalten hat sich, vorab bei den ausländischen Reise- und Tourveranstaltern, auch sein zweiter Name «Merkato». Das hat mit den italienischen Besatzern zu tun.

Italien hat es nie fertig gebracht, Äthiopien als Kolonie vollständig zu vereinnahmen. 1936 bis 1941 schafften es die Faschisten unter Mossulini dennoch, Abessinien, welches nur ein Teil Ätiopiens ist, zu besetzen/annektieren und es als «Kolonie» zu deklarieren (zusammen mit ihrer Kolonie Eritrea/Somaliland). Die in dieser Zeit ins Land gekommenen italienischen Händler installierten für ihr Klientel einen neuen Markt, ebendiesen Merkato, im gleichen Quartier. Der arabische Markt wurde zurück-, aber nicht verdrängt.

Heute ist der grösste Markt der Stadt weder ein speziell arabischer noch ein italienischer, sondern ein Markt, wie er in jeder afrikanischen Stadt vorkommt. Manche sagen, es sei der grösste von Afrika, was wohl damit zu tun hat, dass man nicht weiss, wo er anfängt und wo er aufhört. Der arabische Markt Addis Abebas ist im Grunde kein Markt, sondern ein Einkaufsviertel. Er ist auch ein riesiges Brockenhaus, eine Recyclingstation, ein Second-Hand-Center und ein Bau- und/oder Schwarzmarkt.

Man bekommt hier fast alles, wenn man nur lange genug sucht, allerdings gibt es auf die Produkte nicht unbedingt eine Garantie und man sollte auch nicht fragen, woher die Produkte, vor allem die, auf denen bekannte Labels stehen, stammen. Das Angebot auf diesem Markt beweist, dass sich aus allem noch irgendwas rausschlagen lässt, und sei es ein Stück Blech oder ein gebrauchter Kanister. Das Suchen nach einem bestimmten Gegenstand wird einem übrigens dadurch erleichtert, dass die Produkte in «Produktequartieren» angeboten werden.merkato

Wenn man also einen Kanister braucht, fragt man am Eingang nach Kanistern. Irgendwer wird sich finden, der es weiss und einem erklärt: «Du gehst hinunter bis zu den Kabeln, dann rechts bis zum Reis, geradeaus bis zu den Plastikkesseln und gegenüber siehst du dann die Kanister.» Ein schlauer Athiopier aber, und das sind die meisten, wird es Dir nicht erklären, sondern dir sagen: «Das ist sehr schwierig, ich führe dich hin!» Das ist recht bequem, ausserdem erklärt dieser selbsternannte Führer dann so einiges zum Markt, er beschafft dir auch Wasser oder Bier, falls du nach einer halben Stunde schier verdurstet. Am Schluss hält er die Hand hin und sagt seinen Preis. Spätestens jetzt bereust du es, dass du den Preis nicht vorher abgemacht hast. Was dir bleibt, ist das Grinsen des schlauen Äthiopiers und eine eindrucksvolle Erfahrung.

Chinas Himmel in Addis

Ihre Hauptstadt nennen die Hauptstädter nur «Addis». Man muss sich das etwa so vorstellen: Eine Stadt mit rund 3.5 Mio Einwohnenden steht auf dem Säntisgipfel. Addis liegt, oder steht auf 2355 Metern über Meer. In etwa da wo am Säntis die berühme «Stütze 2» steht. Unter den dreieinhalb Millionen Einwohner*innen sind auch ein paar zigtausend Chinesen. Sie bauen Wolkenkratzer wie diesen (siehe Bild) und noch ein paar andere mehr, die Eisenbahn nach Djibouti, die Hoch-Trambahn und noch das eine und andere Projekt mehr.

Chinesen sind auf den Strassen keine zu sehen. Sie arbeiten oder sind zuhause. Zuhause sind sie in Barackenanlagen ohen soziale Kontakte nach aussen. Nicht das sie eingesperrt wären, sie suchen nur einfach den Kontakt zu den Einheimischen nicht. Die chinesischen Bauarbeiter können kein Englisch und Amharisch, die Amts- und meistgesprochene Sprache, erst recht nicht. Die Äthiopier*innen können nicht Chinesisch und Englisch sprechen auch nicht viele.

Äthiopien ist mit bisher 14,3 Mia US$ der zweitgrösste Empfänger chinesischer Kredite in Afrika. Ja die Seidenstrasse, die «Belt-and-Road-Initiative» ist auch in Äthiopien angekommen. China leiht aber nicht nur Geld, sondern baut auch gleich selber (womit es nicht mal Geld, bzw Devisen in die Hände nehmen muss). Bis die Einheimischen die neuen Projekte selber betreiben können, steht China mit Personal zur Seite. Hinter fast jedem Mitarbeitenden der «Ethiopia-Djibouti-Railway» steht ein*e Chines*in. Auch nach 18 Monaten nach der Inbetriebnahme.

Ausserdem kennt China, bzw. die chinesischen Arbeiter*innen, keine hindernden Arbeitsgesetze. Es wird Tag und Nacht geschuftet mit unglaublich viel Personal. Da steht keine*r rum und raucht eine Zigarette. Oder genehmigt sich ein Dosenbier. Nach der Arbeit gibts kein Halligalli in den Bars und Spelunken von Downtown Addis.

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scyscraper addis abeba

Neue Latsch’n, Bart weg

Man muss ja auch mal für sich schauen. Habe mir neue Latschen gekauft und bin sofort ziemlich gockelmässig durch den Markt von Bahir Dar zur Seepromenade runtergelatscht. Da fragte mich ein junger Mann, wie ich zu so kräftigen Waden komme. Er sei Fussballer und trainiere wie ein Verrückter, aber er kriege einfach keine richtig dicken Waden hin. «Are you doing sports, biking or hill climbing?» Der scherzt wohl, dachte ich – ich und Sport? «Thats nature», sage ich, «you have it or you do’nt have it!» «Ok, have a nice day!» sagte er und grinste.

Koa Hiatamadl mog i net
Hot koane dick’n Wadln net
I mog a Madl aus da Stadt
Wos dicke Wadln hat

(Hubert von Goisern)

Schuhe grippedbag

Und dann habe ich mich noch rasieren lassen. Morgen gehts zurück nach Europa, da muss man, also ich, schliesslich gut aussehen!

Am Tanasee

Der Tanasee (amharisch «t’ana häyq») gilt allgemein als Quelle des Blauen Nils. Er liegt im Hochland von Abessinien (Region Amhara) auf 1768 m.ü.M. Damit ist er der höchstgelegene See Afrikas und ausserdem der grösste See Äthiopiens. Seit 2015 ist er das Naturreservat «Lake Tana Biosphere Reserve» und gilt als geschützt.

Das mit dem Nil als Quelle ist nicht ganz richtig. Der längste Zufluss des Lake Tana ist der Gilgel Abay (Kleiner Nil), nun meinen die Einen, der Kleine Nil ist auch der Blaue Nil und somit ist die Quelle des Blauen Nils gleichbedeutend wie die Quelle des Gilgel Abay. Andere beharren darauf, dass der Tanasee die Quelle des Blauen Nil ist und der Kleine Nil nur ein Zufluss unter anderen des Sees.

Der Kleine Nil also fliesst durch den Tanasee und wird zum Blauen Nil, der wiederum fliesst mit einen zünftigen Drall im Gegenuhrzeigersinn um den Berg «Choqa», 4157 Meter hoch, macht eine Drehung um 270 Grad und strebt dann westwärts in Richtung Sudan. Kurz vor der Grenze wird der Blaue Nil seit einem Jahr gestaut. Dort entsteht in einer unbewohnten Bergregion der «Grand-Ethiopian-Renaissance-Dam» («Große Talsperre der äthiopischen Wiedergeburt»). Dieses hydroelektrische Kraftwerk ist, oder wird, das grösste Kraftwerk auf dem afrikanischen Kontinent.

Das Renaissance-Kraftwerk wird im Endausbau (vorgesehene vollständige Inbetriebnahme ist 2022) 6’000 MW elektrische Leistung abgeben können – fünf Mal die Leistung des Kernkraftwerks Leibstadt/CH. Noch ist die Staumauer im Bau. Bereits hat die Füllung des neuen, 74 Mia Qubikmeter grossen Stausees begonnen. Und bereits hat diese Füllung, bzw. die Stauung des Blauen Nils zu scharfen Kontroversen mit dem Sudan und Ägypten geführt. Die beiden Staaten, deren Landwirtschaft und Gesellschaft praktisch nur vom Wasser des Nils lebt, befürchten dir grosse Dürre. Drei Jahre würde die Füllung des neuen Stausees dauern, wenn der Blaue Nil komplett gestaut würde (womit auch kein Strom produziert würde). Nun verhandeln die drei Staaten über die Mindestwassermenge, die Äthiopien während der Füllzeit durchlassen muss.

Tis Issat

Tis Isat (Tissisat)

Vor einer Generation war Tis Isat (auch Tissisat) ein verschlafenes, verlorenes, vergessenes Dorf im Nirgendwo im Norden Äthiopiens. Vor einer Generation gab es noch keinen nennenswerten Tourismus ausserhalb der Hauptstadt und der Hotspots im Nordosten (Vulkane, in die Felsen gehauene Kirchen usw.). Von Interesse war im Norden allenfalls der Lake Tana. Lange galt der Tanasaee als Quelle des Blauen Nils, heute weiss man es besser, der Nil fliesst nur durch den See hindurch. Später wurde man auf die Wasserfälle des Blauen Nils bei Tis Isat aufmerksam. Damit begann das Disaster.

Heute sind der Lake Tana und die Tis-Isat-Fälle ein Abhak-Punkt bei ausländischen Touristen. See und Fälle liegen nahe beieinander und sind mit einem Tagesauflug von der Hauptstadt über den Flughafen von Bahir Dar erreichbar. Tour Operators warten am Flughafen auf die Touristen und fahren sie an die Wasserfälle und zum See. Dann gibts einen Bootsausflug, Zmittag, Coffee Ceremony. Kurzer Augenschein in die Gassen der Stadt, aber nur vom Bus aus, sicher nicht durch die Gassen schlendern – dreckig! Und man könnte ja überfallen werden. Natürlich macht so eine geführte Tour mit zwei Dutzend Deutschen oder Franzosen keinen Spass. Für die Einheimischen schon gar nicht.

Die Strasse von Bahir Dar zu den Wasserfällen ist etwa 30 km lang, voller Schlaglöcher und nicht asphaltiert. Sie führt durch zwei Dörfer und ist eigentlich genau zu diesem Zweck gebaut worden: Um den Menschen in den Dörfern eine gewisse minimale Infrastruktur zu bieten. Auf der Strasse gehen die Kinder zu Schule, die Frauen zu den Märkten, treiben die Bauern ihr Vieh auf die Weiden und zurück, bringen ihr Heu und die Ernten ein. Die Strasse ist auch Dorf-, Spiel- und Marktplatz, motorisierten Verkehr gibt es sozusagen keinen. Tönt nach idyllischem Dorfleben. Ist es aber nicht.

Tis IssatAb 8 Uhr am Morgen geht es los: Busse, kleine, grosse, Geländewagen (auch unser Fahrzeug gehört dazu) zwängen sich durch die Dörfer. Staub wird aufgewirbelt, Kühe werden auseinandergetrieben, Eselkarren müssen ausweichen, Kinder müssen flüchten. Die Strasse ist eine Sackgasse. Was durchfährt, muss auch wieder zurück. Eine andere Möglichkeit für die Touristen, hierher zu kommen, gibt es nicht. Den ganzen Tag geht das so, das ganze Jahr, und – es nimmt zu. Die Nilwasserfälle sind ein Hotspot, werden massiv auch im Ausland promotet, ungeachtet der Bedürfnisse der Menschen, die hier leben und derentwegen man die Strasse gebaut hat.

Die Fälle des Blauen Nils

Wahrscheinlich habe ich grad den falschen Zeitpunkt erwischt, um mir die Wasserfälle am oberen Blauen Nil anzusehen. Das was hier bitzli mickrig aussieht, sind die zweitgrößten Wasserfälle von Afrika (nach den Victoria Falls des Sambesi). Nicht mit der Höhe oder Breite, sondern mit der Menge Wasser, die hier runterfällt wenn es mal tüchtig regnet. Das Bild, dass sich dem Betrachter dann zeigt, muss grandios sein. Ebendieses Bild hat den Fällen und dem Dorf unweit davon ihren Namen gegeben: Tis Issat – «Rauchendes Wasser».

Über die Tis Issat-Fälle stürzt sich der junge Blaue Nil über eine 42 Meter hohe Geländestufe im Norden Äthiopiens, unweit des Lake Tana. Dabe wird dem Nil, der bei den Einheimischen Abay (auch Abbai) genannt wird, seit 2001 einiges Wasser entzogen und durch ein zweistufiges Kraftwerk geleitet. Dieses Wasser sieht man nicht, es erzeugt aber knapp 85 MW Energie (ca. doppelt so viel wie das Rhein-Kraftwerk bei Eglisau/CH).

Etwa 1 km flussabwärts steht die älteste Steinbrücke Äthiopiens aus dem Jahr 1626. Sie überquert den in einer tiefen Felsspalte verlaufenden Abay. Bei Regen steigt der Blaue Nil rund zehn Meter bis knapp unter ihre Bögen – die Brücke hat es aber bis heute überlebt. Um den herrlichen Panaoramablick auf die Wasserfälle zu bekommen, muss man zu Fuss über die Brücke und dann etwa 10 Minuten nach Westen gehen. Nach Osten führt ein Pfad zu einem eineinhalb Stunden entfernten Kloster.

Dort lebt ein Mönch, den zu besuchen für viele Menschen in der weiteren Umgebung mehr oder weniger Pflicht ist. Der Mönch macht sich dieses Pflichtbewusstsein zunutze, indem er die Menschen beauftragt, mindestens einen Baustein, besser zwei, mitzubringen, und zwar die grossen, rund 10 Kilo schweren. Die Leute sehen das als Opfer, wahrscheinlich auch als Busse für ihre Sünden, als gute Tat und/oder Hilfeleistung/Spende, jedenfalls baut der Mönch mit diesen Steinen an seinem Kloster weiter.

Abessinien

Abessinien war bis zum Staatsstreich 1974 der am längsten existierende Staat Afrikas, noch länger als das alte Ägypten. Mit der Gründung um 980 v. Chr. wurde Abessinien fast 3000 Jahre alt. Es war auch der einzige afrikanische Staat, der von Europa nicht kolonialisiert wurde, auch nicht von Italien. Die an Abessinien interessierten Italiener wurde 1896 in der Schlacht von Adua vernichtend geschlagen, worauf Italien auf die Kolonisierung verzichtete.

Die äthiopischen/abessinischen Kaiser hiessen Negus Negest, König der Könige, und waren Angehörige der Zagwe-Dynastie und der Salomonischen Dynastie. Der erste dieser Kaiser war Menelik I., der letzte Hiess Haile Selassie. Äthiopien wurde von Italien im zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg 1936 bis 1941 besetzt. 1974 wurde Selassie gestürzt und die Monarchie abgeschafft. An deren Platz trat eine sozialistische Militärdikatur, der sog. «Derg», der sogleich einen lange andauernden Bürgerkrieg mit der Provinz Eritrea provozierte. Ab 1987 wurde Äthiopien eine Demokratie. 1993 wurde Eritrea endgültig abgespaltet und unabhängig (und zur Diktatur). Äthiopiens Demokratie entwickelte sich weiter und 2019 erhielt der seit 2018 waltende Ministerpräsident Abiy Ahmed aufgrund seiner Aussöhnungspolitik mit Eritrea den Friedensnobelpreis.

Tik Bete Giyorgis Kiristyan

Wir sind nun im Bundesstaat Amhara. Beim Ort mit diesem Namen trennen sich zwei Strassen. Beide führen nach Bahar Dir, die Stadt am Lake Tana, unserem Ziel für heute. Links wäre der Weg etwas länger, weiss Fahrer Balai, rechts wären wir etwas schneller da. Er fragt einen Passanten, ob die Strasse rechts durchgängig sei. Der Passant sagt ja, bzw. aus seiner Miene kann ich entnehmen, dass dem so sei. Verstehen tu‘ ich nichts. Balai erklärt mir: «Dies ist Amhara-Land», und sagt dann nur noch: «politics!» Mehr Englisch kann er nicht. Ausserdem, so merke ich beim Nachrecherchieren, ist die Situation in der Gegend hier auch nicht ganz einfach zu erklären.

Wir fahren rechts. Später erleben wir zahlreiche Checkpoints, die aber fast alle von Zivilisten besetzt sind und bei allen kommen wir ohne Probleme durch. An manchen Orten werden Strassenfeste (es ist Sonntag) gefeiert, wobei dann ein Teil der Strasse gesperrt ist und wir uns irgendwie durchmogeln müssen mit dem Toyota. Ich komme nach wie vor nicht draus, was hier abgeht. Gefährlich scheint mir die Lage nicht, obwohl die Amhara-Leute manchmal recht grimmig dreinblicken und mancher Mann einen alten Karabiner bei sich trägt.

Nicht viel klarer wird die Sache auch bei der Nachrecherche nicht. Im Juni habe es In der Regionshauptstadt Bahar Dir einen Putschversuch gegen die Regionalregierung gegeben, lese ich. Dabei sei ein Mitglied der Regierung erschossen worden, gleichzeitig auch der Generalstabschef Äthiopiens, dieser aber in der Hauptstadt Addis (vom eigenen Bodyguard umgelegt!). Im November habe es an zwei Universitäten im Land Zusammenstösse zwischen Studenten der Amhara-Ethnie und der Oromo, die drittstärkste Ethnie, gegeben, dabei seien etliche Studenten getötet worden. Die Gründe für die clashes sind immer noch unklar.

Klar aber ist, dass die Amhara, einst die bestimmende Ethnie in Äthiopien, immer noch ein stolzer Menschenschlag sind, aufrührerisch und etwas überheblich, und vielleicht auch etwas nachtragend, was den Verlust ihrer Führungsposition, die sie einst hatten in Abessinien, betrifft. Die Amhara waren die wichtigste staatstragende Volksgruppe Äthiopiens. Verzwickte Sache also. Ob wir bedroht sind wenn wir die Strasse rechts fahren, weiss ich nicht und will ich auch nicht wissen. In acht Stunden werde ich denken: nichts passiert. Dann, wenn wir nach dem letzten Checkpoint die Stadt Bahar Dir erreicht haben werden, wird Balai wieder mit der rechten Hand fuchteln: «Politics!».

Erst viel später, also heute, finde ich die Warnung der Regierung im Netz:

«Individuals present in Amhara and Oromia regions are advised to monitor the situation, avoid any large gatherings and demonstrations due to the risk of violence, and adhere to all instructions issued by the local authorities or their home government.»

Alles gut gegangen, ich lebe noch. Und die Amhara sind freundliche, liebe Leute, wie ich feststelle.

Überland im abessinischen Hochland

Das abessinische Hochland ist geprägt von weiten Hochebenen, unterbrochen von tiefen Schluchten und einzelnen Bergen mit Gipfeln auf 2500 bis 3500 Meter. Es ist klar, dass wo es raufgeht, auch wieder mal runtergehen muss, und das oft recht steil. Für manchen Lastwagen ist das Gefälle zu viel, oder die Ladung zu schwer oder die Bremsen sind schon vor der Erhebung am Arsch. Im Gefälle oder der Steigung erweist sich dann mancher Motor zu schwach oder Lastwagen schlecht oder überladen.

Pannen und Unfälle trifft man hier alle 50 Kilometer. Bei manchem liegengebliebenen Lastwagen fragt man sich, wie lange er schon hier steht, bzw. liegt. Lastwagen lässt man bei einer Panne erst mal stehen und wartet, bis Hilfe kommt. In der Zwsichenzeit versuchen die Fahrer, die Panne zu beheben, scheitern aber dann meistens an den fehlenden Ersatzteilen. Der ausgebaute Motor oder das Getriebe leigen dann offen auf der Strasse, der Fahrer schläft im Schatten, derweil Diebe die Ladung klauen. Bei manchem Gefährt fragt man sich, wie es überhaupt in diese Lage kam. Das Bild zeigt so ein Beispiel. Warum steht der Lastwagen auf der falschen Strassenseite (in Äthiopien fährt man rechts)? Warum fährt der Fahrer über den unbefestigten Randstreifen, wo doch ein Blinder sieht, dass es dort tiefe Schlaglöcher hat?

Die Strassen an sich sind im Hochland recht gut instand. Sobald die Route über Oromia-Land führt, gibt es keine Schlaglöcher mehr, der Asphalt scheint eben erst aufgetragen worden zu sein. Das ändert krass, wenn man über die Strassen im Umland von Addis Abeba fährt. Dort scheint das Geld für anderes verwendet zu werden.

Auf unserer 500 Kilometer langen Fahrt von Addis nach Bahir Dar haben wir drei schwere Unfalle und acht Pannen angetroffen, bei mindestens einem Unfall hat es Tote gegeben. Das wundert ein wenig, weil richtig schnell fährt hier keiner, mehr als 80 km/h steht selten auf dem Tacho. Es gibt aber viel Verkehr überland und noch viel mehr Fussgänger, Kühe und Ziegen sowie Ochsenkarren. Sie alle benutzen die Strasse weil es keine anderen Wege gibt. Auch in den Dörfern gibt es nur diese eine Strasse, selbst die im vorherigen Post erwähnte Achse Kairo-Kapstadt führt mitten durch die Dörfer im abessinischen Hochland. Da braucht es Nerven wie Stahlseile und eine gewisse innere Ausgeglichenheit. Mein Fahrer Balai hat diese, ich habe sie nicht. Aber ich fahre ja nicht, sondern darf mehr oder weniger entspannt zuschauen.