seekrieg #12
die liemba ist endlich auf hoher see. das stimmt sogar 2x, denn der lake tanganjika ist ja ein see und zudem noch recht weit oben, auf 800 metern über meer liegt sein seespiegel (exakt genauso hoch über meer wie die schwellen des degersheimer bahnhof’s). am ersten tag auf see hält man’s im schiffsinnern nicht lange aus. auch wenn das wetter grad rechts stürmisch ist, muss ich aufs oberdeck, sehen was sich da abspielt. und das spielt sich wahnsinniges ab! ich finde wirklich kein anderes wort für das, was ich da sehe. die liemba legt gerade zum zweiten mal an, um passagiere aufzunehmen. mangels hafen legt das schiff aber nicht an, sondern lässt 500 meter vor der küste die ankerkette rasseln. zehn minuten vorher, noch in fahrt, hat der diensthabende offizer das schiffshorn zwei mal hupen lassen. es ist für die, die aussteigen müssen, sowie für die am ufer, die neu dazukommen wollen, das signal sich bereitzumachen. als die liemba noch den anker runterlässt, kommt bereits eine handvoll fischerboote heran, die einen werden gerudert, die anderen haben einen motor. es stürmt ein wenig, wie gesagt. aber für die zubringerschiffe ist das kein grund, nicht aufzutauchen. man rudert, was das zeug hält und die mit motor werden die ersten sein.
nun geht der wahnisnn los. das erste boot legt an der seitenwand der liemba an. alles schreit. man schreit und gestikuliert, es geht um die übernahme der aussteigenden passagiere. jeder bootsführer will ein geschäft machen, seine helfer natürlich auch. bezahlt wird nach der fahrt, das gilt für die, die keine ahnung haben, also touristen. das sind natürlich nicht viele, es sind alles einwohner der dörfer am ufer. sie schreien natürlich auch, bis der, den man ansprechen will, reagiert. man weiss, wer kommt und wer wen abholt, trotzdem aber gibt’s ein geschrei, das so kriegerisch aber gar nicht ist, denn es wird auch viel gelacht. so ein an-land-gehen- ist auch ein abenteuer und eine abwechslung für die jungen bootsführer. diejenigen passagiere, die nicht auf’s näher gelegene boot wollen, steigen einfach darüber, was schreib‘ ich: sie schwanken darüber, suchen nach halt, möchten hilfeleistung. das ist nicht so einfach wenn man koffer, volle säcke, körbe, eimer, kisten und kleine kinder bei sich hat. das ist erst recht nicht einfach, wenn die ausstiegsluke der liemba rund einen meter höher oben ist als der rand des nächstliegenden bootes.
«Krieg »um die zahlungskräftigen Passagiere – am ende sind alle mehr oder wenger zufrieden
derweil machen auch am bug diverse boote fest. dort werden mit dem kran der liemba säcke aus dem laderaum gehoben und ebenso abenteuerlich wie die passagiere, kommen auch der mais, die trockenfische, das plamöl, neue motorräder, fahrräder, ja sogar ein kleiner traktor über den köpfen der menschen in die boote.wiederum wird drunter und drüber gehievt, ladung geht vom schiff und neue ladung kommt hinzu. das geht ebensowenig ohne aufgeregtes geschrei, aber es geht ohne unfälle, erstaunlicherweise. einem SUVA-inspektor würden trotzdem die haare unter’m helm zu berge stehen. er würde wohl sogleich eine grossbestellung ebensolche und schwimmwesten in auftrag geben.
Heimkehr nach zwei Wochen – Mutter und Kind im Festtagskleid
für die küstenbewohner am rund 600 kilometer langen see ist die liemba der einzige weg, weg- oder hinzukommen. am ufer entlang führt keine strasse, trampelpfade sind die üblichen verkehrswege. ohnehin haben die einwohner der fischerdörfer keine autos, also wozu strassen. die liemba versorgt sie alle zwei wochen mit dem lebensnotwendigsten, oder nimmt ihnen ihre haupterzeugnisse ab: trockenfische und ananas für den markt in mpulungu/sambia. jeden zweiten mittwoch einer geraden woche fährt die liemba mit bis zu 600 passagieren den see runter, am drauffolgenden samstag oder sonntag wieder rauf – wenn alles rundläuft (was es selten tut). das ist der offizielle fahrplan der liemba, der nirgends angeschlagen ist und auch online nicht verfügbar ist. die liemba bedient nur die tansanische seite und den einzigen hafen in sambia. kongo, burundi und ruanda werden ausgelassen. zuviel troubles gab’s da in den letzten jahren und noch ist keiner auf die idee gekommen, den betrieb zu diesen ländern wieder aufzunehmen.
Am Ufer werden die Fischerboote schon sehnlichst erwartet
übrigens gibt es in den meisten der etwa 20 kleinen fischerdörfer (ausser dem edel resort «lake shore lodge» eines superreichen amerikaners bei kipili, das sogar einen kleinflugplatz hat) weder strom noch telefon. bestellt wird die ware mit dem handy – da sind die fischer und fischerinnen und mit ihnen ganz tansania voll auf der höhe der zeit.