Migränelos durch Kybernetik

Posted by michl on 10/02/2021 in nebi |

Die Kyburg und der Cyborg – Auf den ersten Blick hat der Eine mit der Anderen wenig zu tun. Auf der Kyburg wurden schon im späten Mittelalter Eisenteile in menschliche Körper gepflanzt. Überlebt haben sie es aber leider nicht.

MICHAEL HUG

Auf Schloss Kyburg (bei Winterthur) steht in einer kalten Dachkammer die eiserne Jungfrau. Natürlich ist diese eiserne Lady kein Cyborg, vielmehr ein Man Killer, vielleicht auch ein Woman Killer. Sie war wahrscheinlich der (die?) erste Cyborg der Geschichte. Cyborg auf der Kyburg – nicht nur aussprachlich gar nicht so weit voeneinander entfernt. «Cyborg» wird in Englisch als «saiborg» ausgesprochen, auf Deutsch meint das Ding jedoch «KybOrg», ausgesprochen als «kiborg». Wo ist nun die Parallele? Der Cyborg ist (auch in der weiblichen Form) ein kybernetischer Organismus (cyb-org – cybernetic organism). Die Kyburg ist ein Schloss, unbeweglich, kybernetisch höchstens wenn mal ein Stein aus der Mauer fällt (der Begriff «kybernetisch» impliziert Beweglichkeit in Verbindung mit Energie). Die eiserne Jungfrau ist etwas Bewegliches (kybernetisch), mitunter auch Bewegendes (emotional). Die Jungfrau zu Kyburg ist also sozusagen ein Frühmodell eines Cyborgs, eines Roboters, ein Ding das dem Menschen ähnelt bzw. ihn teilweise oder ganz ersetzt.

Die Fantasien der Kreativen

Cyborgs sind keine Kinder der Digitalisierung. Menschenähnliche Maschinen oder Menschen mit kybernetischen Prothesen entstanden in den Fantasien der Kreativen noch bevor ernstzunehmende Wissenschaftler an programmierbaren Robotern bastelten. Das predigitale Zeitalter war aber auch die Epoche, in dem nicht nicht alles anglifiziert wurde. Der Regisseur Fritz Lang nannte seinen Maschinenmenschen (bzw. -menschin) in «Metropolis» (1927) einfach nur «Maschinenmensch». Maria, so hiess Langs eiserne Lady, war der perfekte Cyborg: «Sie ist das vollkommenste und gehorsamste Werkzeug, das je ein Mensch besass.» (Zitat aus «Metropolis») Maria, die Vermenschlichte, war aber nur eine blecherne Kopie eines menschlichen Originals. Ganz im Sinne der Definition des Cyborg: Ein Mischwesen aus Mensch und Maschine, Menschen, denen teilweise oder ganz mechanische bzw. künstliche Teile eingesetzt wurden.

SulzerhüftgelenkträgerInnen

Insofern sind SulzerhüftgelenkträgerInnen, HerzschrittmacherträgerInnen oder KontaktlinsenträgerInnen klassische Cyborgs. Auch Silikonbrustträgerinnen sind Cyborgs oder Lippenunterspritzerinnen, wenn man die Definition arg streng nimmt. Kein Cyborg ist aber ein Mann, der Viagra schluckt – solange er an seinem Schniddel keine operative (mechanische) Veränderungen vornimmt. Doch der Fortschritt schreitet weiter: Bereits arbeiten Frankensteins Nachkommen unter den Wissenschaftlern an digitaler Gehirnuntertützung bzw. -ersatz. In der EU läuft dazu ein geheimes und umfangreiches Forschungsprogramm «The Intelligent Brain Project» (TIBP). Als Versuchskaninchen haben sich PolitikerInnen und Menschen aus der Showbranche freiwillig zu Verfügung gestellt.

Schlaues Hirn – weniger Kopfschmerzen

Nun berichten Quellen, dass man in der Hirnersatzforschung («Brain Improvement Research» BIR) immer noch im kybernetischen (also mechanischen) Stadium sei. Das bewegliche Hirn sei noch weit von den Zielen und Lichtjahre von künstlicher Intelligenz entfernt, berichten beteiligte Wissenschaftler ohne mit ihrem Namen genannt werden zu wollen. Insbesondere lasse die Geschwindigkeit bei Lern- und Entscheidungsprozessen doch noch sehr zu wünschen übrig. Die Krankenkassen hätten die Übernahme der Kosten trotzdem bereits zugesagt mit der Begründung, ein schlaues Hirn erzeuge weniger Kopfschmerzen. Millionen für Saridon und Aspirin liessen sich dadurch sparen. «Ein kybernetisches Hirn braucht regelmässig ein paar Tropfen Öl und ist insofern ein sehr ökonomisches Hirn», lässt sich ein Krankenkassenvertreter zitieren, selbstverständlich auch er ohne seinen Namen veröffentlicht sehen zu wollen.

Cyborgs unter uns

Geflissentlich vermeidet die Branche den Begriff «Cyborg», spricht stattdessen lieber von «Verbesserungen», «Optimierungen» oder «gesteigerter Lebensqualität» des Menschen. Nichtsdestotrotz weilen Cyborgs schon längst unter uns. Sie bemächtigen sich unserer Fantasie und die der KünstlerInnen. Beispiele: H.R.Gigers «Biomechanoiden» in «Alien» (1979), der Song «Sy Borg» aus dem ziemlich schlüpfrigen Album «Joe’s Garage» von Frank Zappa (1979), der Cyborg aller Cyborgs, Arnold Schwarzenegger als «Terminator» (ab 1984), der im Übrigen, selben Ursprungs ist wie die Eiserne Jungfrau bei Winterthur, nämlich Österreich. Und wer weiss, vielleicht ist sogar Daniel Kalt ein Cyborg (er wäre mit seinem Nachnamen geradezu prädestiniert dafür) oder Magdalena Martullo. Auch die Jungfrau zu Kyburg ist ein Cyborg. Ihre innere Mechanik (Kybernetik) macht sie zwar nicht schlauer, dafür aber effizienter. Von aussen ist sie die liebliche Lady, aber wer je in ihr war, ist meistens nicht mehr lebend wieder aus ihr gekommen. Sie ist, also war, schon vor 150 Jahren «The true Cyborg of the Kyburg»: anspruchs- und gefühlslos, gehorsam, rational und politisch neutral.

Erschienen am 1.03.2021 im Nebelspalter

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