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Schiffsfriedhof Nouadibou Cap Blanc

Ras Nouadhibou

Warten auf den Zug – Am Cap Blanc rosten die Schiffe still vor sich hin – Einst lief hier die «Méduse» auf einer Sandbank auf – 140 Menschen sind ertrunken

NOUADIBOU. Es war einmal eine Sandbank und ein ziemlich zwielichtiger Kapitän. Beides zusammen führte anfangs des 18 Jahrhunderts im Atlantik vor Mauretanien zu einem spektakulären Schiffsunglück. Man wusste, dass mit der Sandbank im Meer am «Cap Blanc» unweit des heutigen Nouadibou nicht zu spassen war. Man wusste um die Gefahr, weil man die genaue Lage, Ausdehnung und Tiefe der «Arguin-Sandbank» in jenen Jahren, als die Vermessung der französischen und englischen Kolonien in Westafrika noch nicht so weit war, dass man sicher durch die Meere pflügen konnte, noch nicht kannte. Man wusste eigentlich nur, dass man die Örtlichkeit möglichst weiträumig umfahren musste. Einer wollte es nicht wahrhaben, ein Mann namens Hugues Duroy Vicomte de Chaumareys, Franzose, zwielichtig, arrogant, ein Günstling der damals machthabenden Bourbonen in Frankreich. Einer der mal zur See gefahren war, aber schon 25 jahre nicht mehr, und nur Kommandant einer kleinen Flotte französischer Schiffe, die Kolonialisten, deren Familien und zugehörige Fuhrhabe nach Senegal bringen sollte, wurde, weil er eben im richtigen Moment am richtigen Ort war und auserwählt wurde, obwohl er null Ahnung vom Projekt hatte, das er leiten sollte.

Es kam wie es kommen musste und also lief die «Méduse», das Kommandantenschiff des Verbandes, in der Nacht des 2. Juli 1816 auf ebendieser Sandbank auf. Das Schiff war nicht mehr vom Ort wegzubewegen, also gab man es auf, evakuierte 400 Personen auf sechs Beibote und ein aus Holz der Méduse gezimmertes Floss. Rund 200 Personen sollten auf das Floss, nur 147 hatten Platz, es begannen Ausleseprozesse und es gab die ersten Opfer davon, also Zurückbleibende und Tote. Schliesslich ertranken von den 147 deren etliche, und etliche wurde über Bord geworfen und wiederum etliche getötet und verspiesen. Die Besatzungen der Beiboote fanden irgendwie den Weg nach St.Louis im Senegal und überlebten trotz schwierigster Bedingungen. Unter ihnen auch Hugues Duroy Vicomte de Chaumareys, dem später in Paris ein Prozess gemacht wurde, wobei er gerade mal drei Jahre Kerker bekam. Ein Bericht eines überlebenden Passagiers an die Presse löste in der Folge einen Skandal aus in Frankreich. Und einer, Monsieur Théodore Géricault, malte 1819 ein Bild nach den Schilderungen der Überlebenden. Es hängt heute im Pariser Louvre («Le Radeau de la Méduse»)

Heute ist die Sandbank vor dem Cap Blanc vermessen und kein Problem mehr. Die Fischer von Nouadibou und Nouakschott kennen die Stelle – aber trotzdem liegen am Cap Blanc ein gutes Dutzend abgehalfterte Fischtrawler herum. Es sind keine aufgelaufenen Schiffe, sondern einfach nur ausrangierte. Irgendwo müssen sie ja hin, wenn sich schon keiner für das Alteisen interessiert. Da ist vielleicht etwas Ironie dahinter: Mauretanien verfügt über eine ergiebige Erzmine in der Sahara, aus der jeden Tag 3000 Tonnen Eisenerz gefördert werden. Neues Eisen also, wer will da schon mit altem zu tun haben? Der Schiffsfriedhof am Ras Nouadibou ist mittlerweile recht berühmt und zum beliebten Fotosujet geworden. Auch ich war da, gerade eben. Hier das Pic:

Schiffsfriedhof Nouadibou Cap Blanc

Ausgediente Fischtrawler rosten am Cap Blanc vor sich hin

Während ich also auf den Zug in die Wüste warte, mache ich mir ein Bild und das ist draus geworden. Apropos: Das Cap Blanc oder eben Ras Nouadibou ist eine Halbinsel, die zwei Ländern, nämlich Mauretanien und der Westsahara gehört. Die Grenze verläuft längs exakt in Nord-Süd-Richtung. Auf der westsaharischen Seite gibt es ausser Sand und Landminen darin nichts zu sehen (letztere eben nicht zu sehen). Auf der mauretanischen Seite ist die Stadt Nouadibou, der Fischerhafen und der Verladeterminal für die Erzzüge, den «Desert Trains». Und genau einen solchen werde ich heute abend besteigen.

St.Georges Hotel

Kranker Abschied

Das St.Georges Hotel ist ein weiterer Zeuge und ein Mahnmahl gegen die Gentrifizierung des Central District von Beirut – Mein Abschied von der Stadt findet unbemerkt statt – Und mein Kopf ist heiss und voller Eindrücke – Eindrücke an der «Green Line»

BEIRUT. Ein dritte Zeuge, der den Bürgerkrieg im Libanon überlebt hat, ist das Hotel St.Georges unten an der Zaitunay Bay, also am nördlichen Rand des Central District, am östlichen Ende des Mittelmeers. Auch dieses Gebäude hat den Krieg nicht unversehrt überstanden. Im Gegensatz zum Holiday Inn und dem Ei sieht man dem St.Georges seine Wunden nicht an und viel bräuchte es nicht, dass der Bau aus dem Jahr 1920 wieder in seinem alten Glanz erstrahlen könnte. Es in seinem alten Glanz erstrahlen lassen – ein naheliegender Gedanke und wohl auch mit nicht allzu viel Aufwand machbar. Doch so einfach ist das nicht, wie bei seinen «Kollegen» ist auch beim St.Georges ein Streit um das weitere Vorgehen entstanden. Die Solidere, die vom einstigen Premierminister gegründete und mit dem Wiederaufbau des Central District beuaftrage Immobiliengesellschaft, möchte das schöne Haus, in dem einst der Schah von Persien und die Taylor von den USA (nicht gleichzeitig) abgestiegen sind, niederreissen und etwas Neues, Grösseres und Prächtigeres, ja eh Represäntableres hinstellen (siehe auch Masterplan).

St.Georges Hotel

Das St.Georges Hotel am Yachthafen von Beirut ist zum Streitobjekt geworden

Doch die Besitzer, der Yachtclub Beirut, wollen nicht. BeiruterInnen, die endlich erwacht sind aus ihrer Nachkriegsstarre und sich von der Solidere nicht mehr alles vorsetzen lassen wollen, auch nicht. Und so läuft beim St.Georges Hotel derzeit wie schon seit mehr als 20 Jahren gar nichts. Es dümpelt dahin, derweil das ganze umgebende Quartier bald vollständig gentrifiziert ist. Es zieht, nicht nur weil es still vor sich hin gammelt. sondern weil es krass kontrastiert mit den umgebenden Prachtsbauten (und der millionenteuren Yachten im Hafen), alle Blicke der Passanten auf sich. Auch meinen Blick hat es erhascht, so stark, dass ich das Denkmal (am linken Bildrand) des 2005 ermordeten Ministerpräsidenten Rafik Hariri doch glatt übersehe.

Am nächsten Morgen – ach was schreibe ich: in der nächsten Nacht – verlasse ich diesen armseligen Ort. Um halb Vier Uhr (in Worten: 3.30am) holt mich Taxifahrer Ali vor dem Hotel «Caramel» ab. Ich bin halb tot, habe diese und die letzten drei Nächte miserabel bis gar nicht geschlafen, dabei 5 Liter Schweiss pro Nacht geschwitzt und immer noch einen hot head (heissen Kopf) und ausserdem Schluckweh (rechter Lympfknoten am Hals ist ein Pfirsich). Die Wartezeit vor vier Tagen im unterkühlten Shuttle auf dem Flughafen in Dubai hat seine Wirkung erzielt. Ich bin krank. Dass es Malaria sein könnte, kommt mir erst Tage später zuhause in den Sinn. Da ist es aber keine Malaria mehr sondern eine Bronchitis. Vielleicht sogar eine Lungenentzündung, wer weiss das schon, ich jedenfalls nicht denn zum Dökti gehe ich nicht, ich fresse keine Pillen dafür Honig bis ich kotze und grausliche Tabletten aus der Drogerie, trinke Tee bis keiner mehr da ist und esse nichts mangels Appetit. Letzteres kommt sehr, sehr selten vor, was ein Indiz für eine sehr, sehr schwere Erkrankung ist. Nach zwei Wochen Leiden bin ich 5 Kilo leichter. Etwas Gutes hat so eine Krankheit doch. Schlecht ist, dass ich keinerlei Energie habe, um dies hier niederzuschreiben. Und so schreibe ich dies hier halt erst ein paar Wochen später nieder (genauer: 2 Monate später, bin zwischenzeitlich für 11 Tage nach Malta gereist zwecks Erholung).

Eindrücke an der «Green Line»:

Beirut

Strassensperren im Regierungsviertel, eigentlich unfotografierbar weil verboten

Beirut Green Line

Früher war hier die «green line» – heute wird wie wild gebaut

Beirut Green Line

Besitzerloses Haus an der ehemaligen «green line»

Beirut Green Line

Seit mehr als 20 Jahren unverändert: Besitzerloses Haus in Beirut Downtown

Beirut Green Line

Die Mohammed-al-Amin-Moschee, wurde 10 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs neu gebaut

Beirut Green Line

Vielleicht hilfts: Einen Hennessy schlucken gegen das Schluckweh

Beirut Green Line

Rauchen im Restaurant ist ausdrücklich erlaubt, der Kellner bringt die Shisha

Beirut Green Line

Beirut’s Buchläden – einst und immer noch Fundus wertvoller Schriften

Egg of Beirut

Beirut’s Ei

Ein geköpftes Ei mitten in Beirut bereitet Bauchschmerzen – Es soll weg weil es teuren Baugrund entwertet – Es soll bleiben: Als Erinnerung und Mahnmal gegen die Dubaiisierung – Vorläufig aber gammelt der architektonische Exkurs vor sich hin wie ein faules Ei

BEIRUT. Es sieht aus wie ein Bunker und es würde mich nicht wundern, wenns einer wäre. Nur, der Krieg ist vorbei, niemand braucht mehr einen Bunker (Holz angreifen!), warum steht das zerschossene Betonding denn noch hier? Weil es noch keiner gewagt hat, es niederzureissen. Es ist eine grossartig quere architektonische Idee. Es sieht aus wie ein Stück Seife, oder wie ein geköpftes, liegendes Ei und heisst darum auch so: «The egg».

 Egg of Beirut

Steht völlig quer in der Landschaft – Beirut’s «the egg»

Das Ei ist ein Kino. D.h., es war eines, bis der Bürgerkrieg es zerschoss und folglich unbenutzbar machte. Das Ei, geplant vom Architekten Joseph Philippe Karam (1923-1976), betoniert im Jahr 1966, war Teil des damals geplanten «Beirut City Center», eine Überbauung mit zwei Bürohochhäusern, Shopping Mall im Erdgeschoss und ein Kulturzentrum – das Ei-Kino. Gebaut wurde nur ein Bürohaus und das Ei, dann brach der Bürgerkrieg aus. Das City Center stand auf der «Green Line», der imaginären Grenze zwischen den Kriegsparteien Ost- und Westbeirut. Alles was im Bereich dieser grünen Linie stand, wurde in den 15 Jahren des Bürgerkriegs unter Beschuss genommen. Dementsprechend präsentierten sich die Bauten an dieser Green Line – sie waren alle nicht mehr benutzbar und wurden im Zuge des Wiederaufbauplans für den Central District niedergerissen (siehe auch Post «Beirut Downtown».

The egg aber steht immer noch so da wie am letzten Tag des Kriegs. Niemand wagte bis heute es anzurühren. Erst hielt die Stadtregierung schützend die Hand darüber, und nun, nachdem es die Stadt zum Abschuss freigegeben hat und das Grundstück an einen Investor aus Abu Dhabi verkauft wurde, wehrt sich die Beiruter Avantgarde gegen den Abriss. Architekten streiten sich über den architektonischen Wert des Beton-Ei’s, Einheimische, die den Krieg überlebt haben, möchten es als Erinnerungs-Symbol behalten, der neue Grundbesitzer möchte es natürlich weghaben, weil der baugrund darunter viel zu wertvoll ist. Seit mehreren Jahren wird also heftig darüber diskutiert, was mit dem Ei im Kuckucksnest des Central District (Beirut Downtown) geschehen soll: Stehenlassen wie es ist, sanfte Renovation, Runderneuerung oder Abreissen. Rundherum haben ideenlose Bauherren und Architekten neue Bauten hochgezogen und wo das noch nicht soweit ist, wüten derzeit Planer, Bagger und Banken.

Daselbst wurde auf der Nordseite des Ei’s eine neue Moschee gebaut, Beirut’s heute grösste namens «Mohammed-al-Amin-Moschee». Doch der Rest des Quartiers wird demnächst in Beton, Glas und Stahl erstrahlen. Mit oder ohne Ei. Hoffentlich mit. Als ein Mal gegen die Gentrifizierung. In Beirut auch Dubaiisierung genannt.

Beirut Holiday Inn

Beirut Downtown

Beirut’s Central District ist voller Gegensätze – Nach dem Bürgerkrieg wurde wiederaufgebaut – Oder gentrifiziert, wie mans nimmt – Und das ehemalige «Holiday Inn» ist noch immer nicht renoviert

Beirut Holiday Inn

Nach dem letzten Schuss ist das Hotel Holiday Inn in Beirut immer noch unberührt

Es ist das Erste was ich sehe, als ich am Morgen das Licht der Welt erblicke und zur Zaituna Bay hinunterschlendere: Mitten unter den Edelskysrapern steht ein Hochaus ohne Fenster, dafür mit Einschusslöchern. Rundherum sind alle Häsuser renoviert, ja neu gebaut, glänzen in edlem Glas und weissen Beton. Architektonische Jahrhundertentwürfe. Durch den Bürgerkrieg initiierte Gentrifizierung (*zynisch*). Sie sehen alle teuer aus und sind es wohl auch. Abends sehe ich nur in den wenigsten Fenstern Licht. Hier wohnt niemand, hier hat man Wohnungen, damit man sie hat. Vielleicht um mal ein Wochenend darin zu verbringen. Oder vielleicht auch nur, um zu wissen, dass man ein Wochenende darin verbringen könnte. Vielleicht gibt es aber auch eine ganz einfache Erklärung: Sie sind noch nicht verkauft. Zu teuer, oder es hat zu viele davon, auch möglich, sehr gut möglich sogar, es hat nämlich ziemlich viele dieser Edelhäuser.

Nur eben dieses eine ist nicht edel. Es besteht nur noch aus Rohbau, es fehlen jegliche Inneinrichtungen, jegliches Möbiliar, die Liftschächte sind leer, die Lobby ebenso, noch nicht einmal die Vertäferungen der Wände haben die Diebe drangelassen und auch alle elektrischen Leitungen in den Hohldecken sind weg. Kupfer bringt gute Preise auf dem Markt. Doch jetzt gibt es hier nichts mehr zu holen. Vielmehr aber zu bringen. Die ersten drei, vier Meter der Eingangshalle sind voller Schutt, abeglagert von Leuten, die sich die Kehrichtsackgebühr sparen wollten. Natürlich besteht ein massiver Zaun um das Haus – doch der hat etliche Schlupflöcher.

Das Hotel Holiday Inn wurde 1974 eröffnet und 1975 wegen des aufflammenden Bürgerkriegs im Libanon bereits wieder geschlossen. Exakt durch dieses Quartier – der «Central District» – verlief die Front der Kriegsparteien zwischen Ost- und West-Beirut, «Green Line» genannt. Die Hochhäuser, darunter auch das 26 Stockwerke hohe Holiday Inn wurden bei Kriegsausbruch umgehend von Scharfschützen in Beschlag genommen. Die Schützenstellungen zogen logischerweise den Beschuss der Gegenpartei auf sich. Nicht nur mit scharfen Gewehren, auch mit Granaten und Raketen wurde aufeinander geschossen, aber meistens nur Mauern getroffen. Daher die Einschusslöcher am Gebäude, so gross, dass problemlos ein Erwachsenenkopf durchgehen würde. Fünf Mal hat es im Hotel gebrannt, fünf Mal konnten die Feuer gelöscht werden. Die Bilder des brennenden Hotels gingen um die Welt und das Holiday Inn wurde zum Symbol des Bürgerkriegs.

Nach dem Krieg (ab 1990) wurde der Central District fast komplett neu gebaut. Die Reste der zerbombten und zerschossenen Häuser wurden niedergerissen, die einigermassen intakten Häuser an den Rändern der Grünen Linie renoviert. Nur die Wenigsten, die hier vorher gelebt haben, so sie denn den Krieg überlebten, konnte ihre Wohungen und Häuser behalten. Sie standen der Gentrifizierung im Weg und wurden kurzerhand enteigent. Für ihre Grundstücke erhielten sie Aktien der neuen Immoblienfirma «Solidere» (Société libanaise pour le développement et la reconstruction de Beyrouth), die die Baurechte für den ganzen Central District erhielt. Gründer der Solidere und Besitzer war der amtierende Ministerpräsident des Libanons, Monsieur Rafiq al-Hariri. So ein Zufall.

  Nur das Holiday Inn sah bis heute weder Handwerker noch Abrissbirne. Es gibt mehrere Besitzer(-Gesellschaften) des Hauses, die Verhältnisse sind kompliziert, man ist sich über die Nutzung des Grundstücks/des Gebäudes nicht einig. So steht es also immer noch da wie es vor 28 Jahren von den Scharfschützen verlassen wurde. Nur dass mittlerweile sich die Ratten über alles, was irgendwie wiederverwendbar/verwertbar war, hergemacht haben. Es steht da (siehe Bild) auch als Mahnmal für die Sinnlosigkeit jedes Kriegs. Dumm nur, wenn man sich im Glamourtempel gleich daneben für 2, 3 oder gar 10 Mio $ eine Loft gekauft und nun das Mahnmal grad vor der Aussicht hat.

Downtown Beirut

Beirut

Abschied vom unspektakulären Oman und nächtliche Ankunft in Beirut – Die Nullen auf den Geldscheinen werden mehr und dabei sind die Scheine doch nicht viel mehr wert – Und nachts fahren sie wie die Pickten

BEIRUT. Nicht dass ich es unbedingt hätte sehen wollen, dieses Beirut. Aber es ist auf meiner Liste der mittelfristig zu besuchenden Städte und ausserdem hat es sich grad so ergeben. Muskat – Dubai – Beirut – Istanbul – Zürich, warum sollte ich drüber fliegen über all die schönen Orte mit bestimmt auch schönen Restaurants und Beizen. Also runter in Beirut, lasst mich die Süsse der Levante geniessen.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht noch anfügen, dass ich eben erst drei Tage in Muskat verbracht habe, aber davon überhaupt nichts schreibe. Es hat seinen einfachen Grund: In Muskat, bzw. dem Stück Fels und Sand mit den gefühlt 100’000 mehr oder weniger zufällig am Golf von Oman verstreuten Villen und Palästen ist ganz einfach nichts los. Es liegen keine Geschichten auf der Strasse, wo man nur Autos mit rundum geschlossenen schwarzen Scheiben sieht und deshalb keine Menschen. Ausser die gefühlt Millionen von Männern aus Bangladesh und ein paar Frauen, die die Arbeit machen, derweil die Omanis in weissen Gewändern in Hotellobbies sitzen und sich von ausländischen Geschäftsleuten den Tee bezahlen lassen. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Benz in der Gegend herumfahren (nicht wie die Pickten, das scheint im Oman recht heftig bestraft zu werden). Immerhin aber habe ich in Alt-Muskat (Mutrah) ein schönes Restaurant mit einer phänomenalen Aussicht auf die Corniche und die Yachten des Sultans gefunden und getestet.

Nun aber Beirut. Es ist kurz vor Mitternacht und der ATM (Bancomat) im Flughafen spuckt mir 100’000 Libanesische Pfund in die Hände (ca. 60 CHF). Natürlich kann ich den Taxifahrer damit nicht bezahlen, da er kein Wechselgeld hat. Das ist das Seltsame an den Taxifahrern dieser Welt: Sie haben nie Wechselgeld, obwohl sie den ganzen Tag Geld einnehmen. Dabei kostet mich diese Fahrt hier 30’000 Pfund und ich halte ihm einen 50’000-Schein hin. Der Mann am Hoteldesk gibt mir auf einen 50’000ender einen 20’000ender und zwei 10$-Scheine. Aha. Grosses Rechnen, derweil wartet der Fahrer vor dem Haus, ich rechne und muss feststellen, dass die Rechnung stimmt. 20$ sind 30’000 Pfund oder 20 CHF. So geht das während meines ganzen viertägigen Aufenthalts hier in Beirut: Der amerikansiche Dollar ist Zweitwährung und ich muss rechnen, rechnen, rechnen. Pfund in Dollar und umgekehrt, $ in CHF, CHF in Pfund, Pfund dividiert mit 3 multipliziert mit 2 minus drei Nullen. Dabei muss ich nebst der Rechnerei auch immer im Auge behalten, ob der Preis für etwas nachvollziehbar ist und ich nicht beschissen werde. Davon habe ich nämlich den Eindruck ein paar Tage später, als ich für einen Cappucino (was ich sonst enad nicht trinke, aber ich hatte grad mal Lust) umgerechnet $6.50 bezahle, umgerechnet gute 6 CHF, was natürlich viel zu viel ist, es sei denn man wäre grad in einem Starbucks Café.

Downtown Beirut

Downtown Beirut – nobles Quartier an der Corniche, vorne Flüchtlinge aus Syrien

Das Hotel «Beverly» hat einen recht günstigen Tagespreis und ein miserables WiFi. Vom Mittelmeer, das grad um die Ecke liegt, sehe ich nichts, da die Zimmer exakt auf die andere Seite schauen. Ausserdem führt vor dem Hotel die vermutlich meistbefahrendste Einbahnstrasse von Beirut vorbei. In der Nacht knallen sie hier mit Porsche’s und Ferrari’s vorbei als hätten sie sie geklaut. Ich spüre im Hals etwas Kratziges und meine Stimme ändert die Tonart. Als ich am nächsten Morgen, Montag, aufstehe, spüre ich heftige Schmerzen beim Schlucken. Ich befinde ich mich im Vorstadium einer Grippe, was ich aber in diesem Stadium noch nicht als solches wahrnehme.

Khartoum Map

Khartoum

Nur weg von hier – Doch der Plan sieht noch eine Übernachtung im Hotel Rowinja vor – Sofern ich es denn finden werde – Dann muss mich noch jemand zum Flughafen bringen und ein anderer darf die eine Busse bezahlen

KHARTOUM. Schon beim Umsteigen vom Bus ins Taxi beginnen die Probleme. Sami, mein gutmeindender Freund und Heimatlanderklärer, den ich auf der «Sinai» kennengelernt habe und der von seiner Arbeit in Kairo in seine Heimatstadt Khartoum reist, meint, ich soll hier, am Stadtrand aussteigen und ein Taxi aufhalten: «Es ist hier besser um ins Zentrum zu kommen, der nächste Bushalt ist weit weg von da wo du hinwillst!» Als ob Sami wüsste, wo ich hinwill. Mir kommt dieser Ort an einer Superkreuzung wo gefühlt sich vier Highways verbinden schon weit genug vom Stadtzentrum vor, so dass ich mir nicht recht vorstellen kann, dass der Bus ins Zentrum fährt und erst weit ausserhalb dann endgültig hält.

Nur, ich muss Sami Glauben schenken, denn ich habe nur vage Ahnung, wo ich bin und wo ich hinmuss, und vor allem weiss ich tatsächlich nicht, wo der Bus noch halten wird. Also steige ich aus, schnappe mir einen Minibus und handle mit dem Fahrer einen Fahrpreis aus (was man eigentlich nicht macht bei einem Minibus, sondern man wartet bis der Bus voll ist und zahlt dann einen Bruchteil vom Preis, aber es ist kein Taxi weit und breit zu sehen). Wenig später stellt sich heraus, dass der junge Fahrer nicht weiss, wo mein Hotel «Rowanya» ist. Ich zeige ihm das Ziel auf meinem Handy. Er tut als hätte er verstanden, trotzdem lenkt er den Mini-Daihatsu in Richtung Nordosten, obwohl das Hotel im Süden liegt. Er wird schon wissen was er tut, denke ich, aber an der nächsten Kreuzung tut er so, als wüsste er es nicht.

Nun übernehme ich die Führung und lotse den Jungen durch das Zentrum der Stadt. Der letzte Kilometer scheint einfach: auf der «Africa Street» mitten durchs Zentrum nach Süden dann im richtigen Moment nach links abbiegen. Der Mann verwirft die Hände. Ich bedeute ihm inständigst, ganz links einzuspuren auf der dreispurigen Strasse. Er verwirft die Hände (hier muss ich einfügen, dass der Junge kein Wort Englisch kann und ich keines in Sudanesisch). Da greife ich ihm ins Lenkrad. Das geht natürlich grad gar nicht und der Bursche wird unwirsch. Mittlerweile ist die Kreuzung da und es ist keine, sondern eine Unterführung. Um links abzubiegen, hätten wir längst rechts abbiegen  und dann auf die Überführung fahren müssen. Darum also verwirft der gute Mann neben mir ständig die Hände. Ich huste, grauenhafte Luft hier.

Am nächsten Tag wiederholt sich die Geschichte. Ich schnappe mir ein Rikshaw um zum Flughafen zu gelangen. Dazu muss man wissen, dass der Flughafen von Khartoum mitten in der Stadt liegt. Wenn man die Einfahrt verpasst oder nicht kennt, fährt man mehrere Kilometer um ihn herum. Ich sehe zwar den Flughafen auf meiner Handy-Map, aber nicht, wo die Einfahrt ist. Mein – wiederum junger – Fahrer hat offensichtlich auch keine Ahnung und muss drei Mal nach dem Weg fragen. Dann aber passiert ihm ein Lapsus und er spurt falsch ein. Rüberwechseln geht nicht mehr, weil Betonabschrankungen dazwischen stehen. Der Junge muss also in die Quartiere ausweichen, um irgendwie wieder dorthin zurückzukommen, wo er falsch gefahren ist. Als wir die Strasse, die zum Flughafen führt, wieder erreichen, hält er an und meint zu mir, dass ich das Taxi wechseln soll. Seine Hände zittern. Ich huste.

Ein älterer Rikshawfahrer nimmt mich auf. Aber schon bald stellt er fest, dass er nicht auf die andere Strassenseite wechseln kann, da wiederum Betonklötze das verhindern. Und wieder ist es diese vermaledeite Africa Street. Er fährt 200 Meter in den Gegenverkehr und wechselt dann über drei Fahrspuren hinweg bei einer Lücke zwischen den Klötzen auf die andere Strassenseite. Er grinst und ich halte meinen Daumen hoch. Da ist auch schon die Einfahrt zum Flughafen. Doch ein Pfiff lässt ihn aufschrecken. Einer, dann zwei, 30 Sekunden später umzingeln uns vier Polizisten. Grosse Disskussion. Auf mich schaut keiner, also schnappe ich mein Gepäck, drücke dem Fahrer ein meiner Meinung nach ausreichendes Fahrgeld in die Hand (es wird wahrscheinlich nicht für die Busse reichen) und verdrücke mich. Es sind nur noch 300 Meter bis zum Flughafen. Die Luft wird etwas besser als vorhin auf der sehr stark befahrenen Expressstrasse.

Bloss weg hier. Doch ich muss erst eine gute Stunde warten, bis ich in die Halle kann. Mein Flug könne noch nicht eingecheckt werden, sagt mir der Security-Mann am Eingang. Keine Beiz in der Nähe. Scheisse, dieses Khartoum. Nach dem Einchecken nochmals zwei Stunden herumhängen. Im einzigen Bistro in der Wartehalle gibt es Pulverkaffee und Pringles. Im sogenannten Duty Free Shop gibt es Mitbringsel, Kopftücher und geschnitzte Schlüsselanhänger. Aber sicher keinen billigen Schnaps. Dafür Wolldecken made in Switzerland. Endlich geht der Flieger. «flydubai» nach Dubai.

Khartoum Map

Mein Fahrer weiss nicht mehr weiter – ein Passant zeichnet ihm den Weg in den Sand am Strassenrand

Wüsten - PET

Wadi Halfa

Es gibt einiges zu tun im neuen Land – Hotelsuche, Registration bei der Polizei, SIM-Karte auftreiben, Kamelfleisch testen, Bus reservieren und duschen mit kaltem Wasser – Bloss weg aus Wadi Halfa!

WADI HALFA – Wahrscheinlich bin ich gerade der, der den ganzen Minibus vom Hafen ins Städtchen finanziert. 50 Pfund habe ich dem Chauffeur gegeben, bei allen meinen Mitfahrenden sehe ich kein Geld die Hände wechseln. Und es sind viele Mitfahrende, der Bus wird gerammelt voll und der Gepäckträger auf dem Dach bricht schier zusammen unter seiner Last. Der Bus, ja eigentlich ist es ja ein Minibus (Toyota Hiace) bringt uns nach Wadi Halfa. das nördlichst gelegene Städtchen im Sudan, idyllisch am oberen, also südlichen Ende des Nassersee gelegen. Die verbleibende Zeit an diesem Montagnachmittag verbringe ich mit Unabdingbarem: Ein Hotel finden, den Polizeiposten aufsuchen zwecks Registrierung (man muss sich als Tourist innert drei Tagen im Land registrieren lassen, auch wenn man nur zwei Tage bleibt), eine Daten-SIM-Karte kaufen (es gibt hier nicht mehr an jeder Ecke WiFi), ein Busticket erstehen. Tatsächlich erweist es sich, dass man für diese vier Obliegenheiten einen ganzen Nachmittag braucht.

Dann gibt es Znacht. Ich sitze bei einem frischgepressten Orangensaft auf der Terrasse einer Saftdiele und treffe zufällig Nicolas, der in einem anderen, günstigeren Hotel (Absteige) eingecheckt und die selben Pflichten erledigt hat müssen (ausser der SIM-Karte, er legt nicht allzu viel Wert auf permanente Verbundenheit). Ich schlage vor, zum Dinner das Restaurant gleich nebenan aufzusuchen. Am Vordach über der Terrasse hängt ein halbes Tier, der Haut entledigt, ein Kamel, wie man uns bescheidet. Gleich daneben in einem Karbäuschen steht einer, nennen wir ihn Metzger, der schneidet ein Stück Fleisch aus dem Kamel und präsentiert es mir. Von der Grösse her meine ich, dass es meinen Hunger decken wird. Der Metzger wiegt das gute Stück, schnetzelt es in Stücke und wirft es auf einen Grill. Wir setzen uns an ein Tischchen, Nicolas scheint der Hunger anbetrachts des hängenden Kamelhinterteils vergangen zu sein, bestellen Limonade und warten. Warten nur fünf Minuten, schon habe ich das gegrillte Kamel vor mir. Es ist zäh wie Leder. Während ich intensiv kaue, fällt mir ein Teil einer Zahnfüllung rechts oben raus. Nicht unschmerzhaft, nicht das Rausfallen, sondern das Daraufbeissen, denn Zahnfüllungen fallen in der Regel nicht unbemerkt heraus sondern immer zwischen zwei Stockzähne während des Kauens.

Die Abfahrt aus Wadi Halfa naht. Eine kurze Nacht nach nur 18-stündigem Aufenthalt, um vier geht der Bus, ich stehe um halb Vier auf und dusche mangels warmem Wasser kalt. Blanker Horror, dafür hellwach. Zum Busbahnhof sind es zu Fuss fünf Minuten. Ich bin nicht allein, ein reges Chaos herrscht bereits, ich kaufe mir eine Tassen heissen Tee, setze mich in meinen Bus und warte. Der Bus fährt um Punkt vier Uhr los. Beim Checkpoint an der Stadtgrenze werden Führerschein des Fahrers und der Fahrtenschreiber im Bus kontrolliert. Dann drei Stunden Fahrt durch die Dunkelheit. Als die Sonne aufgeht, hält der Bus mitten in der Wüste, Menschen eilen raus und beten im Sand. Ich löse Wasser. Zwei Stunden später die Gelegenheit zum Frühstück in einer Raststätte. Die Menschen essen Heissgekochtes (Bohnen und Undefinierbares) mit den Fingern, ich habe keinen Appetitt auf Festes lasse mir einen wunderbaren Kaffee mit Kardamongeschmack geben. Wieder lösen Männer Wasser hinter der Raststätte, die Frauen verschwinden in halbzerfallenen Hütten. Die Umgebung ist mit leeren, flachgedrückten PET-Flaschen aller Art versaut, in den wenigen mageren Büschen hängen weisse Kunststoffeinkaufstüten. Und rundherum nur Sand und die pfeilgerade Aspahltpiste mittendurch. Echt krass skurril das Ganze.

Beim nächsten Halt gegen Mittag werden zwei Jungen in den Bus gelassen. Sie verkaufen Datteln und Orangen. Die Musik aus der Mediathek meines iPhones beginnt sich zu wiederholen. Noch vier Stunden bis Khartoum. Links Sand, rechts Sand, manchmal eine Skelett eines vor Hitze oder Last oder beidem zusammengebrochenen Esels. Manchmal Schafhirten mit einer Handvoll abgemagerter Schafe (oder Ziegen, wer weiss das schon). Immer wieder Mobilfungantennen. Wunderbar. So weiss ich immer wo wir sind. Vor und nach grösseren Orten Checkpoints der Polizei. Sie interessiert sich vorab für den Fahrer und das Fahrzeug, nicht für uns Passagiere. Es steigen die ganzen zehn Stunden keine ebensolche zu oder aus. Direktkurs Wadi Halfa to Khartoum. Und wo ist eigentlich der Nil? Er schlängelt sich in grossen Bewegungen durch die Wüste, die Strasse führt pfeifengerade nach Süden. Den Fluss sehe ich erst in der Hauptstadt wieder, grösser und mächtiger als in Luxor oder Kairo. Ein schöner Teil seines Wassers wird ihm in Ägypten und im Norden des Sudans zur Bewässerung der Äcker an seinen Ufern genommen. In Alexandria, dem Ausgangspunkt meiner Reise, kommt längst nicht mehr soviel an, wie sich hier in Khartoum, wo sich weisser und blauer Nil vereinen, hindurch drängen.

Wüsten - PET

Hinter mir der PET-Abfall – Hinterlassenschaften der Durchreisenden

Nasser Lake Cruiser

Auf dem Nassersee

Sonnenuntergang auf dem Nassersee – Die Männertoilette auf der «Sinai» ist ein rostiges Loch – Die der Frauen vermutlich auch – Dafür sind die Teller beim Dinner unzerstörbar

NASSERSEE – Irgendwann im Nachmittag legt die «Sinai» ab. Nun sind wir also unter uns. Keine lästigen Dienstanbieter mehr, die Passagiere suchen sich ein Plätzchen auf dem Oberdeck um sich die Sache von erhöhter Warte anzusehen. Einige und ich suchen das Schiff ab, zum Beispiel nach etwas Trinkbarem, zum Beispiel Bier. Doch Alk o.ä. gibt es hier nicht, nur süsse Limonaden und Wasser. Erste Passagiere beginnen bereits mit dem Abendessen, auch der freundliche Herr von vorhin, der mich schnell in ein Gespräch vermittelt. Und wenn ich Hilfe bräuchte in Wadi Halfa, an unserem Zielort, solle ich einfach nach ihm, «the egypt» fragen. Er sei dort wohlbekannt, fahre jeden Monat einmal hin, Händler sei er, Schmuck, Textilien, so Sachen halt.

Die Sinai verkehrt auf dem Nassersee («Buḥairat Nāṣir») als Linienschiff und fährt einmal pro Woche den ganzen See rauf. Assuan High Dam – Wadi Halfa und zurück, rund 500 Kilometer sind das. Sie braucht dazu rund 20 Stunden, d.h. eine Übernachtung ist dabei, deshalb die Kabinen. Zwei Mahlzeiten sind auch dabei, Breakfast und Dinner, wobei eine im Ticketpreis inbegriffen ist. Ich wähle Dinner und bekomme eine Metallschale mit allerlei Essbarem drauf plus einen Löffel aus Plastik (für die Sauce, Einheimische essen alles mit den Fingern). Beim Essen lerne ich Nicolas aus Kanada kennen, der eigentlich Franzose ist. Ein etwas zappeliger junger Typ, Zirkusschule-Dozent in Montreal, ja sowas gibt es, stets mit Kamera um den Hals und Wertsachentasche unter der Schulter. «Cool» sagt er zu fast allem, er spricht besser französisch als Englisch, ich umgekehrt, aber wir verstehen uns.

Sinai Vessel Sinai Crew Sinai Dinner Sinai Shithouse

Die Sinai im Hafen von Assuan High Dam, Blick auf die Brücke, Dinner in der Messe, Männertoilette

Lake Nasser Shore Nasser Lake Cruiser Nassersee Sundown Wadi Halfa Peer

Blick ans Ufer, kreuzendes Kreuzfahrtschiff backbord, Sonnenuntergang am Sonntagabend, Hafen von Wadi Halfa, Sudan

Später am Abend werden die Ausländer in ein Büro gebeten. Die sudanesische Passkontrolle. Der übliche Schreibkram, kein Computer weit und breit, tägg, Stempel aufs Visum, schliesslich sind wir drin im Sudan, obwohl wir noch in Ägypten sind. Dann Blicke und Fotos vom Oberdeck. Rund um den See nur Wüste. Kein Baum, kein Grashalm, kein Mensch, nur Fels und Sand. In der Abenddämmerung ein Kreuzfahrtschiff backbord, halb oder ganz leer, auch hier ist der Touristenstrom zusammengebrochen, unten am Damm hängen vier, fünf, solcher Cruiser an den Seilen am Pier. Kleiner Besuch auf der Brücke, Nicolas fotografiert wie wild, sagt: «cool!», versucht mit der Crew ins Gespräch zu kommen, geht schlecht, es mangelt an Englischkenntnissen. Später in der Nacht steige ich nochmals aufs Oberdeck, es ist stockdunkel weil Leermond, See und Wüste sind kaum voneinander zu unterscheiden.

Auch auf der Brücke ist es schwarz wie in einem Kuhmagen, ein paar Lämpchen und Leuchtdioden blinzeln grün und orange. In einem kleinen Holzkästschen schimmert schummrig und unscharf ein grünes Radarbild. Ob er sich tatsächlich nach diesem Bild orientiere, frage ich den Mann, der gerade Dienst hat. Das beachte er nicht wirklich, meint er: «I watch to the stars!» Dann erklärt er mir den Himmel vor uns und deutet auf einen besonderen Stern, nach dem er sich richte. Ich verstehe natürlich rein gar nichts von Astronomie, weiss nur, dass es eine hohe Kunst sein muss, in dieser Schwärze das Schiff in der Mitte des Sees zu halten und nicht auf einen Felsen am ausgefransten Ufer aufzufahren. Ob wir Abu Simbel sehen werden, frage ich den Steuermann. Ja, am frühen Morgen, meint er. Ich nehme mir vor, am frühen Morgen auf Deck zu ein. Doch der frühe Morgen schleicht an mir vorbei ebenso wie Abu Simbel. Ich schlafe überraschend gut in meinem Rattenloch und verpasse darum das Highlight des Tages.

Auf dem hohen Damm 2

Auf dem hohen Damm wartet ein Schiff namens Sinai – Ich lasse mir meine Koffer tragen und zuviel Geld aufschwatzen – Die letzte Schritte in Ägypten sind ein Spiessrutenlaufen

ASSUAN HIGH DAM – Drei Stunden braucht der Zug von Luxor nach Assuan, der südlichsten Stadt von Ägypten. Von der Stadt sehe ich nichts, da ich ziemlich schnell in ein Taxi steige. Die Fahrer sind dermassen aufdringlich, dass sie einen schon fast aus dem Zug herausholen. Schnell muss es gehen, weil das Schiff in den Sudan um 12 Uhr mittags fährt, jedenfalls offiziell, und der Zug, sehr pünktlich übrigens, um 11h15 ankommt. «High Dam, how much?» frage ich den Taxifahrer, der mein Gepäck behende ins Auto packt. «300 Pounds!» meint er, worauf ich meine: «200!», worauf er dann meint: «Ok, 250!» und ich: «Ok, 250!» erwidere. 13 Franken für 17 Kilometer, ich meine, das ist fair.

Der «High Dam» ist der höhere der beiden Nildämme in Assuan. Der niedrigere liegt näher bei Assuan und ist bereits mehr als 100 Jahre alt. Wenn man vom Assuan-Staudamm spricht, meint man den grossen Damm, eben den High Dam. Den, den die Russen gebaut haben, der der 1970 in Betrieb ging. Oben auf dem Damm angekommen (linke Seite), bleibt mir wieder nicht viel Zeit, die Sache zu betrachten. Schon stürmt eine Horde Hilfswilliger auf mich zu, sie reissen mir mein Gepäck aus den Händen, zeigen und fuchteln mit den Händen auf den Ticketschalter. Wie das so ist in Ägypten, muss man in solchen Situationen vieles gleichzeitig tun: Sich seinen Weg durch die Leute bahnen, dabei alle sieben Sachen beieinander behalten, hilfswillige Schlepper und Nepper erst mal abweisen, sein Ziel erkennen und ansteuern und klaren Kopf bewahren. Und möglichst nicht so tun, als hätte man keine Ahnung.

Die Tickets für das Schiff werden in einem Container verkauft. Ich werde hineingebeten, nehme Platz auf einem Stuhl, einer schreibt Daten aus meinem Pass, ein anderer schreibt ein Ticket aus. Gleichzeitig redet ein Geldwechsler, älterer Herr im Kaftan und Turban, auf mich ein, bietet mir US-Dollars an. Ob ich ein Sudan-Visum habe, will der Passkontrolleur wissen, 100 $ reichen bei weitem nicht, meint der Geldhändler, 425 Pfund (ägyptische) kostet das Ticket (erste Klasse), man müsse alle Hotels in Cash bezahlen, meint der Wechsler, ich kaufe 3’800 Pfund (sudanesische) für 200 US$, ich habe nun vier Währungen in meinen Hosentaschen, wobei das Bündel der 50- und 2- Sudan-Pfund-Scheine ziemlich aufträgt in meiner linken Gesässtasche, und drei Währungsumrechnungskurse im Kopf, werde darum beinahe kurzfristig wahnsinnig und muss auch noch den Alten, der meinen Koffer umklammert hält, und den Jungen, der ihn assistiert und unbedingt meine Kameratasche tragen will, im Auge behalten. Ich erhalte meinen Pass zurück und ausserdem ein Ticket sowie einen Kabinenreservationsschein und einen Verpflegungsbon, wobei ich sämtliche Angaben auf ebendiesen nicht lesen kann, da arabisch (es wird mir dann aber später auf dem Schiff von einem liebenswürdigen Herrn, der kein Geld dafür will, erklärt).

So kommt es, dass ich von diesem Hohen Damm auch nichts zu sehen bekomme, ausser der Rampe, die zum Fährhafen hinunter führt. Um auf die Rampe zu kommen, muss ich erst durch das Hafentor, wo einer Pass und Ticket kontrolliert. Gleich dahinter steht noch ein Container, wo man wiederum das Ticket anschaut und ich 50 Pfund (ägyptische) abdrücken muss, weiss der Teufel für was. Dafür erhalte ich einen Stempel auf das Ticket gedrückt, und weiter geht der Spiessrutenlauf zum Schiff. Mein Träger, der meinen Koffer trägt, und mein Schlepper, der offensichtlich total bekifft ist (ob Kat oder Shit ist nicht zu erkennen) und nichts tut ausser dass er auf mich einredet, das Übliche halt, woher, wohin, zum ersten Mal in Ägypten, usw., begleiten mich zum nächsten Gebäude, wo mein Gepäck auseinandergenommen wird und ich auf wasweissich untersucht und gescannt werde. Gleich danach verkaufen zwei Knaben Ausreisekarten für 1 Pfund (immer noch ägyptische), was eigentlich absurd ist, denn solche Karten kosten kosten üblicherweise nichts, aber ich sehe grad keine Möglichkeit, anders an die Karte heranzukommen. Also, schnappt euch das Pfund und habt Gefallen daran.

Sofort fülle ich die Karte aus denn es folgt die Passkontrolle. Wenn ich nun denke, dass meine beiden Sekundanten hier nicht weiter dürfen, irre ich mich. Die Beiden schleppen mich weiter zur Gangway, wo wiederum Pass und Ticket kontrolliert werden. Ich bin nun also auf dem Schiff. «Sinai» heisst es. 12h30, von mir aus könnte es nun ablegen (es tut es rund 2 1/2 Stunden später). Meine Schlepper wissen genau wo meine Kabine ist, eine Zweierkabine, ein Rattenloch, hoffentlich kommt keine Zweiter, gleich am Anfang des Korridors, wird wohl eine unruhige Nacht. Plätzlich stehe ich mit diesem beiden Herren, dem Alten, eher sprachlosen (weil des Englischen nicht mächtig), und dem Jungen, dem bekifften, der eher zuviel spricht, und die Türe ist zu. Hohle Hände vor mir. Ich gebe alle meine kleinen Pfundscheine her (18 Pfund/1 Fr.) und meine, das reicht. Zuwenig, sagt der plötzlich sehr eifrige Bekiffte, ich lege noch eine 1$-Note dazu und meine: «That must be enough, this is two Dollars, one for each, share it and now go!» Natürlich will der Junge noch nicht gehen, dabei ist er der, der fast gar nicht beigtragen zu diesem Check-In-Vorgang ausser viel Gelaber, und der Alte sagt immer noch nichts. Ich schmeisse beide aus meiner Kabine.

Bündelweise Geld – drei Währungen im Hosensack

Auf dem hohen Damm 1

Vorkehrungen zur Einreise in den Sudan – Wie ich das Visum beinahe geschenkt bekommen und dabei meinen persönlichen Bankberater kennengelernt hab

LUXOR – Nun wird’s also Ernst, es beginnt der Teil meiner Reise, bei dem ich nicht so genau weiss, was auf mich zukommt. Aber das macht doch eine Reise zu einem Abenteuer, das macht’s doch erst interessant, macht’s doch erst geil! Ha! Nun gerade geil wird’s im Sudan nicht, aber überraschend, unterhaltsam, bisweilen absurd. Und warm wird’s auch, angenehm warm, nicht allzu heiss, wie man sich den Sudan üblicherweise vorstellt, sondern gerade richtig temperiert. Es ist ja auch hier immer noch Anfang Januar, somit Winter, jedenfalls sagen die Leute hier  es sei Winter. Für mich beginnt der Sommer.

Die Einreise in den Staat Sudan beginnt aber schon mit der Einreichung des Visumantrags. Das kann man auch bei diesem angeblich mausarmen Staat im 21. Jh. online machen. Erst muss man aber 100 Franken auf ein Konto der sudanesischen Botschaft in Genf einzahlen, weil man den Beleg für die Überweisung dem Visumantrag anhängen (pdf) muss. Auch anhängen muss man, sollte man, eine Bestätigung des Sponsors (gemeint ist eigentlich eine Person, Firma oder Institution, die den Antragsteller einlädt; es reicht aber auch der Buchungsbeleg für die erste Nacht in einem Hotel oder die Kopie des Rück- oder Weiterflugtickets) und ein Bankkontoauszug. Natürlich hänge ich einen Auszug meines hundsmiserabel dotierten Bankkontos nicht an sondern ein zweites Mal das pdf der Überweisung. Ein Hotel habe ich noch nicht gebucht, also hänge ich das pdf des Tickets für meinen Weiterflug von Khartum nach Muskat, den ich bereits gebucht habe, an. Gleichzeitig mit der Online-Visa-Application muss man den Pass nach Genf schicken, inkl. ausgedruckte Kpoie der Bestätigung des Visumantrags.

Schon nach vier Tagen (!) erhalte ich Pass mit Visum zurück. Am selben Tag erhalte ich auch einen Brief meiner Bank. Man hätte die Überweisung von 100 CHF an die sudanesische Botschaft vorläufig gesperrt, steht da. Gemäss internationalen Abkommen seien wirtschaftliche Vorgänge mit dem Sudan verboten. Ich solle mich doch mit meinem persönlichen Berater bei der Bank in Verbindung setzen. Tja, wer ist enad mein persönlicher Berater bei meiner Bank? Seit Jahren verkehre ich mit dieser Bank ausschliesslich digital und ich habe noch nie auch nur eine Person, die da mit irgendwelchen Aufgaben mein Konto betreffend, beschäftigt ist, getroffen/gesehen/gesprochen. Ich rufe also die allgemein 0848xxxxx-Nummer an und warteschlaufe mich durch.

Wie gesagt, der Sudan werde von der halben Welt mit Wirtschaftsleistungen boykottiert (was die Amerikaner durchgesetzt haben, imfall), erklärt mir mein «persönlicher Bankberater». der Handel von Waren und somit Überweisungen von Geld seien untersagt, sagt der Mann, man befolge da als Bank nur die Internenen Vorschriften und die bestehende Gesetzeslage. Da er aber erkenne, dass die 100 Stutz ganz offensichtlich für die Kosten eines Visums vorgesehen seien, könne er unter Umständen die Überweisung freigeben. Diese Umstände seien die folgenden: Wenn ich privat in den Sudan reise, sei dies keine embargopolitisch verbotene Aktion, hingegen wenn ich zwecks Geschäften einreisen wolle, dann könne er nicht zustimmen.

Visa Sudan

Zwei Seiten braucht der Sudan in meinem Pass; unten Visum mit Einreisestempel, oben Registrierungsmarke und Ausreisestempel

Ich erkläre dem Mann (persönlicher Berater) meine Situation: Eigentlich reise ich geschäftlich, da ich eine Recherche unternehme, aus der dann Artikel für Printmedien und ein Buch entstehen. Anderseits sei ich eigentlich nur ein harm- und ahnungsloser Tourist, der das Land sehen will (eigentlich muss, weil es von Assuan nur den selben Weg zurück gibt oder eben die Flucht nach vorne durch den Sudan, aber das sage ich dem persönlichen Berater nicht, weil es sonst zu kompliziert wird). Der persönliche Berater sagt, er werde sich für die Sache einsetzen und wir beenden das Gespräch. Am folgenden Montag sehe ich online, dass die Bank die 100 CHF freigegeben hat.

Ihr aufmerksamen Lesenden habt nun bestimmt bemerkt, dass hier etwas chronologisch nicht stimmen kann. Da habt Ihr recht, denn: Ich habe den Pass mit dem Visum schon erhalten, bevor die Gebühr für den Antrag bei der Botschaft eingegangen ist. Ich hätte mir eigentlich die 100 Franken sparen können, oder?