deckrundgang #15

Posted by michl on 20/12/2013 in träwel |

Mannschaftsalltag auf dem Brückendeck der Liemba

es ist samstag geworden, dritter tag auf der liemba. endlich wage ich mich ins unterdeck. dazu muss man wissen: in tansania kennt man vielerorts in transportmitteln das klassensystem. wie bei uns auch, aber in diesem land sagt es viel mehr über die sozial-hierarchische stellung der menschen aus. in der der zweiten oder dritten klasse verkehren nicht nur passagiere, die mit dem gebotenen komfort zufrieden sind und nicht mehr geld ausgeben wollen, um von A nach B zu kommen. sondern es verkehren nur und auschliesslich solche, die gar nicht das geld haben, um 1. klasse zu fahren. hätten sie es, würden sie es tun, denn die verhältnisse in der dritten klasse sind, auch aus der perspektive eines menschen aus der untersten tansanischen gesellschaftsschicht, unter aller sau. ganz speziell gilt das für die liemba. dort ist die dritte klasse unten im schiffsbauch, wo es nur bänke und keine betten oder liegen hat und nur wenige fenster. mich sticht’s im hafer, mir die zustände mal anzugucken und festzuhalten. ich weiss aber auch, dass es tansanierinnen und tansanier nicht gerne haben, wenn man sie fotografiert. 40% sind muslime, und ein guter teil der christen ist derart abergläubisch, dass sie davon ausgehen, eine kamera stehle ihnen einen teil ihrer seele. ein ganz kleiner teil denkt weder islamsich noch christlich, sondern will ganz einfach geld für ein foto. ich muss also vorsichtig sein, fragen, gestikulieren, andeuten, absagen akzeptieren.

Unterkunft in der 3. Klasse

zwei treppen führen hinunter in die 3. klasse. «stairs to hell» könnte man auch sagen. dunkel, schummrig, klebrig. warm, aber nicht heiss, grade noch auszuhalten. es müffelt nach schweiss, urin, vollen pamper’s, bananen, essabarem und nicht essabren, undefinierbarem. leute liegen auf bänken, daneben am boden, stehen oder kauern, schlafen, dösen, stillen kinder, palavern, gaffen. rechts von mir ist ein kiosk, einer der kellner von oben hat grad dienst, er hängt halt da irgendwie, gekauft wird nicht viel. dem händler bei der treppe läuft es besser. in seinem angebot, das er irgendwie notdürftig an die schiffswand gepinnt hat, hat er überreife bananen, kekse, irgendwelches kinderschleckzeug’s, irgendwelches knabberzeug’s, einzelzigaretten (zu 150tsh/8rp), telefonierbons (man kauft hier prepaidkarten und kann dann durch zukauf von bons die gesprächsguthaben verlängern, der bon hat einen rubbel-code, den gibt man ein, und schon kann man wieder 1 stunde telefonieren, den bon schmeisst man weg). im allgemeinen also nicht dinge, die man zum überleben braucht und eher aus langeweile oder zur beruhigung der kinder kauft. ich kaufe nichts, dafür will der dealer geld von mir, für’s foto nämlich. ich mache kein foto.

4-er Kabine der Mannschaft

man schaut mich an wie einen extraterrestrial. das ist aber auch hier unten nichts ungewöhnliches, denn man schaut mich seit ich in kigoma eingetroffen bin, ziemlich unverschämt an, vor allem die kinder. ob das daran liegt, dass manche noch nie einen weissen gesehen haben, glaube ich nicht. liegt’s an meinem ungewöhnlich aparten aussehen? an den haaren ächt? wie gesagt, ich bin es gewohnt, ausgiebig betrachtet zu werden. doch hier unten scheinen die blicke an mir zu kleben. sobald ich die kamera hochhebe, schauen sie alle weg. ich weiss was das heisst. ich schiesse aus der hüfte ein paar pix und steige über dösende körper und die erste treppe wieder hoch zum ladedeck.

im hinteren teil des ladedeck’s sind die kabinen für die niederen crew members‘ (ca 8 oder 10, undefinierbar), die köche (5) und die kellner (4), deren messe (kantine) und das ticketbüro. ausserdem gibt es hier getrennte toiletten und duschen für ebendiese crew und die drittklasspassagiere. deren zustand ist etwa gleich miserabel wie der der unseren. beim scheisshaus hört der klassenunterschied also auf.

Ladedeck kurz vor der Abfahrt in Kigoma

im vorderen teil ist das offene ladedeck. hier war bei der abfahrt in kigoma so ziemlich alles gestapelt, was nicht in den passagierräumen oder in der ladungsbucht platz gefunden hat: säcke, körbe, kisten, kartons, koffer, bündel, eimer, leere palmölbidons; volle fanta-, cola und bierharasse, dann ananas und grüne bananen offen, getrocknete kapenta’s (endemische tanganjikaseesardine) in säcken, getrocknete zertretene kapenta’s aus gerissenen säcken, lebende hühner (man bindet ihnen ein bein hoch, dann hauen sie nicht ab), schlafende menschen, gerollter maschendrahtzaun, gerollte bleche, gerollte schilfmatten, gerollte folien für irgendwas und einmal gefaltete matratzen. und waschpulversäcke. nochmals säcke und körbe und koffer, eimer und bidon’s. am ersten abend haben sich hier auch viele passagiere open air schlafen gelegt. als es irgendwann in der nacht leicht zu regnen begonnen hat, hat die mannschaft das ganze deck mit blachen abgedeckt und die passagiere haben sich ins unterdeck verkrochen.

Blick in den Laderaum, wiederverwendete, zum Teil zusammengenähte Maissäcke gefüllt mit getrockneten Tanganjikasee-Sardinen

heute, am dritten tag auf see, hat sich das ladedeck grösstenteils entleert. man kann jetzt gehen ohne mit jedem schritt zu sondieren, worauf man tritt. oben auf dem bugaufbau haben wurden ein paar säcke mit getrocknetem fisch zur nachtrocknung ausgeleert. mmhhh, wie das fischelet. für den ankermann und die, die hier sonst noch mit oder ohne grund (also ich) herumlatschen, hat man ein weglein offengelassen.

Zum Nachtrocknen ausgelegte Tanganjikasee-Sardinen/Kapenta’s 

Bar und Messe für 1. und 2. Klassepassagiere sowie den höheren Staff

Oberdeck, Steuerbordseite – wer hatte da wohl die Idee mit dem (echten) Vicus?

Am Heck: Die Mannschaft beim leidenschaftlichen «Mensch ärgere Dich nicht»

 

 

 

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